Leverkusen – Es soll Fußball-Fans geben, die ein feines Gespür für die Bedürfnisse ihre Mannschaft entwickeln können. Als das eigentliche Spektakel gegen Borussia Dortmund noch in Vorbereitung war, überbrachten die Anhänger von Bayer 04 Leverkusen in der Nordkurve der BayArena eine unmissverständliche Botschaft.
Ihre beeindruckende Choreographie zeigte einen Totenkopfpiraten und den Schriftzug „till we die“. Die Anspielung auf die nicht immer zufriedenstellende Einstellung der Werkself-Profis zeigte Wirkung. Nach 96 verrückten und aufregenden Minuten hatte der Wille beim 4:3 (2:2)-Heimsieg der Leverkusener im Bundesliga-Topspiel die entscheidende Rolle gespielt.
„Trainer, gib mir noch eine Minute.“
So erzählte Coach Peter Bosz nach seinem ersten Sieg mit Leverkusen gegen die Ex aus Dortmund eine Geschichte, die den Fußball auf das Wesentliche reduzierte. Lars Bender hatte von Axel Witsel einen Schlag aufs Knie bekommen und alles sprach dafür, dass der Bayer-Kapitän raus musste. Auch Bosz rechnete damit. Dann aber sei Bender auf ihn zugekommen und habe gefordert: „Trainer, gib mir noch eine Minute.“ Sein Boss gehorchte, Bender spielte weiter und köpfte 80 Sekunden nach Leon Baileys 3:3-Ausgleich den Siegtreffer (82.).
Das 4:3 war das würdige Finale eines Spiels, dass alle in seinen Bann gezogen hatte und alle mit Ausnahme der Dortmunder glücklich machte. Nichts von dem, was diesen Sport ausmacht, ließ der Samstagabend aus. Eigentlich hatten die Leverkusener die Partie schon vor dem Anpfiff verloren. Nach Kerem Demirbay (gesperrt), Julian Baumgartlinger und Charles Aránguiz (beide verletzt) musste Peter Bosz kurzfristig auch auf seinen vierten Sechser Exequiel Palacios (Rücken) verzichten.
Was alles so aus Verzweiflung entstehen kann...
Aus dieser Verzweiflung heraus, traf der Niederländer eine Entscheidung, die nicht seinem Naturell entspricht. Er änderte sein System und bot zum ersten Mal eine Dreierkette auf. Edmund Topsoba tauchte dabei ins kalte Bundesliga-Wasser. Der Neuzugang überzeugte auf Anhieb und sorgte mit Sven Bender und Jonathan Tah dafür, das „Wunderkind“ Erling Haaland erstmals im Dortmunder Trikot ohne Tor blieb.
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Auch Boszs zweiter taktischer Schachzug, die Doppelsechs mit Nadiem Amiri und Lars Bender zu besetzen, ging auf. Bender traf nicht nur unwiderstehlich zum Sieg, er lief auch unglaubliche 13,12 Kilometer, schickte seinen ehemaligen Teamkollegen Julian Brandt in den Krankenstand (Sprunggelenk) und stopfte viele Löcher, die der BVB mit seiner unglaublichen Offensivwucht immer wieder riss. Und Amiri? Der bislang so enttäuschte Neuzugang schwang sich zu seiner besten Leistung im Bayer-Trikot auf. Der Nationalspieler rackerte und bereitete beide Treffer des diesmal zu 100 Prozent effizienten Kevin Volland zum 1:0 und 2:2 vor (20./43.).
Verkehrte, schöne Welt.
Überhaupt zeigte die Werkself nur drei Tage nach ihrem unterdurchschnittlichen Pokalauftritt gegen Zweitligist VfB Stuttgart (2:1), warum ihr so viel Talent nachgesagt wird. Anstelle des üblichen Chancenwuchers traten vier Tore, zwei Abseits- und ein Pfostentreffer von Kai Havertz bei acht Schüssen auf das BVB-Tor. Verkehrte, schöne Welt. Zum ersten Mal in dieser Saison konnte Bayer zudem einen Rückstand drehen und neben Mats Hummels 1:1 (22.) und Emre Cans Traumtor zum 2:1 (33.) auch das 2:3 von Raphael Guerreiro wegstecken, das im direkten Gegenzug zu Havertz Großchance gefallen war (65.).
„Das Wichtigste war der Wille der Spieler“, erklärte Bosz und verteilte ein „Riesenkompliment“ an sein Team. „Wir waren leidenschaftlich und sind viele Wege gegangen“, lobte auch Volland sich und seine Kollegen. Bayer hat an diesem unglaublichen Fußballabend den Anschluss an die Champions League-Plätze gewahrt und sich bewiesen, was es kann, wenn es die richtige Einstellung findet. Leverkusens Sportvorstand Rudi Völler glaubt sogar an eine Initialzündung: „Ein verrücktes Spiel und eines, was wir genauso gebraucht haben.“ Nicht nur Bayer 04 Herr Völler, sondern ganz Fußball-Deutschland.



