Der Handballsport wird an diesem Wochenende 100 Jahre alt, und der VfL Gummersbach gehört zu den Vereinen, die die Geschichte des Sports maßgeblich mitgeschrieben haben. Nach knapp einem Drittel der aktuellen Saison steht die Mannschaft des einzig verbliebenen Gründungsmitglieds der Bundesliga auf dem vorletzten Tabellenrang. Über den Start in die Meisterschaft sprach Andrea Knitter mit Christoph Schindler (34), der seit dieser Saison Sportdirektor des VfL ist.Nach knapp einem Drittel der aktuellen Saison, wie fällt Ihr Fazit aus?
Ich wusste, dass es eine schwere Saison wird. Im Sommer fand ein großer Umbruch statt mit vielen Neuzugängen, das braucht Zeit. Dazu kam die Verletztensituation. Die Mannschaft hat in einigen Spielen gezeigt, was sie kann. Leider hat sie sich oftmals nicht belohnt. Unter dem Strich war es bisher zu wenig, und wir hätten natürlich die Spiele gegen Lemgo und Friesenheim gewinnen müssen. Man darf aber bei aller Kritik nicht vergessen, dass wir in der vergangenen Saison mit Julius Kühn, Evgeni Pevnov, Andreas Schröder oder mir als Führungsspieler erst am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt in trockene Tücher gebracht haben.
Bis Sommer waren Sie als Spieler noch Teil der Mannschaft, bevor Sie ins Amt des Sportdirektors gewechselt sind. Wie empfinden Sie Ihre Tätigkeit?
Es war klar, dass viele Herausforderungen auf mich warten würden. Es war ja nicht nur ein personeller Wechsel, sondern die Struktur wurde verändert, und das bedeutet, dass auch viele Sachen geändert werden müssen. Ich empfinde meine Arbeit als sehr vielseitig und intensiv. Auch wenn im Moment nicht alles rundläuft, macht mir die Arbeit viel Spaß. Mich treibt jeden Tag die Motivation, diese Dinge zu ändern.
Sind Sie von der Mannschaft enttäuscht?
Nein, das kann man so pauschal nicht sagen. Denn es gibt auch Positives. Damit meine ich zum Beispiel Florian Baumgärtner, der mit Saisonbeginn an vorderster Front steht und konstant gute Leistungen zeigt. Der sicher noch Fehler macht, aber seine Aufgabe insgesamt sehr gut erfüllt. Es war für ihn ganz ungewohnt, plötzlich so viel Verantwortung übernehmen zu müssen. Dazu kommt Marvin Sommer, der quasi in einer Nacht- und Nebelaktion nach dem Ausfall von Kevin Schmidt verpflichtet wurde und überhaupt keine Anlaufschwierigkeiten hatte. Moritz Preuss macht einen sehr guten Job ebenso wie Carsten Lichtlein. Ich weiß aber auch, dass der ein oder andere noch nicht das Maximum aus sich herausholt.
Trotz seiner guten Entwicklung, ist es nicht ein zu großes Wagnis nur mit Baumgärtner auf Halbrechts die Saison zu spielen?
Natürlich wäre es wünschenswert, auf der Position einen zweiten Spieler zu haben, alleine um ihn zu entlasten. Aber es macht ja auch keinen Sinn, irgendwen zu verpflichten, er muss sportlich und finanziell zu uns passen.
Wie sieht es denn bei Max Hermann aus? Gibt es noch Chancen, dass er auf Halbrechts für den VfL aufläuft?
Er ist nach seiner Schulter-Operation im Sommer erneut bei einem Spezialisten und wird sich noch einmal operieren lassen. Das wäre dann die vierte OP. Wie hoch die Chancen sind, dass er wieder für uns spielen kann, kann ich nicht sagen. Ich rechne aber nicht mit einer baldigen Rückkehr. Unter dem Strich ist das natürlich eine sehr unbefriedigende Situation.
Der Mannschaft fehlt die Konstanz, auf gute Spiele folgten meist schlechte. Welche Rolle hat dabei die Integration der Spieler?
Die spielt natürlich eine wichtige Rolle, und es war klar, dass es in diese Richtung gehen kann. Sie darf aber ab jetzt keine Rolle mehr spielen. Weder mangelnde Integration noch das Verletzungspech können als Entschuldigung dienen. Wir stehen gegen Minden, Hüttenberg und Lübbecke vor drei wichtigen Spielen, in den gepunktet werden muss.
Nicht nur beim VfL ist seit Saisonbeginn alles neu, auch die Anwurfzeiten haben sich verändert. Sehen Sie darin auch einen Grund, dass die Schwalbe-Arena bisher noch nicht so gut gefüllt war?
Es ist rein hypothetisch, dass das nur etwas mit den geänderten Anwurfzeiten zu tun hat. Es kann auch damit zu tun haben, dass wir vergangene Saison gegen den Abstieg gespielt haben und in dieser Spielzeit sportlich auch noch nicht überzeugen konnten. Die Anwurfzeiten können wir nicht ändern, aber wir können besser spielen. Die Mannschaft braucht die Zuschauer, und ich hoffe, dass wir bald wieder eine volle Arena sehen.
Morgen ist es 100 Jahre her, dass der Handballsport „erfunden“ wurde. Der VfL ist einer der Vereine, die den Handball über Jahre maßgeblich geprägt haben. Wie passt es da ins Bild, dass Simon Ernst im Sommer zu den Füchsen Berlin wechselt, weil er sich in Gummersbach sportlich nicht weiterentwicklen kann?
Ich kann verstehen, dass Simon diesen Schritt geht. Wir haben alles versucht, ihn hierzuhalten, er hat aber die aus seiner Sicht bessere sportliche Perspektive gewählt. Genau das ist der Punkt, an dem ich jeden Tag arbeite. Ich möchte, dass der VfL wieder dahin kommt, Spielern wie Simon eine sportliche Perspektive zu bieten. Daran arbeite ich im Moment fast 24 Stunden am Tag.
Es gab einen Umbruch in der Mannschaft im Sommer, es könnte einen weiteren im nächsten Jahr geben, denn nur fünf Spieler haben einen Vertrag über die Saison hinaus.
Es laufen in der Tat viele Verträge aus. Wie groß der Umbruch tatsächlich wird, hängt von den Jungs selbst ab. Jeder Spieler hat die Chance, sich mit guten Leistungen für die kommende Saison zu empfehlen.
Sie haben gesagt, dass sich mit ihrem Amtsantritt und dem von Geschäftsführer Peter Schönberger viele Dinge ändern mussten. Was hat sich denn bisher getan?
Eine ganze Menge. Wir haben viel bewegt, auch wenn das nicht alles so offensichtlich ist. Die Infrastruktur wurde verbessert, ebenso wie Dinge rund um die Bundesliga, aber auch um die Akademie. Viels ist aber auch auf die Zukunft ausgerichtet. Was die Arbeit natürlich nicht unbedingt einfacher macht, ist die aktuelle Situation in der Bundesliga. Egal, ob man mit potenziellen Neuzugängen spricht oder andere Leute vom VfL begeistern möchte. Das ist bei der Sponsorensuche nicht anders. Von daher geht es darum, die Menschen von seinem Konzept und einer positiven Zukunft zu überzeugen.
Sie haben immer wieder auf die finanzielle Situation des Vereins hingewiesen, den ja nach wie vor Altschulden drücken. Muss man sich wieder Angst um die Lizenz machen?
Nein, im Verein sind viele kompetente Leute damit beschäftigt, dass die Bedingungen alle erfüllt werden. Und von daher mache ich mir darum keine Sorgen.
Im nächsten Heimspiel empfangen Sie am 9. November den TV Hüttenberg. Dort ist seit Anfang der Woche Emir Kurtagic der neue Trainer, unter dem sie im Frühjahr noch gespielt haben. Ist das für Sie eine besondere Situation?
Nein, dass ist sie wohl eher für Emir. Es ist ja nicht das Spiel des VfL gegen Kurtagic, sondern ein Duell gegen Hüttenberg. Ich freue mich, dass er wieder Job in der Bundesliga hat, und ich freue mich, ihn wiederzusehen. Ich will aber auch die beiden Punkte.