Abo

Holla dia hihi in WindeckBurgjodlerinnen erzeugen Gänsehaut bei 27 Grad

4 min
Die Burgjodlerinnen boten in Bach ein Klangerlebnis besonderer Art.

Die Burgjodlerinnen boten in Bach ein Klangerlebnis besonderer Art.

Jo jo lo jo, ja la la la, Hola dia hihi: Ja, wo simmer denn? Nicht im Hochgebirge, in der Hügellandschaft Windecks ließen Frauen kräftige Jodler erklingen.

Zugegeben, auf dem Weg von Rosbach über Hurst nach Bach sind einige An- und Abstiege zu überwinden. Doch wer das Akku-Haus am Pfingstsonntag ansteuerte, wähnte sich gar im Hochgebirge, und das ist keine journalistische Übertreibung. „Hola dia hihi“ schallte es über Wiesen und Weiden bis zum Waldrand.

Ein rundes Dutzend Frauen ließ beim Kulturfestival Stadt-Land-Fluss kräftige Jodler erklingen. Ja, wo simmer denn? Der archaische Silbengesang hat seine Heimat längst hinter sich gelassen, sich vom Alpenpanorama, vom Lederhosen- und Dirndl-Image befreit, das erlebten und erfuhren die Zuhörer der offenen Probe.

Aus den Alpen verbreitete sich das Jodeln über Köln bis nach Windeck

Zuerst kam er in der platten Großstadt an. In Berlin und Köln ist Jodeln seit Jahren ein wachsender Trend, Workshops sind rasch ausgebucht. Einige Teilnehmer und Teilnehmerinnen sorgten für die Ausbreitung, brachten die Hirtenrufe vor einigen Jahren auch in die bergische Hügellandschaft. Auf der Burg Windeck erklingen sie seitdem sonntags in den Sommermonaten Open Air, was offenbar anziehend wirkte.

Waren es anfangs, 2021, fünf, sechs Frauen, treffen sich heute 15, 16. Die Burgjodlerinnen „überwintern“ im Akku-Haus, einer Herberge für Gemeinschaft und Kunst im Örtchen Bach. Mit dabei eine waschechte Bayerin, der das Ja la la und das Jo lo ho hu ho aber nicht im Blut lag. „Damals in München fand ich Jodeln blöd“, gesteht sie lachend.

Little Lady heißt die Minimundharmonika, auf der Jutta Luda ab und an den ersten Ton anspielt.

„Little Lady“ heißt die Minimundharmonika, auf der Jutta Luda ab und an den ersten Ton anspielt.

Zu altbacken, zu konservativ, zu heimattümelnd, zu sehr Männertradition. In der rheinischen Tiefebene entdeckte sie die befreienden Töne. Die tiefe Bruststimme bringt nicht nur gefällige Melodien hervor, sondern auch Knarren und Grunzen. Der abrupte Wechsel in die hohe Kopfstimme sorgt für den weithin hörbaren Klang.

Der Mensch, ein Resonanzkörper. Anders als beim Chorgesang braucht es offenbar keinen geschlossenen Raum für gute Akustik. Wer sich anstecken ließ von der Begeisterung und auf der Wiese in Bach den Praxistest wagte, erlebte allerdings Katzenjammer. Einfach Machen wie bei Mitsingkonzerten, das funktioniert beim Jodeln nicht.

Die spezielle Technik muss man erlernen und, nach den zwei Tagen Workshop, einüben, sonst wird’s schräg. Wie beim Singen gibt es einfache Tonfolgen und komplexere, einstimmige und mehrstimmige Stücke, verschiedene Rhythmen und Einsätze steigern den Schwierigkeitsgrad.  Der Stimmumfang lässt sich ebenfalls trainieren, die Burgjodlerinnen  mischen sich gern nach den einzelnen Jodlern, wählen mal die tiefen, mal die mittleren, mal die hohen Lagen.

Die traditionellen Melodien kommen aus der Steiermark, wie der Mittenwalder, aus der Schweiz oder aus dem Allgäu. Aber es gibt auch moderne Kompositionen, wie die Da Doro von Ursula Scribano aus Berlin. Ähnliche Gesänge mit sinnfreien Silben gibt es weltweit, so in Lappland (das Joiken), bei den afrikanischen Pygmäen, im Kaukasus, Spanien, China, Thailand.

Es ist laut, man darf ungezügelt sein, muss aus sich herausgehen
Eine der Burgjodlerinnen, die auf der Wiese in Windeck-Bach zur offenen Probe einluden

Längst ist der Hirtenruf keine Männerdomäne mehr, Jodlerinnen seien aber nicht immer und überall gern gesehen gewesen, erzählt eine der Musikerinnen: „Es ist laut, man darf ungezügelt sein, muss aus sich rausgehen.“  

Nun schwingen die Frauen hin und her, manche haben die Augen geschlossen. Auch die ältere Dame, die sich im Gras vor dem Halbkreis platziert hat. Ihr Tipp: „Hier hört man am besten.“ Tatsächlich, die einzelnen Stimmen, die Juchzer, die Träller, das Schnarren und Schnalzen, erreichen unmittelbar Ohren, Hirn- und Herz. Das altmodische Wort vom Beseeltsein, es passt.     

Die Burgjodlerinnen bescheren Gänsehautmomente bei gleißendem Sonnenschein und 27 Grad im Schatten. Ihre Gruppe funktioniert ohne Leitung, ohne Dirigenten. Eine singt an, die anderen stimmen ein. Jutta Luda gibt manchmal einen Ton auf ihrer Mini-Mundharmonika an. Die „Little Lady“ hängt um ihren Hals: „Ich spiele sie nicht oft, habe sie aber immer dabei.“

Der Text, nur Silben wie Ho di jo, ist simpel, mehr Übung erfordern Melodien, Rhythmen und Einsätze beim archaischen Rufgesang der Berge.

Der Text, nur Silben wie Ho di jo, ist simpel, mehr Übung erfordern Melodien, Rhythmen und Einsätze beim archaischen Rufgesang der Berge.

Luda hat die organisatorischen Fäden in der Hand. Einmal im Monat, aber nicht regelmäßig, kommen die Frauen teils von weither nach Windeck, aus Nümbrecht, Much, Neunkirchen-Seelscheid, Köln, Rheinland-Pfalz. Wem bei ihrem Hobby nur der Loriot-Sketch vom Jodel-Diplom (Dudeldi und dudeldö) einfällt, dem entgegnen sie lachend: „Ja, wir haben etwas Eigenes!“

Wer das erleben will, kann ihnen zuhören, an den kommenden Sonntagen, 14. Juni und 5. Juli, jodeln sie ab 13 Uhr für etwa drei bis vier Stunden hoch droben, auf der Burgruine in Altwindeck.