Der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Bonn/Rhein-Sieg und die Diakonie An Sieg und Rhein benennen Probleme und fordern, diese stärker zu thematisieren.
Häusliche Gewalt unterstelltDiskriminierte spricht über Rassismus im regionalen Gesundheitswesen

Seit ihrer Einwanderung nach Deutschland erlebt eine 49-Jährige Abwertungen aufgrund ihres Aussehens, Namens und Akzents. (Symbolbild)
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„Es ist ja klar, dass Sie sich unwohl fühlen, Ihr Mann kommt ja auch aus Osteuropa und schlägt sie“, zitiert Sofia De Luca* eine Ärztin, zu der sie vor einigen Jahren aufgrund von Problemen an ihrer Schilddrüse ging. De Luca arbeitete zu diesem Zeitpunkt als Krankenschwester, konnte ihre Beschwerden nach eigenen Angaben gut zum Ausdruck bringen.
Trotz mehrfacher Anläufe, ihre Symptome fundiert herzuleiten, soll die Ärztin weiter auf häuslicher Gewalt als Ursache beharrt haben. „Das fühlte sich surreal an. Mein Mann schlägt mich nicht“, stellt die inzwischen 49-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung klar. Die geschilderte Situation ist nur eine der vielen unangenehmen Begegnungen, die De Luca im regionalen Gesundheitswesen erlebt hat.
Vor mehr als 20 Jahren migrierte die Osteuropäerin nach Deutschland. Aufgrund ihres slawischen Akzents werde sie oft fälschlich als Russin eingeordnet, berichtet De Luca weiter. Eigentlich heißt sie anders, aber aus Sorge vor negativen Konsequenzen möchte sie anonym bleiben. Daher werden auch Angaben zur Person und zu beschriebenen Situationen bewusst unkonkret gehalten.
Keine Diagnose, nur Vorurteile
Zu Vorurteilen aufgrund ihres Akzents gesellten sich weitere Vorbehalte wegen ihres südländisch zugeschriebenen Aussehens und des italienisch klingenden Namens. So wurde sie während der Schwangerschaft etwa darauf hingewiesen, dass sie bei der Geburt vermutlich am „Mamma-Mia-Syndrom“ leiden werde. De Luca fragte verwundert nach, ihr sei ein derartiges Syndrom nicht bekannt.
Hinter diesem rassistischen Begriff steckt keine echte Diagnose. Nach Informationen der AOK verwenden einige Ärztinnen und Ärzte in Deutschland diesen Begriff (auch „Morbus Mediterraneus“ oder „Morbus Bosporus“) für Patientinnen und Patienten, die ihre Schmerzen angeblich übertreiben und vermeintlich aus der Mittelmeerregion stammen. Diese Abwertung betreffe häufiger Frauen und diskrimiere diese dadurch sowohl nach der Herkunft als auch wegen des Geschlechtes.
Diskriminierte erhalten oftmals nicht die notwendige Behandlung
Diskriminierte Menschen in der Region erhalten laut Vertreterinnen und Vertretern der Diakonie An Sieg und Rhein sowie des Awo-Kreisverbands Bonn/Rhein-Sieg oftmals nicht die medizinische Behandlung, die sie benötigen. „Wer einen migrantisch klingenden Vor- oder Nachnamen hat, erhält schwerer einen Termin bei einem Arzt“, sagt Maria Neuschaefer-Rube, Leiterin der Integrationsagentur der Diakonie in Siegburg. Sie führt den Fall eines Mannes aus dem Rhein-Sieg-Kreis an, der trotz schwerer psychischer Belastung über Jahre keine Behandlung erhielt. Der Grund: Herkunft, Kultur und Sprache seien für die angefragten Psychotherapeuten wohl zu komplex gewesen.

Die Vertreter und Vertreterinnen der AWO Kreisverband Bonn/Rhein-Sieg und der Diakonie An Sieg und Rhein sowie Dr. Timo Slotta (2.v.r.) machen auf Missstände im regionalen Gesundheitswesen aufmerksam.
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Neuschaefer-Rube verweist zudem auf Probleme aufgrund von Sprachbarrieren, es fehlten Übersetzungsangebote. Im Rhein-Sieg-Kreis habe sich ein Angebot mit kostenlosem Telefon-Dolmetschen (von 2023 bis 2025) nicht halten können. Das sei verwunderlich, da das Angebot in Hamburg oder dem Ruhrgebiet gut angenommen worden sei. Für Rhein-Sieg fehlten aber Daten, um fundierte Einschätzungen abzuleiten. Auch die anderen Vertreter der Wohlfahrtsverbände bemängelten fehlende Daten zur Diskriminerung im Gesundheitswesen in der Region.
Sprachbarrieren führen zu Problemen
Auch bei De Luca spielten kommunikative Missverständnisse eine Rolle: Kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland hatte sie Probleme mit ihrem Blinddarm. Im Krankenhaus sei ihr gesagt worden, dass sie auf eigene Verantwortung nach Hause gehen könne. De Luca schloss daraus, dass sie ihre Lage falsch eingeschätzt hatte. Beim nächsten Krankenhausbesuch sei ihr der Blinddarm auf dem OP-Tisch geplatzt.
Die Bereitschaft für Übersetzungshilfen ist nach Einschätzung von De Luca bei Krankenhäusern und Unternehmen in der Region sehr gering. Auf Entscheidungsebene werde oft zurückgemeldet, dass man sich mit Händen und Füßen verständigen könne. „Es ist etwas anderes, im Restaurant Essen zu bestellen“, stellt De Luca klar, „oder abzuklären, dass man an der richtigen Stelle operiert wird.“ So sei ihrem Vater in einer Praxis einmal der falsche Zahn gezogen worden.
Problem Ökonomisierung: Stress verstärkt rassistische Tendenzen
Ein besonderes Problem seien Krankenhäuser: „Informationen sind oft komplex, Aufklärungsgespräche sind knapp bemessen, alles steht unter enormen Druck.“ Das betreffe Patientinnen und Patienten, aber auch das medizinische Personal. „In Notsituationen fühlen sich viele Menschen gestresst und sind verletzlicher“, sagt De Luca.
Ihre Beobachtung deckt sich mit den Ergebnissen der Erhebung „Ökonomisierung und Rassismus im deutschen Gesundheitssystem“ vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Demnach verschärft die zunehmende Ökonomisierung im Gesundheitswesen rassistische Tendenzen: Unter hohem Stress greift medizinisches Personal offenbar eher auf ein Schubladendenken zurück und ordnet Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund als „schwieriger“ ein.
Die Befunde sind erschreckend, aber sie müssen nicht so bleiben.
Lena Clever, Sprecherin des Sozialpsychiatrischen Kompetenzzentrums Migration der Awo Bonn/Rhein-Sieg, spricht von zwei Ebenen beim Thema Rassismus im Gesundheitswesen: der strukturellen und der persönlichen. Übergeordnet fehle es an finanziellen Mitteln. Der strukturelle Mangel verstärke Diskriminierungen auf persönlicher Ebene, bei Diagnose und Therapie.
Barbara König, Geschäftsführung der Awo Bonn/Rhein-Sieg, resümiert: „Die Befunde sind erschreckend, aber sie müssen nicht so bleiben.“ Es sei für Patientinnen und Patienten essenziell, zu verstehen, was in der Medizin passiere. Daher appellierten die Wohlfahrtsverbände an den Landschaftsverbund, weiterhin Menschen zum Übersetzen einzustellen.
Brigitte Lohmanns, Leiterin der Stabsstelle für Kommunikation im LVR-Dezernat für Psychiatrie und Teilhabeverbund, entgegnet: „Tatsächlich bleiben die Einsätze in den LVR-Kliniken unverändert bestehen.“ Man setze aber die bisherige freiwillige anteilige Förderung durch die LVR-Verbundzentrale zunächst aus.
Den Wohlfahrtsverbänden geht es darum, für das Thema Rassismus zu sensibilisieren – und das bereits in der Ausbildung. Zudem wird gefordert, Anreize zu verstärken, damit künftig mehr Menschen mit Migrationshintergrund im Gesundheitssystem arbeiten wollen.
Änderung statt „Othering“
„Es muss etwas gemacht werden. Das kann nicht nur von Ehrenamtlichen und freien Trägern aufgefangen werden“, ist De Luca sicher. Sie selbst sei das „Othering“ im Gesundheitswesen, also das Wir-und-die-Denken, satt. „Ab wann ist man integriert?! Mein Aussehen kann ich nicht ändern, auf meinen Akzent bin ich stolz.“
Die Dichte der Situationen, in denen sie diskriminiert wird, ist nach der Wahrnehmung der 49-Jährigen in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht größer geworden, aber: „Die Debatte hat sich verhärtet, der Ton ist rauer geworden. Es kommen Sachen auf den Tisch, die richtig nationalsozialistisch klingen.“ Trotz wiederkehrender Rassismuserfahrungen will sich De Luca nicht als Betroffene verstanden wissen: „Die Opferrolle ist passiv, aber man kann an den Umständen aktiv etwas ändern.“
