Leverkusen – Ein falscher Schritt und schon war es passiert. Kurz bevor Edmond Tapsoba aus Burkina Faso im Sommer 2021 zurück ins Rheinland fliegen wollte, um nach einer starken, ersten Bundesliga-Saison für Bayer Leverkusen eine noch stärkere, zweite zu spielen, knickte er beim Joggen um: Syndesmosebandriss. Die schwerste Verletzung seiner noch jungen Fußballkarriere kam zur Unzeit.
Eigentlich wollte er sich bei Bayer unter dem neuen Trainer Gerardo Seoane beweisen und seinen ersten Afrika-Cup in Angriff nehmen. „Ich kann aber die Ruhe bewahren. Das ist eine meiner Stärken auf dem Platz, aber auch in meinem normalen Leben“, erklärt der spiel- und sprintstarke 1,94 Meter-Mann aus der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou seinen Weg durch die Krise.
Edmond Tapsoba übernahm sehr früh Verantwortung in seiner Familie
Dass er vor etwas mehr als 23 Jahren im ärmlichen südöstlichen Bezirk Karpala geboren wurde und früh für die Familie auch finanzielle Verantwortung übernehmen musste, machte ihn widerstandsfähig und bodenständig. „Ich habe Dinge gesehen, die ein Junge nicht sehen sollte“, spricht Tapsoba über seine Kindheit in Westafrika. Für den Heranwachsenden muss Fußball also eine Art Therapie gewesen sein, wenn er sagt: „Ich habe die ganze Zeit gespielt und immer nach Bällen gesucht. Das war das Wichtigste.“
Als Teenager entwickelte sich der junge Edmond Fayçal im Jugendinternat des Salitas FC vom kickenden Straßenjungen zum ernsthaften Talent mit Profiambitionen. „Dort wurde ich der, der ich jetzt bin“, erklärt er. Als Kapitän führte er das junge Salitas-Team aus der dritten in die erste burkinische Liga. Weil es Kontakte nach Portugal gab, landete der Verteidiger mit der tollen Spielübersicht und dem oft intuitiv richtigen Stellungsspiel, in der Jugend des Leixões SC. „Es war schwierig“, erinnert sich Tapsoba an 2017 zurück, als er gerade volljährig, erstmals von Eltern und Geschwistern getrennt war, „aber es war auch eine Motivation, um für meine Familie erfolgreich zu sein.“
Bayer-Spieler legte einen steilen Aufstieg hin
Wie stark dieser Ansporn wirkt, zeigen die nächsten Schritte innerhalb von nur zwei Jahren: Vom Zweitligisten ging es über die Reserve von Vitória Guimarães (2018) es zu den Profis des Europa League-Clubs (2019). Zu diesem Zeitpunkt wird Tapsoba bereits von Deco beraten und profitiert von der ungefilterten Kritik des früheren Barcelona- und Chelsea-Stars. So braucht Tapsoba nur 32 Spiele (acht Tore, eine Vorlage) für Guimarães, um in den Notizbüchern der größten, europäischen Vereine zu landen. Sein Marktwert betrug zu dieser Zeit schon 20 Millionen Euro und sollte sich noch auf das Doppelte steigern. „Es gab Angebote aus England und Frankreich“, verriet er, „ich wollte aber keinen zu großen Schritt machen. Leverkusen ist deswegen der richtige Platz für mich.“
Wie gut Bayers auf Ballbesitz und schnelles Umschalten angelegter Offensivfußball zu Tapsobas Spielweise passt, zeigt sich auch unter Gerardo Seoane. Nach abgeschlossener Reha wechselte der neue Coach ihn zur Halbzeit gegen Bayern München ein. Beim Stand von 0:5. Das Spiel endete dann 1:5. Seitdem ist Tapsoba neben seinem Freund Jonathan Tah, mit dem er gut Französisch sprechen kann, aber auch des Englischen, Spanischen und Portugiesischen mächtig ist, wieder Stamm-Innenverteidiger. In acht Bundesliga- und vier Europa-League-Spielen kam er mit Bayer Ende 2021 auf Champions-League-Kurs und ins Achtelfinale der Europa-League. Anfang Februar gelang ihm mit Außenseiter Burkina Faso der Einzug ins Afrika-Cup-Halbfinale gegen den späteren Sieger Senegal. Nach seiner Rückkehr ins Rheinland stand er beim 4:2 gegen Stuttgart ebenso 90 Minuten auf dem Platz, wie beim jüngsten 2:3 in Mainz.
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Trotz der Niederlage lobte Coach Seoane seinen Schützling vor dem Heimspiel am Samstag gegen Arminia Bielefeld (15.30 Uhr, Sky): „Ich finde, dass es eine Steigerung gab bei der Präsenz in den Zweikämpfen, das hat er gut gemacht.“ Allerdings gebe es im Spielaufbau, „wo ja seine größte Stärke ist“, noch Luft nach oben. „Da wünschen wir uns, dass er noch mehr Einfluss nimmt.“ Dies wird sich der Mann mit dem großen Potenzial und den großen Träumen nicht zwei Mal sagen lassen. Schließlich gilt es für den heißen März mit Spielen bei Bayern München, gegen Köln und das Europa-League-Achtelfinale gegen Bergamo die Form zu erreichen, die er vor seinem Syndesmosebandriss schon hatte.

