Interview mit FC-Spieler Ljubicic„Dann kommt dein Kopf ins Rollen“

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1. FC Köln, Training, Dajan Ljubicic (1. FC Köln), 18.12.2022, Bild: Herbert Bucco

Dajan Ljubicic beim Training des 1. FC Köln

Freud und Leid lagen für Dejan Ljubicic bei seinen ersten drei Derbys für den 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach eng beieinander. Vor dem nächsten Duell sprach Tobias Carspecken mit ihm.

Herr Ljubicic, die österreichische Nationalmannschaft ist mit Siegen gegen Aserbaidschan und Estland in die Qualifikation zur Europameisterschaft 2024 in Deutschland gestartet. Wie bewerten Sie den Auftakt Ihres Teams?

Der Start war super. Wir haben sechs Punkte geholt gegen Mannschaften, gegen die wir gewinnen müssen. Darüber sind wir sehr glücklich. Unser großes Ziel ist es, bei der EM 2024 dabei zu sein.

Wie beurteilen Sie die Chancen in der Gruppe F?

Wir haben eine richtig gute Mannschaft mit viel Potenzial. Leider haben wir es verpasst, bei der Weltmeisterschaft in Katar im vergangenen Winter dabei zu sein. Jetzt haben wir eine neue Chance. Ich hoffe, dass wir es nach Deutschland schaffen.

Verletzungsbedingt war es für Sie die erste Berufung in die Nationalmannschaft seit September. Wie war es, wieder dabei zu sein?

Es war ein schönes Gefühl, all die bekannten Gesichter wiederzusehen. Am Ende haben aber nur die beiden Spiele gezählt. Und die haben wir gewonnen.

Ihrem Vereinskollegen Florian Kainz ist gegen Estland sein erstes Länderspieltor gelungen. Wie groß ist Ihre Freude für ihn?

Riesig. Ich freue mich sehr für ihn. Man hat es Kainzi auch angemerkt, wie glücklich er war. Er hat uns gerettet, nach dem Ausgleich zum 1:1 von ihm haben wir das Spiel gedreht.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit Teamchef Ralf Rangnick, der die ÖFB-Auswahl vor einem Jahr übernommen hat?

Es läuft prima. Er ist ein sehr guter Trainer und der richtige Mann, um die Ziele, die wir mit der österreichischen Nationalmannschaft haben, zu erreichen.

War die Reise auch hilfreich, um mit Blick auf die Krise des 1. FC Köln mal auf andere Gedanken zu kommen?

Siege tun immer gut und sollten uns Rückenwind für die nächsten Aufgaben in der Bundesliga geben. Wir wissen, was das Derby am Sonntag sportlich und emotional für den Verein und die Stadt bedeutet. Wir werden alles raushauen.

Kommt das Duell gegen Borussia Mönchengladbach in der aktuellen Situation gerade recht?

Ich glaube, dass uns die Länderspielpause nach fünf sieglosen Spielen in Folge gutgetan hat. Jetzt gilt es am Sonntag.

Sie verbinden mit Spielen gegen Gladbach sowohl positive als auch negative Erinnerungen. Waren die beiden Tore in den Derbys der vergangenen Saison Ihre bislang wichtigsten für den FC?

Mein Tor im Hinrunden-Derby 2021/22 war mein erster Treffer überhaupt für den FC und damit etwas ganz Besonderes für mich. Wir haben zwei klasse Spiele gemacht, zuhause und auswärts überragend gespielt. Ich hoffe, dass uns das am Sonntag noch einmal gelingt und die drei Punkte an uns gehen.

Im ersten Derby der laufenden Saison im Oktober haben Sie sich dagegen schwer am Knie verletzt und sind monatelang ausgefallen. War das ein Schock für Sie?

Ich habe gleich gemerkt, dass irgendetwas mit meinem Knie nicht passt. Es war meine bislang schwerste Verletzung. Leider gehört das zu unserem Job mit dazu.

Hat sich Gladbachs Ramy Bensebaini bei Ihnen für das Foul entschuldigt?

Wir hatten keinen Kontakt. So eine Verletzung passiert in unserem Sport nun mal. Ich bin mir sicher, dass es keine Absicht von ihm war.

Mussten Sie lernen, mit der Verletzung umzugehen?

Die schlimmste Phase ist die, wenn du die Reha hinter dir hast und wieder auf den Platz zurückkommst. Dann kommt dein Kopf ins Rollen und sagt dir: Du musst wieder an die Leistungen vor deiner Verletzung anknüpfen.

Wo stehen Sie leistungstechnisch?

Ich bin auf jeden Fall noch nicht dort, wo ich vor der Verletzung war. Andererseits will ich mir auch nicht zu großen Druck aufbauen. Es bringt nichts, sich über fehlende Tore, fehlende Torvorlagen oder zu viele Fehlpässe den Kopf zu zerbrechen. Der Fokus liegt darauf, dass wir wieder Spiele gewinnen. Dann werde auch ich wieder in meinen Rhythmus zurückfinden.

Wie spüren Sie, dass Sie noch nicht wieder der Alte sind?

Am Anfang war es die Ausdauer und die Spritzigkeit. Und wenn du dann mit deiner Mannschaft in einen Negativlauf gerätst, fehlt es gefühlt an allem. Dazu musste ich lernen, dass ich nach so einer Verletzung nicht gleich wieder auf Top-Niveau spielen kann.

Mussten Sie erst wieder Vertrauen in Ihr Knie aufbauen?

Klar, man macht sich Gedanken.

Sie sind dafür bekannt, sehr selbstkritisch mit Ihren eigenen Leistungen umzugehen. War es schwierig für Sie, nach der langen Verletzung Geduld mit sich selbst aufzubringen?

Das war schon so, ja. Ich habe nach der Verletzung öfters das Gespräch mit dem Trainer gesucht. Mein Fokus liegt darauf, in jedem Training Vollgas zu geben, um wieder auf mein früheres Niveau zu kommen und der Mannschaft helfen zu können.

Der FC hat nur noch sechs Punkte Vorsprung auf die Abstiegsplätze. Wie ordnen Sie die Situation ein?

Ganz ehrlich: Ich schaue nicht so sehr auf die Tabelle. Natürlich stehen wir recht weit unten und sind mittendrin im Abstiegskampf. Das ist nicht schön. Allerdings ist es auch so, dass wir zuletzt nicht immer schlecht gespielt haben. Im Spiel gegen Bochum (0:2) habe ich nach fünf Minuten gedacht: Die schießen wir heute ab. Dann kriegen wir das Gegentor und verlieren. Es geht schnell im Fußball.

Beim 1:6 in Dortmund hat der FC jedoch all seine Tugenden vermissen lassen. Haben Sie eine Erklärung?

Es hat an allem gefehlt. Wir waren nicht spritzig und haben die Zweikämpfe nicht gesucht. Dortmund hat das zwar auch überragend gespielt, aber wir waren einfach nicht aktiv und haben auch in der Höhe verdient verloren.

Wie geht die Mannschaft mit der Krise um? Am Donnerstag gab es dazu noch das Urteil der Fifa im Fall Potocnik, das weitreichende Konsequenzen haben könnte.

Ich sehe nicht, dass jemand negativ ist. Christian Keller hat uns die Situation natürlich erklärt. Aber unser Fokus liegt auf dem Spiel am Sonntag – wir müssen uns da rausarbeiten.

Was braucht es dafür?

In erster Linie Siege (schmunzelt).

Und was noch?

Wir müssen uns wieder belohnen – das Dortmund-Spiel, in dem wir einfach schlecht waren, mal ausgeklammert. Es ist wichtig, dass wir nicht wieder früh in Rückstand geraten. Ich bin da guter Dinge. Wir haben die Qualität, das sieht man im Training.

Steht die Mannschaft in der Pflicht?

Wir müssen eine Reaktion zeigen, das ist so. Dafür ist das Derby eine passende Gelegenheit.

Was erwarten Sie für ein Spiel?

Wie ein Derby nun mal so ist: Intensiv, zweikampfbetont. Derbys sind ganz besondere Spiele, das habe ich auch schon bei Rapid erlebt. Die Duelle gegen Austria hatten ihre eigenen Gesetze, wie man so schön sagt. Wir müssen 100 Prozent geben.

Ist nach dem Hinspiel noch eine Rechnung offen?

Es war ein ganz bitterer Tag für uns. 2:5 verloren, der Platzverweis für Kainzi, dazu meine Verletzung.

Verspüren Florian Kainz und Sie Extra-Motivation?

Kainzi und ich sind uns einig, dass wir am Sonntag gewinnen müssen (schmunzelt).

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