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Kölner im NetzWie ein Hobby-Schiedsrichter zum Regelerklärer Nummer eins wurde

5 min

Live-Schaltung aus der Wohnung von Alexander Feuerherdt

Köln – Entscheidungen aus dem Kölner Keller bringen viele Fußball-Fans in Wallung. Abkühlung bekommen sie aus einer Kölner Dachgeschosswohnung. Von dort erklärt ein ehemaliger Buchhändler und Politikstudent strittige Schiedsrichterentscheidungen zwischen Sevilla und Sandhausen. Immer mehr Menschen hören dem Mann mit der runden Hornbrille und dem ausgleichenden Wesen zu oder lesen seine Analysen. Er heißt Alexander Feuerherdt, aber bekannt ist er unter dem Markenzeichen „Collinas Erben“. Ein virtueller Besuch im Kölner Dachgeschoss.

Im Alltag steht dort ein Bücherregal. Samstags um eins wird dort im Wohnzimmer Feuerherdt ein Plakat angebracht; es zeigt das Konterfei der italienischen Schiedsrichter-Legende Pierluigi Collina mit Kopfhörern, weiß auf grünem Grund, darunter steht „Collinas Erben“. Fertig ist die TV-Studiokulisse. Davor sitzt der Herr des Hauses, bereit zur Live-Schalte in den Bundesliga-Sendung bei „Sky“.

„Collinas Erben“ – warum eigentlich?

Pierluigi Collina war zwischen 1995 und 2005 einer der weltbesten Schiedsrichter – und ist bis heute nicht nur in seiner Heimat Italien populär. „Er war der erste Schiedsrichter, der Kultstatus erlangte“, sagt Alexander Feuerherdt, der seine Regelerklärungen in diversen Medien unter dem Markenzeichen „Collinas Erben“ verbreitet. Er schreibt und spricht über Schiedsrichter und Fußballregeln bei Twitter, in einem Podcast, bei Sky, in einer Kolumne bei ntv.de sowie als Autor für den Spiegel und den Deutschlandfunk. Der 51-Jährige Lektor und Journalist, früher Politikstudent und Buchhändler, ist gebürtiger Bonner und lebt in Köln. Er ist ehrenamtlicher Lehrwart im Fußballkreisverband Köln. Ach ja: Pierluigi Collina weiß, wie sein Name in Deutschland verwandt wird – es gefällt ihm, wie man hört.

Der Sender, der die Fernseh-Liverechte an der Bundesliga hält, hat Feuerherdt seit zwei Monaten für den Bundesliga-Samstag gebucht, vorläufig bis zum Saisonende. Um 13.30 Uhr geht´s los mit einem Regel-Thema der Woche, im Lauf der Konferenz kommentiert er strittige Szenen. Anders als seine Vorgänger, die ehemaligen Spitzen-Schiedsrichter Markus Merk und Peter Gagelmann steht Feuerherdt nicht für Zuschaltungen während des Spiels zur Verfügung: „Wenn der Reporter „Skandal“ ruft, werde ich das nicht noch verstärken.“

Stattdessen erklärt er lieber ruhig und verbindlich, aber verständlich und konsequent, warum der Schiedsrichter recht hatte. Oder wie es zu seinem Fehler kommen konnte. Oder was genau im Regelheft steht und was es bedeutet. „Natürlich ist Sky für mich ein kleiner Ritterschlag, aber ich will mir auch dort treu bleiben. Für boulevardeske Zuspitzungen stehe ich nicht zur Verfügung. Und wenn es sein muss, widerspreche ich auch dem Reporter oder einem Experten im Studio.“

So macht es der Regelkundler auch bei Twitter, wo er seit 2011 schnell und präzise erklärt, begründet und richtig stellt. „Collinas Erben können da bestimmt helfen“, heißt es letzte Woche im spätabendlichen Streit mehrerer Fans um ein Handspiel. Ein paar Minuten später kommt die Antwort von Feuerherdt: „Wenn zuerst absichtlich der Ball gespielt wird (was hier eindeutig der Fall ist) und der Ball dann an die Hand oder den Arm springt, ist das Handspiel nicht strafbar.“

Live-Schaltung aus der Wohnung von Alexander Feuerherdt in die Bundesliga-Sendung von Sky, wo Collinas Erben jeden Samstag dabei sind.

Fast 40000 Fußballfreunde folgen dem Twitter-Account, und selbst die hitzigsten Diskutanten reißen sich zusammen, wenn Feuerherdt die Wogen glättet. Geduldig erklärt er erzürnten Werder-Fans, welche Entscheidungen von Schiedsrichter Manuel Gräfe im Pokal-Halbfinale gegen RB Leipzig richtig waren und was das „deliberate play“ damit zu tun hat.

Wenn man seine Antworten liest, durchzuckt einen der Gedanke: Ob der Typ mal Schiedsrichter war? War er. Angefangen hat er mit 16, nachdem er in einem Jugendspiel zwei Elfmeter verursachte und den Unparteiischen – ein gleichaltriger Junge aus dem Nachbardorf im Westerwald – anmeckerte: „Was du kannst, kann ich auch – und sogar besser.“ 1985 macht er die Anwärterprüfung, im ersten Spiel wird er selber angemeckert und will hinschmeißen. Tut er aber nicht, sondern macht weiter und steigt auf bis in die viertklassige Oberliga, als Linienrichter bringt er es bis in die dritte Liga.

Der heimliche Regelerklärung einer wachsenden Fangemeinde

„Was ich erreicht habe, entspricht meinem Leistungsvermögen. Es kann eben nicht jeder Bundesliga pfeifen“, sagt er. Regelkunde und Schiedsrichterwesen lassen ihn aber nicht los: Er engagiert sich als Lehrwart, betreut junge Unparteiische und hilft, in Köln ein Patensystem für die Anfänger aufzubauen. Bald gewinnen die Funktionäre ihn als Coach in der Aus- und Fortbildung. Alles Hobby, alles ehrenamtlich, alles unauffällig.

Das wird anders, als ihn der Journalist Klaas Reese 2012 anspricht, um Feuerherdt für seinen Podcast „Fokus Fußball“ als Regelexperten vors Mikrophon holt: Er soll die 17 Fußballregeln erklären. Damit beginnt die unerwartete Karriere; heute ist Feuerherdt der heimliche Regelerklärer und Schiedsrichterversteher einer wachsenden Fangemeinde. Im Podcast mit seinem Kollegen Reese, bei Sky, in Kolumnen für Medien und weiter unermüdlich bei Twitter, wo er aktuelle Regelfragen noch während des Spiels beantwortet, in denen sie aufgetreten sind.

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Zum DFB hat sich inzwischen Kontakt aufgebaut, insbesondere zu einigen Schiedsrichtern. Die meisten schätzen seinen verbindlichen Stil und vor allem seine Fachkenntnis. Viele hören den Podcast, sie lesen seine Reportagen und Szenenanalysen in der offiziellen Schiedsrichter-Zeitung, für die er seit mehreren Jahren schreibt.

Er gehört nicht zum inneren Zirkel, aber er hat selbst gepfiffen. Er hat die Pöbler am Rand gehört, sich über seine Fehlentscheidungen geärgert und ist mit Spielern oder Trainern aneinandergeraten.

Er ist einer von ihnen.