Abo

Zum Tod von Uwe SeelerDas klassen- und zeitlose Fußball-Idol

6 min
uweseeler_85jahre_verstorben

„Einer von uns“ ist gegangen: Uwe Seeler ist im Alter von 85 Jahren gestorben.

Hamburg – Die Trauer erfasst nicht nur die Fußball-Nation. Der Tod von Uwe Seeler berührt ein ganzes Land, für das „Uns Uwe“ mehr war als ein Stürmer von Weltklasse oder das Gesicht eines großen Vereins. Warum wurde und war er ein Idol, ein Vorbild für Millionen, obwohl er genau das nie sein wollte?

„Idol ohne Verfallsdatum“

Gerd Müller hat mehr Tore erzielt, Franz Beckenbauer mehr Titel gewonnen und Lothar Matthäus doppelt so viele Länderspiele bestritten. Doch Uwe Seeler wird sie immer an Popularität und Beliebtheit übertreffen – er war, ist und bleibt ein Idol ohne Verfallsdatum, wie ihn einst der „kicker“ adelte. Und das ist erstaunlich, weil jene, die ihn noch bewusst spielen sahen, heute auf das Rentenalter zusteuern. Die Jüngeren kennen den Mittelstürmer Uwe Seeler nur aus legendären Fernsehbildern, meist in Schwarz-Weiß, aber auch sie wissen, wer das war und wie er war.

Toreschießen – nie hat er auf dem Spielfeld etwas anderes gewollt. „Ein hoffnungsvoller Sprössling Erwin Seelers schoss in einem Knaben-Vorspiel das einzige Tor“, schrieb das „Hamburger Nachrichtenblatt“ am 18. Februar 1946. Da war Uwe noch nicht mal zehn, mit 17 debütierte er in der Ersten des HSV – muss man erwähnen, dass er ein Tor erzielte? „Der Junge schoss so herzhaft, dass die Hamburger in beste Stimmung gerieten“, schwärmte der „kicker“. Zwei Monate später bestritt er das erste seiner 72 Länderspiele.

Der unerschrockene Stürmer

Wie der personifizierte Schrecken der Abwehrspieler sah er nicht aus: 1,69 Meter groß, 75 Kilogramm schwer, mit lichtem Haarschopf und auf kurzen Beinen kam er beinahe harmlos daher. Doch auf dem Rasen wurde er zu einem unerschrockenen Stürmer und unermüdlichem Kämpfer. „Schweiß auf der Stirn, Dreck am Hemd und Blut am Bein – das waren die Insignien dieses Fußball-Idols“, beschrieb ihn sein Jugendfreund und Mitspieler Gerd Krug, der erst als Fußballprofi und dann als Journalist Karriere machte.

Und dann natürlich seine Tore: Er traf aus allen Lagen – mit dem linken wie mit dem (etwas stärkeren) rechten Fuß, dank seiner gewaltigen Sprungkraft oft mit dem Kopf. Seine Spezialitäten waren Fallrückzieher und Volleyschüsse, aber wenn es sein musste, traf er mit dem Hinterkopf (wie 1970 im WM-Viertelfinale gegen England) oder im Sitzen mit dem Rücken zum Tor (wie 1960 in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft gegen Westfalia Herne). „Toreschießen war ihm angeboren, er wollte auf dem Platz nichts anderes“, beschrieb ihn ein Reporter, „er brauchte auf dem Spielfeld keinen Kompass, selbst mit verbundenen Augen hätte er das Tor gefunden.“ Fast 500-mal traf er in Pflichtspielen für seinen HSV; für die Nationalmannschaft, in der er 1954 mit 17 Jahren debütierte, traf er in 72 Länderspielen 43-mal und trat bei vier Weltmeisterschaften an.

Ein aufrichtiger Sportsgeist

Es waren nicht allein die Tore für den HSV und die Nationalelf, die ihn aus der Masse hervorhoben. Seeler war ein Sportsmann, der zum Fair Play keine Regeln brauchte. Er wollte ums Verrecken nicht verlieren; noch mit 50 kämpfte er mit hochrotem Kopf in Benefizspielen seiner Prominenten-Mannschaft um jeden Ball, um jede Chance. Doch wenn er verloren hatte, nahm er die Niederlage hin mit einem aufrichtigen Sportsgeist, der einem heute – angesichts der über Fehlentscheidungen und unfaire Gegner jammernden Trainer und Spieler – fast rührend altmodisch vorkommt.

uweseeler_hsv_archiv

Szenen wie diese waren bei Uwe Seeler keine Seltenheit. Der Torjäger traf für seinen HSV und die Nationalmannschaft aus allen Lagen.

Zweimal endete sein Traum vom Weltmeister-Titel vor allem, weil Schiedsrichter die deutsche Nationalmannschaft benachteiligten. 1966 im Finale von Wembley wurde ein Tor für die Engländer gegeben, das keins war. Und 1970 beim Jahrhundertspiel im Halbfinale gegen Italien gab eine Kette teils grotesker Fehlentscheidungen den Ausschlag für die Squadra Azzurra. Es war das Verdienst des Kapitäns Uwe Seeler, dass die deutsche Mannschaft diese bitteren Niederlagen ohne Wehklagen und Proteste hinnahm und der Welt zeigte, dass man auch als Verlierer ein Gewinner sein kann.

Seeler blieb dem HSV treu

Zu dieser Haltung passte Uwes Treue zum HSV. 1961 buhlte Inter Mailand um den Weltklasse-Stürmer. Trainer Helenio Herrera, eine Art José Mourinho seiner Zeit, bat Seeler zum Gespräch ins Hotel Atlantic. „Neben dem Tisch aus feinstem Glas mit goldener Umrandung stand ein schwarzer Koffer. Herrera griff nach ihm und hob ihn hoch“, beschrieb Seeler die Szene in seiner Biografie und erinnerte sich an die Worte des Startrainers. „Signore Seeler! Diesen Koffer füllen wir sofort mit einer Million Mark, netto und bar, versteht sich. Das ist Handgeld, wenn Sie nach Mailand kommen.“ Dazu, so sah es der Vertrag vor, sollte es pro Jahr 500000 DM Gehalt, eine Villa und ein Auto geben. Seeler durfte in der Oberliga Nord – die Bundesliga war noch nicht erfunden– nicht mehr verdienen als 500 DM im Monat, er arbeitete neben dem Fußball, war niemals Vollprofi. Dass ihm damals in der Suite im Atlantic schwindelig wurde, kann man sich vorstellen. Doch nach zwei Tagen sagte er ab und ließ den siegessicheren Startrainer fassungslos zurück.

„Ehrlich währt am längsten“

Seeler blieb – weil er dort bleiben wollte, wo er sich wohlfühlte und auskannte. Ihm war das sichere kleine Glück lieber als das große Abenteuer. Und er blieb auch, weil die Sportartikelfirma Adidas ihm einen Handelsvertreter-Vertrag gab, der ihm ein besseres Auskommen dauerhaft sicherte. Wenn er unterwegs war auf seinen Touren, fragte er oft bei irgendeinem Amateurverein an, ob er sich beim abendlichen Training mit den Hobbykicker fit halten könnte. „Wir sind einfache Leute und stolz darauf“, erklärte Uwe Seeler seine Wurzeln, „mein Ziel war es immer, normal zu bleiben – es ist schön, normal zu sein.“ Geprägt hatte ihn „Vaddern“ – Erwin Seeler, ein kantiger, selbstbewusster Hafenarbeiter, stolzer Vertreter der Arbeitersportbewegung und später Stürmer beim HSV. Seinen Kindern – Bruder Dieter spielte ebenfalls für den HSV in der Bundesliga, Schwester Gertrud war Handballerin – gab „Old Erwin“ außer sportlichem Talent ein paar Lebensweisheiten mit. „Geld ist nicht alles“, machte er seinen Kindern klar, er mahnte „Ehrlich währt am längsten“ und forderte klare Kante: „Ein Seeler macht keine halben Sachen.“

„Wir haben wohl vieles richtig gemacht.“

Das waren Maximen in Uwes Lebens, und weil er sie vorlebte, wurde er das Vorbild, das er nie sein wollte. Seine Familie war ihm das Wichtigste, mit der Seemanns-Tochter Ilka war er seit 1959 verheiratet, ihre drei Töchter brachten sieben Enkelkinder zur Welt. Wenn er nach ihrer Lebensbilanz gefragt wurde, sagte er meistens: „Wir haben wohl vieles richtig gemacht.“ Es war diese Bodenständigkeit, diese Selbstverständlichkeit und die Zufriedenheit mit einem normalen Leben, mit der sich Uwe in der Öffentlichkeit bewegte, die ihm die Sympathie von Millionen brachten. Zum Idol einer Generation wurde er, weil sich in seinem Lebensweg viele Menschen erkannten und mit ihm identifizierten, auch wenn sie es nicht so weit gebracht hatten. Sie waren stolz auf ihn, weil er einer von ihnen war.

Im Kontrast zum modernen Ball-Business, in dem Spieler Marken sind, Vereinstreue ein Fremdwort ist und alle nur den nächsten Schritt machen wollen, mag ein Mann wie Uwe Seeler aus der Zeit gefallen sein. Doch er wird uns für alle Zeiten daran erinnern, dass die Menschen den Fußball nur lieben lernen durch Spieler, wie er einer war.