Nach dem zweiten Last-Minute-Sieg in Folge kann Bayer Leverkusen mehr denn je von der Meisterschaft träumen.
Sieg in der NachspielzeitBayer Leverkusen schlägt Leipzig spektakulär

Jubel bei Bayer 04 Leverkusen nach dem 3:2-Siegtor von Torschütze Piero Hincapié.
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Im Moment der größten Ekstase hätte er beinahe selbst die Kontrolle verloren. Xabi Alonso wollte gerade lossprinten, um den nächsten Last-minute-Siegtreffer mit Bayer Leverkusen zu feiern, da verlor er bei eisigen Temperaturen im Leipziger Stadion den Halt unter den Füßen. Natürlich hätte auch ein Jubelsturz nichts an der Aura des spanischen Gentlemen geändert.
Sinnbildlich für den öfter strauchelnden, aber nie fallenden Bundesliga-Spitzenreiter wendete der Coach das Schlimmste aber mit einer hüftschwungartigen Rutschparade ab und konnte Bundesligasieg Nummer 15 schmerzfrei genießen. Dabei wusste Alonso, dass es zum Rückrunden-Auftakt bei RB Leipzig, nach zwei Rückständen, den ersten Ausrutscher hätte geben können: „Alles hätte passieren können am Ende“, sprach er sieben Tage nach dem 1:0 in der 94. Minute in Augsburg, über das 3:2 beim sächsischen Tabellenvierten.
Alonso: „Alles hätte passieren können am Ende“
„Wir waren glücklich das dritte Tor zu schießen“, frohlockte der Baske, nachdem Piero Hincapie einen Eckstoß von Alejandro Grimaldo in der Nachspielzeit über die Linie gegrätscht hatte. Ganz Leverkusen strahlte nach dem 27. Pflichtspiel also weiter mit einer weißen Weste, die historisch hell und europaweit einzigartig erscheint. Da kann Gewinnertyp Alonso noch so oft betonen, dass ihn Rekorde und Bestmarken nicht tangieren, weil sie durch konstante Arbeit bedingt und keine Garantie für Titel sein müssen.
Die Art und Weise, wie seine Profis das 24. Pflichtspiel der Saison gewannen, kann aber nur als meisterliches Statement stehen. „Es ist ein neues Gesicht dieser Mannschaft, dass wir nach so einer ersten Halbzeit zurückkommen können“, stellte Alonos verlängerter Arm auf dem Platz klar. Granit Xhaka fühlte sich nach den ersten 45 Minuten an das 1:1 in Stuttgart erinnert, wo es Anfang Dezember auch wenig Zugriff gab und ein höherer Rückstand möglich war. Ohne Robert Andrich, dafür aber mit dem zuvor taktisch geschonten Jonathan Tah, präsentierte sich die Defensive zunächst wackelig:
Starke Leipziger spielen Bayern zunächst an die Wand
Xavi Simons bestrafte dies mit einem fußballerischen Kunstwerk aus Ballannahme, Drehung und erfolgreichem Linksschuss zum 0:1 (7.). In der Folge schwammen die physisch kaum präsenten Gäste und hätten durch Benjamin Sesko (9.), Mohamed Simakan (21.) und bei einer elfmeterverdächtigen Szene mit Luis Openda und Jeremie Frimpong (25.) geschockt werden können. Als der letztgenannte Flügelflitzer nach einem schmerzhaften Schlag auf den Oberschenkel für Nathan Tella ausgetauscht werden musste (31.), lag die erste Saisonniederlage in der Luft.
„Es war wichtig, dass wir, auch wenn man schlecht spielt, im Spiel bleibt“, lobte Xhaka die eigene Widerstandkraft. Vor allem nach dem Seitenwechsel wurden diese offenbar: Auch dank Alonsos unschätzbarem Gespür für Spielsituationen: „In der Kabine hat er uns gesagt, dass wir aggressiver spielen und Zweikämpfe gewinnen müssen“, benannte Xhaka die defensiven To-Do’s. Offensiv brachten individualtaktische Anpassungen, mehr Kontrolle und besser bespielbare Räume.
Joker Tella trifft für Leverkusen zum Ausgleich, Hincapie mit Last-Minute-Tor
Ausgerechnet Joker Tella konnte eine Hereingabe von Grimaldo am rechten Pfosten zum 1:1 verwerten (47.). „Für ihn war es nicht einfach, nach 30 Minuten, in so ein Spiel zu kommen“, lobte Alonso seinen Rechtsaußen nicht nur für den perfekten Start in Durchgang zwei, sondern auch für seinen „guten Impact“ als Einwechsler. Nun war das Alonso-Team auf der Höhe und hätte das Blatt durch Florian Wirtz, der an RB-Keeper Blaswich scheiterte, ganz wenden können (55.).
Dass die Leipziger nach einer verpatzten Hofmann-Ecke ein „Supertor“ durch Openda erzielten (56.), konnte dem Chefcoach „egal“ sein. „Wir hatten dann ein besseres Gefühl und das Vertrauen“, betonte er die Mentalität nach dem ersten Konter-Gegentor der Saison. Schließlich war es Jonas Hofmann, dessen nächster Eckstoß bei Jonathan Tah und von dessen Kopf zum 2:2 einschlug (63.). Von Piero Hincapiés entfesselndem, ersten Saisontreffer ganz zu schweigen.
Dass der muskelverletzte Siegtorschütze der Vorwoche, Exequiel Palacios in der 91. Minute schon ausgewechselt war, Tah seine fünfte Gelbe Karte gesehen hatte und Frimpongs Oberschenkel einen Einsatz am Samstag gegen Borussia Mönchengladbach fraglich macht, fichte Alonso nach der zementierten Tabellenführung (noch) nicht an. In Leverkusen wird er vor dem ersten Heimspiel des Jahres sicher geschickt, intuitiv, ja vielleicht sogar meisterlich improvisieren.
