Als Neubürgerbeaftragter hilft Ludwig Neuber seit Jahrzehnten Menschen mit Zuwanderungsgeschichte im Rhein-Sieg-Kreis.
Der KümmererLudwig Neuber ist Neubürgerbeauftragter im Rhein-Sieg-Kreis

Ludwig Neuber in seinem Büro.
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„Herzlichen Dank für Ihre Mitmenschlichkeit!“ Eigentlich sind es nur diese fünf Worte, hinterlassen in einer Mail an ihn, die es braucht, um sich ein Bild von Ludwig Neuber zu machen. Aber natürlich sind es doch so viele Worte mehr, die nötig sind, um den Menschen Neuber zu beschreiben, seine Bestimmung und seinen Antrieb einzuordnen und zu begreifen, warum er tut, was er tut. Ludwig Neuber hat ein schwieriges wie gleichermaßen erfüllendes und aufregendes Leben gelebt, er ist inzwischen 85 Jahre und, wenn man so will, seit Jahrzehnten ein bunter Hund im Rhein-Sieg-Kreis.
Seit 51 Jahren mischt er in verschiedenen politischen Rollen im Kreis mit, war langjähriger Kreistagsabgeordneter der CDU, langjähriger ehrenamtlicher Bürgermeister, seit 2001 Ehrenbürgermeister der Gemeinde Ruppichteroth und geht seit 2004 als sogenannter Neubürgerbeauftragter voll in seiner Rolle als Berater, Vermittler und Problemlöser auf. Tausende Menschen aus aller Herren Länder hat er dabei im Rhein-Sieg-Kreis zu Neubürgern erklären dürfen, ein hochoffizieller Akt, denn immerhin geht es dabei um die deutsche Staatsbürgerschaft.
Vater erzählte ihm viel aus der Weimarer und Hitler-Zeit
Und dabei ist für den Träger des Bundesverdienstkreuzes vor allem dies von immenser Bedeutung: „Wenn man Deutsche oder Deutscher wird, übernimmt man die Verantwortung – auch für die Geschichte des Landes. Die erben die Neubürger mit“, sagt Neuber und erhebt neben dem Gebot der Nächstenliebe, das ihm seine Eltern mit auf den Weg gegeben haben, stets das Grundgesetz von 1949 zum wichtigsten Leitmotiv. Ludwig Neuber ist kein Jurist, Büro- oder Technokrat. Er ist Pragmatiker und angetrieben vom Willen, zu helfen und anderen eine zweite Chancen zu geben. So wie er es im Leben auch erfahren durfte. Mithilfe von Fotos und Erinnerungsstücken an den Wänden und auf Regalen in seinem Haus lassen sich die Etappen seines Lebens ablesen.

Ludwig Neuber (l.) bei einer der vergangenen Neubürger-Veranstaltungen mit Dezernent Michael Rudersdorf.
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Neuber sitzt am Küchentisch und erzählt von seinen Eltern, die ihn so geprägt haben, die er zwischenzeitlich wohl enttäuscht hat, die trotzdem zu ihm hielten und die er am Ende doch wieder stolz gemacht hat. Der Vater, ein Schuhmacher, geriet als Soldat im Zweiten Weltkrieg in US-amerikanische Gefangenschaft. Als er wieder nach Hause, ins oberbergische Morsbach, zurückkam, so erinnert sich Neuber, habe er im Gegensatz zu anderen seiner Generation viel aus der Weimarer und Hitler-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg erzählt und seinem Sohn aufgetragen: „Geh in die Politik – und sorge dafür, dass so etwas nie weder passiert!“
Geh in die Politik – und sorge dafür, dass so etwas nie weder passiert!
Die Familie beherbergte zu der Zeit Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten, so war der kleine Ludwig schon früh mit dem Thema Flucht konfrontiert. Doch da gab es auch die andere Entwicklung: Ludwig, der Rebell, der die Schule schleifen ließ und schließlich schmiss, der lieber feiern und mit Freunden trinken wollte und sich als Hilfsarbeiter in einer Autowerkstatt verdingte. Immerhin konnte er dort bald als kaufmännische Kraft aushelfen und verdiente Geld, was nicht ganz trivial war, denn schon mit 23 – er hatte kurz zuvor seine jetzige Frau Anneliese kennen gelernt – gründete er eine Familie. Etwa zur gleichen Zeit hatte er einen schweren Motorradunfall, und die Erkenntnis wuchs, dass er in seinem Leben dringend etwas ändern musste.
Seine zweite Chance gewissermaßen, denn dank eines früheren Lehrers konnte Ludwig als über 20-Jähriger in einer Abiturklasse nebenbei seinen Abschluss, eine sogenannte Begabtensonderprüfung, machen und mit dem Reifezeugnis in der Tasche sogar studieren. Diesem alten Lehrer ist er dankbar bis heute – und dessen Devise gilt für ihn in seinem eigenen Handeln: „Du kannst jeden Jugendlichen retten. Lass nie einen Schüler im Stich!“, sagt Neuber, der nach der Läuterung selbst Lehrer an der Ruppichterother Hauptschule und schließlich für 28 Jahre Rektor der dortigen Grundschule wurde.
Wenn er über sein Erwachsenwerden spricht, bricht immer wieder seine Stimme. Die stille Botschaft seiner Mutter schwingt mit. Da ist dieser Satz, den sie zu sagen pflegte, wenn sich jemand über Ludwigs jugendliche Eskapaden ausließ: „Ja, ja, aber im Kern ist er gut!“ Doch auch wenn er sich selbst als emotional bezeichnet und das auch ohne Hemmung zeigen kann, fasst er sich schnell wieder. „Ich habe die Mentalität eines Arztes“, sagt er lachend. „Es gibt Schicksale, die mich zum Heulen bringen, aber ich kann das dann abschließen und ins Handeln kommen.“ Was er nicht zuletzt als Neubürgerbeauftragter immer wieder beweist.
Hilfe für andere ist kein gefühlsduseliges spontanes Agieren, sondern kontinuierliche Arbeit für alle. Ludwig Neuber verlangt etwas: „Wer in Deutschland bleiben und deutscher Staatsbürger werden will, muss Deutsch lernen, einen Schulabschluss, eine Ausbildung oder auch ein Studium machen oder anerkennen lassen“, ist sein Mantra. Und weiter: Er oder sie müsse seine/ihre Kinder in die Schule schicken, eigenes Geld verdienen, dürfe keine staatlichen Gelder beanspruchen. Bei Startschwierigkeiten, Behördenabsprachen, Wohnungssuche, familiären Notfällen und anderen Besonderheiten ist er zur Stelle. Dafür müssen die Geflüchteten seinen Rat beherzigen: „Wenn du bleiben willst, musst du wahrhaftig bleiben!“
Jahrzehnte im Dienste der Integration
Im Jahr 1982 nahm er eine laotische Familie bei sich auf, daraus entstand der Deutsch-Laotische Freundschaftsverein, dessen Vorsitzender Neuber bis heute ist. In den 1980er und 1990er Jahren kümmerte er sich um die Unterbringung und Integration von Aussiedlern. Später ging es um die Integration von Flüchtlingen aus dem Balkankrieg. In den vergangenen zehn Jahren waren es hauptsächlich Syrer, Afghanen und Ukrainer.
Und bei den Neubürgern, die sich um deutsche Pässe bewarben, waren es tatsächlich auch mal ganz viele Briten, erinnert er sich: „Das war nach dem Brexit!“ Natürlich kennt Neuber auch die Geschichten von denen, die sich nicht integrieren lassen, trotz Aufforderungen keinen Deutsch- oder Integrationskurs absolvieren, die mit falscher Identität leben, bis es doch herauskommt. Doch auch da sucht er den Austausch, bietet Hilfe an, will verstehen. Das ist seine Form, Mitmenschlichkeit zu zeigen und vorzuleben.
Und so betrachtet er die zunehmende Ablehnung von Migranten beim aktuellen Blick auf die Wahlen in Ostdeutschland mit großer Sorge und mahnt, im Sinne seines Vaters und aus der Erkenntnis seiner eigenen jahrzehntelangen Flüchtlingsarbeit: „Wir waren ein gebildetes Volk, das durch die Nazis zu einem Volk von Mördern wurde.“ Die Fehler der Vergangenheit dürften sich, bei aller vielleicht gerade verständlichen Unzufriedenheit, nicht wiederholen.
