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Wahnsinn in der NachspielzeitDer FC ist wieder voll in der Verlosung

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Die Kölner Mannschaft jubelt nach Luca Waldschmidts Siegtreffer zum 2:1 gegen Bochum.

Die Kölner Mannschaft jubelt nach Luca Waldschmidts Siegtreffer zum 2:1 gegen Bochum.

Der 1. FC Köln hat den VfL Bochum besiegt und hofft weiter auf den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga.

Christian Keller sah mitgenommen aus. Das Drama von Müngersdorf war zwar schon eine gute Weile her, der Sportchef des 1. FC Köln hatte das unbeschreibliche Wechselbad der Gefühle mental und auch körperlich aber noch nicht gänzlich verarbeitet. Dafür benötigte der 45-Jährige Ruhe und seine eigenen vier Wände. „Ich gehe jetzt erstmal schlafen“, verabschiedete er sich und atmete tief durch. Was nötig war, denn der abstiegsgefährdete Fußball-Bundesligist war beim 2:1 (0:0)-Heimsieg gegen den VfL Bochum dem Worst Case am 28. Spieltag der Saison 2023/24 erst durch zwei Joker-Tore von Steffen Tigges und Luca Waldschmidt in der Nachspielzeit entgangen.

So wie Christian Keller müssen an diesem 6. April alle empfunden haben, die es in diesen sportlich schweren Zeiten mit den Geißböcken halten. Der FC war beim Stand von 0:1 Mausetot und stand mit einem Bein in der 2. Liga, als aus dem Garnichts die Rettung kam. 90 Minuten hatte sich das Team von Trainer Timo Schultz vergeblich bemüht, seine Verunsicherung abzulegen, die Köpfe freizubekommen, um sich auf das Wesentliche, das Fußballspielen, zu fokussieren.

Ich sitze hier als glücklicher Sieger und habe viele Sachen gesehen, die mir nicht gefallen haben.
Timo Schultz, Cheftrainer 1. FC Köln

„Bis zum 0:1 war offensichtlich, dass es für beide Mannschaften um extrem viel geht. Wir hatten damit noch mehr zu kämpfen als Bochum“, beschrieb Keller die von Vorsicht und spielerischer Armut geprägte Partie. Nach dem 0:1 von VfL-Rechtsverteidiger Felix Passlack (53.) hingen die Kölner mental in den Seilen.

Der FC versuchte zwar alles, nur gelingen wollte bis zur Nachspielzeit nichts. „Ich sitze hier als glücklicher Sieger und habe viele Sachen gesehen, die mir nicht gefallen haben. Wir waren gehemmt, nicht zielstrebig genug und haben unsere fußballerischen Qualitäten zu wenig eingebracht“, monierte Timo Schultz und erklärte die nicht mehr für möglich gehaltene Wende: „Dass in unserer Situation nicht alles so leicht von der Hand geht, ist verständlich. Wie die Jungs dann aber den Schalter umgelegt, weiter dran geglaubt und gedrückt haben, war entscheidend. Dafür sind wir belohnt worden und nicht für fußballerische Finesse.“

Die Joker von Timo Schultz stechen

Schultz hatte mit seinen Wechseln großen Anteil am Last-Minute-Sieg. Faride Alidou hatte mit einem Pfostentreffer (69.) schon für Alarm gesorgt und Denis Huseinbasic immer wieder den Ball gefordert, ehe die drei anderen Joker die Ekstase von Müngersdorf initiierten. Erst köpfte Steffen Tigges die neunte FC-Ecke von Florian Kainz unnachahmlicher Manier ein (90.+1) und 99 Sekunden später war Luca Waldschmidt nach einer Hereingabe von Benno Schmitz ebenfalls mit dem Kopf zu Stelle. „Der Trainer hat vor dem Spiel gesagt, dass wir sie müde kriegen müssen, hinten raus wechseln und das Spiel entscheiden können. Das hat gut geklappt“, umschrieb der Siegtorschütze den ganz spät aufgegangenen Plan.

Es waren erst die Jokertore zwei und drei der Kölner in dieser Saison. „Wir brauchen diese Impulse von der Bank“, sagte Timo Schultz. Auch, weil sie der wohl deutlichste Beleg dafür sind, dass eine Mannschaft intakt ist. „Wir hatten sicherlich schon bessere Spiele, aber ihren Charakter lässt sich diese Mannschaft nicht nehmen. Das wird in den nächsten Wochen unser Faustpfand bleiben, denn da wird vieles im Kopf entschieden und nicht alles mit den Beinen. Dafür sind wir bereit“, erklärte der Chefcoach.

Es weckt tatsächlich große Hoffnungen, dass sich der FC nach sieben sieglosen Spielen im letztmöglichen Moment am eigenen Schopf aus der prekären Situation befreite, den Abstand auf Rang 15 innerhalb von nur zwei Minuten von zehn auf vier Punkte verkürzte und Mainz auf dem Relegationsplatz nicht davonziehen ließ.

Schaut man den Spielverlauf an, ist es phänomenal und irgendwie auch kaum zu glauben.
Christian Keller, Geschäftsführer Sport 1. FC Köln

Christian Keller räumte es öffentlich zwar nicht ein, der Geschäftsführer wird mit Beginn der Nachspielzeit aber auch zu denen gehört haben, die den Glauben an die Wende verloren hatten und nur noch verzweifelt hofften. „Es war hinten raus natürlich krass. Schaut man den Spielverlauf an, ist es phänomenal und irgendwie auch kaum zu glauben. Wir waren schon weg“, sagte er erleichtert.

Dann warf der Kölner Sportchef einen Blick nach vorne. „Wir sind wieder voll in der Verlosung. Das hat sich die Mannschaft verdient, es ist wenig für uns gelaufen in dieser Saison. Gut sieht es noch nicht aus, aber jetzt sind es zumindest drei Mannschaften, die um den Klassenerhalt kämpfen. Unser Ziel ist es, in die Relegation zu kommen. Wenn es mehr ist, nehmen wir das gerne.“

Keller erwartet in puncto Anspannung und mentale Belastung noch sechs, im Fall der Relegation sogar acht Spiele der Kategorie Bochum. „Die größte Herausforderung für uns bleibt, dass wir uns trauen, Fußball zu spielen und dass die Jungs sich freuen, dass sie Fußball spielen dürfen. Wenn die Mannschaft es in der Drucksituation schafft, ihre Chance zu sehen, hat sie und jeder einzelne Spieler einen Riesenschritt nach vorne gemacht“, gab der Sportchef die Marschroute vor.