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25. GeburtstagPro Familia in Burscheid ist „Vorreiterin“ beim Thema Menschenrechte

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Pro Familia in Burscheid feiert das 25-jährige Bestehen.

Pro Familia in Burscheid feiert das 25-jährige Bestehen.

Die Beratungsstelle der Pro Familia in Burscheid hat ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert.

Vor knapp einem Jahr – damals noch unter der Ampelregierung – scheiterte im Bundestag das Vorhaben, Schwangerschaftsabbrüche in den ersten zwölf Wochen zu legalisieren. Das Thema ist nach wie vor aktuell, die Debatte läuft weiter. Der Schwangerschaftsabbruch ist vor allem auch ein zentrales Arbeitsfeld der Pro Familia und so auch ihrer Beratungsstelle in Burscheid, die mittlerweile seit 25 Jahren Bestand hat.

Ursprünglich gründete sich die Organisation Pro Familia 1952 in Kassel und war in den 1950er- und 60er-Jahren Pionierin für Sexualaufklärung und Empfängnisregelung und Aktivistin gegen illegalen Schwangerschaftsabbruch. In dieser Zeit richtete der Verein auch die ersten Beratungsstellen ein. Seit den 1970er-Jahren beteilige sich Pro Familia an der Beratung vor einem Schwangerschaftsabbruch, heißt es vom Verband.

Dieser anfängliche Fokus auf dem Abtreibungsthema weitete sich in den Folgejahren aus, weil deutlich wurde, dass Frauen auch über den Schwangerschaftsabbruch hinaus noch weitere Unterstützung brauchen. Außerdem gingen aus diesem Themenfeld weitere Schwerpunkte der heutigen Pro Familia hervor, wie die Beratung zu Verhütung.

Burscheider Beratungsstelle: Bei diesen Themen berät die Pro Familia

Mittlerweile verfügt die Organisation – und so auch die Beratungsstelle in Burscheid – über ein breites Angebot: von Partnerschaft, über Sexualität, Familienplanung, Schwangerschaft bis zu Geburt und Elternschaft informiert die Pro Familia. Das Team bietet zum Beispiel Paarberatungen in Beziehungskrisen an, besucht Schulen, um Kinder sexuell aufzuklären. „Die Pro Familia ist mit den Bedürfnissen der Menschen gewachsen“, berichtet Psychologin Silke Großmann aus dem Team: „Jetzt ist zum Beispiel Elterngeld ein großes Thema, traumatische Geburten waren in den vergangenen Jahren ein großes Thema und sind es noch – oder, dass gleichgeschlechtliche Paare eine Familie gründen wollen.“

Letzteres gilt ausdrücklich auch für schwule Paare, denn die Pro Familia ist keine reine Frauenberatungsstelle. Sie ist offen für alle Menschen: Menschen mit Behinderung, Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen, Menschen aller Geschlechter, aller sexuellen Orientierungen. „Wir stehen für humanitäre Rechte rund um Schwangerschaft, Geburt und Sexualität“, fasst Großmann den Auftrag der Organisation zusammen. Der Großteil der Anfragen betrifft aber nach wie vor Schwangerschaftsabbrüche.

Wir haben ein bisschen eine Vorreiterrolle in Bezug darauf, Menschenrechte unter die Menschen zu bringen.
Floris Bottinga, Sexualpädagoge

„In 2025 kamen circa 75 Prozent der Anfragen zur Beratung im Schwangerschaftskonflikt“, sagt Beratungsstellenassistentin Angelika Donsbach. In den vergangenen Jahren hätten aber zunehmend Diversität und die angespannte politische Situation in den Beratungen an Bedeutung gewonnen, wie das Team angibt. „Ängste mit der globalen Situation begegnen uns. Die Menschen kommen mit Fragen wie ‚Soll ich überhaupt noch Kinder kriegen in dieser Zeit?‘ oder ‚Kriegen wir das noch gestemmt, obwohl die Mieten steigen?‘ in die Beratung“, schildert Großmann.

Außerdem würden die Klienten sie auch mit Themen, die maßgeblich über die sozialen Medien Verbreitung finden, konfrontieren: Selbstoptimierung, der Druck, als werdende Mutter alles perfekt machen zu wollen, oder Retraditionalisierung unter dem Stichwort „Tradwives“ (also der Trend zurück zu einer traditionellen Frauenrolle, die keinen Beruf ausübt, sondern sich um die Kinder und den Haushalt kümmert).

In den vergangenen Jahren habe sich allerdings auch eine positive Entwicklung abgezeichnet, was das Thema Diversität anbelange, skizziert das Team der Pro Familia in Burscheid. „Was sehr positiv gegenüber der Gesellschaft vor 20 Jahren ist, ist, dass die Diversität einen Platz hat. Diese Haltung gab es vor 20 Jahren noch nicht so“, berichtet Sexualpädagoge Floris Bottinga. Dabei ist es laut den Mitarbeitenden für sie oftmals schwer begreiflich, dass diese „Selbstverständlichkeit“ noch nicht gänzlich in der Gesellschaft angekommen ist. „‚Du bist in Ordnung, so wie du bist‘ – das ist immer noch nicht so in der Gesellschaft angekommen, das ist ein rechtebasierter Ansatz“, erklärt Bottinga und bemerkt anschließend: „Wir haben ein bisschen eine Vorreiterrolle in Bezug darauf, Menschenrechte unter die Menschen zu bringen.“

Das wünscht sich das Burscheider Pro-Familia-Team für die Zukunft

Das Team zeigt deutlich: Die Pro Familia prägt mit ihrer Arbeit nicht nur Einzelschicksale, sondern auch Gesellschaft – Werte, Normen, Rechte. Und so zielt auch der Zukunftswunsch der Mitarbeitenden der Burscheider Beratungsstelle in eine solche Richtung: „Unser größter Wunsch wäre es, aus dem Tabu herauszukommen bezüglich des Schwangerschaftsabbruchs. Wenn es einfach zum Frauenrecht hingestellt würde, wie auch in anderen Ländern, wie Frankreich oder Spanien, ist. Damit Frauen wissen, was ihnen zusteht und mehr Infos geteilt werden, dafür ist diese Enttabuisierung notwendig“, sagt Silke Großmann. Sozialarbeiterin und Sexualpädagogin Theresa Ibach ergänzt: „Und wir wünschen uns Sichtbarkeit: Ein Schwangerschaftsabbruch ist eine herausfordernde Lebenssituation, und dann erst von unserem Angebot zu wissen, ist überfordernd.“

Für die Zukunft ihrer eigenen Institution hofft das Team auf eine „solide Beständigkeit ohne Angst, dass irgendwas gekappt werden wird, dass man die Arbeit hier weiterführen kann“ – das heißt wohl primär gesicherte Finanzierung. Die Beratungsstelle ist zum einen Teil landesgefördert, zum anderen kommunal – derzeit haben die Städte allerdings nicht allzu viel Geld zur Verfügung. „Ich glaube, dass der Bedarf schon gesehen wird und der Kreis gerne die Gelder zur Verfügung stellen will, aber es ist die Frage, wie viel sie leisten können“, berichtet Großmann. Die Beratungsstelle freut sich auch über Spenden. Denn damit die Pro Familia ihr Angebot für die verschiedensten Lebenslagen fortsetzen kann, braucht es eine sichere Finanzierung.