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„Cash only!“Kampf ums Bargeld – wenn Händler keine digitale Bezahlung wollen

6 min
Eine Kassiererin gibt einer Kundin Wechselgeld an der Kasse eines Supermarktes.

Eine Kassiererin gibt einer Kundin Wechselgeld an der Kasse eines Supermarktes.

Viele Betriebe wollen digitale Bezahlmethoden nicht akzeptieren – die Bundesregierung will das ändern, aber auch die AfD mischt mit.

Das erste Viertel des 21. Jahrhunderts ist vorüber. Aber wer in Deutschland sein Schnitzel oder seine neuen Acrylfingernägel mit Smartphone oder Karte bezahlen möchte, muss sich immer wieder wundern: Ob ein Traditionsrestaurant am Hamburger Hauptbahnhof, ob die größte Eisdiele in Weimar oder ein Nagelstudio in Berlin-Prenzlauer Berg, überall heißt es: „Nur Barzahlung!“.

In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert die Furcht, bald nirgendwo mehr bar bezahlen zu können. Dass sich noch immer Hunderttausende von Gaststätten, Händlern und Dienstleistern weigern, neben der Barzahlung eine digitale Bezahloption anzubieten, wird kaum thematisiert. 24 Prozent der Gastrobetriebe und 27 Prozent der Außer-Haus-Dienstleister nehmen ausschließlich cash, sagt die Bundesbank.

Dabei ist das ja nicht nur nervig für Verbraucher. Auch der Volkswirtschaft entsteht ein gewaltiger Schaden, weil Gewerbetreibende dank Barzahlung Umsätze verheimlichen und schwarz kassieren können. Der Bundesrechnungshof beziffert die Einnahmeverluste für den Staat auf 15 bis 20 Milliarden Euro.

Politischer Sprengstoff

Die Politik hat das Thema auf dem Schirm. Die SPD hat folgenden Satz in den Koalitionsvertrag hineinverhandelt: „Wir (...) wollen, dass grundsätzlich Bargeld und mindestens eine digitale Zahlungsoption schrittweise angeboten werden sollen.“ Finanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil hat sich quasi selbst den Auftrag erteilt, eine Pflicht zur digitalen Bezahloption auf den Weg zu bringen.

Was sich harmlos oder nach einer Selbstverständlichkeit anhört, birgt politischen Sprengstoff. Die Lobby der Einzelhändler und Gaststätten läuft gegen das geplante Gesetz Sturm. Und die AfD hat das Erregungspotenzial entdeckt: Der Staat wolle das Bargeld zurückdrängen, seine Bürger überwachen und ihnen ihre Freiheit rauben, warnen die Rechtspopulisten. Sie haben sich das in Österreich abgeschaut. Dort gehören Rufe nach einer „Festung Bargeld“ zum Standardrepertoire.

Christian Brück hat erlebt, wie das Thema hochkochen kann: „Wer von euch hat schon mal Bargeld gekauft?“, fragt er in einem Video auf Instagram. „Und damit meine ich: 2,50 Euro bekommen, für die ich drei Euro zahle. Bekloppt?“ Bäcker Brück steht vor dem Etagenofen in seiner Delmenhorster Bäckerei, während er erklärt, dass er pro Münzrolle 50 Cent bei der Bank draufzahlt. Dadurch entstünden täglich mindestens 15 Euro Kosten für die Bargeldbearbeitung, pro Woche etwa 100, wie er im Gespräch verrät. „Scheut euch nicht, auch kleinere Beträge mit Karte zu zahlen“, sagt er im Video. Mehr als 300.000 Menschen haben sich das angeschaut.

Entgegen dem Gerücht, dass Bargeld bei Geringbeträgen bevorzugt werde, sind laut dem Bäcker die Gebühren für Kartenzahlungen gesunken. Zugleich seien Aufwand und Kosten für das Bargeldmanagement gestiegen.

In Schweden läuft das Zahlen beim Bäcker längst digital. Dort ist das Bargeld fast schon ein Relikt der Vergangenheit. Im Jahr 2022 sank das Bargeldaufkommen dort auf lediglich 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Getrieben wurde diese Entwicklung vor allem durch die App „Swish“, die heute laut einer Studie der Riksbank 95 Prozent der Schweden für Echtzeitüberweisungen nutzen. Bis Mitte 2026 plant die schwedische Zentralbank die flächendeckende Einführung von Offline-Kartenzahlungen, die auch ohne Strom funktionieren sollen.

Auch in Dänemark, Norwegen und Island werden schon lange praktisch überall Karten akzeptiert. Belgische Händler müssen ihren Kunden seit dreieinhalb Jahren die Möglichkeit bieten, auch elektronisch bezahlen zu können. In Frankreich darf man nur bis 1000 Euro mit Scheinen zahlen, ab 1001 Euro gilt: „Pas d'Espèces!“ (Kein Bargeld).

In Deutschland hat man es nicht eilig: „Regierungsintern laufen derzeit Abstimmungen darüber, wie die Maßgabe des Koalitionsvertrages ressourcenschonend und bürokratiearm umgesetzt werden kann“, heißt es neun Monate nach dem Start von Schwarz-Rot sehr hölzern aus dem Bundesfinanzministerium. Woran mag das Zögern wohl liegen?

Die AfD-Fraktion im Bundestag hat zuletzt im Dezember einen Antrag auf Bargeld-Pflicht für den Handel eingebracht. Darin wird geklagt: „In der Praxis (wird) zunehmend die Annahme von Bargeld verweigert, insbesondere im stationären Einzelhandel, in der Gastronomie und bei Dienstleistungen. Dies führt zu einem Bedeutungsverlust des Bargelds und schränkt die Wahlfreiheit der Verbraucher ein.“ Ohne gesetzliche Regelung drohe „eine weitere Digitalisierung des Zahlungsverkehrs auf Kosten vulnerabler Gruppen“.

Sorge vor gläsernem Bürger

95 Prozent der Bürger haben eine Bankkarte. Und eine Bundesbank-Studie vom Dezember mit 2060 Testkäufen im Einzelhandel, der Gastronomie und bei Dienstleistern, im öffentlichen Nahverkehr und bei Behörden ergab: 99,4 Prozent der aufgesuchten Verkaufsstellen akzeptierten Bargeld.

Die Position der AfD gipfelt in der Warnung vor einem „gläsernen Bürger“ durch Einführung eines digitalen Euro. Bargeld sei hingegen „gedruckte Freiheit“. Der finanzpolitische Sprecher der Fraktion, Kay Gottschalk, erklärte im September: „Der digitale Euro wird als Ergänzung verkauft, ist in Wahrheit aber der Türöffner für totale Kontrolle. Schon heute wird Bargeld durch Obergrenzen und Auflagen systematisch geschwächt.“

Über Pläne der Regierung, Bargeldzahlungen zu verbieten, ist indes nichts bekannt. Wer im Internet bestellt, hinterlässt mehr Daten, als wenn er seine neue Frisur mit Karte bezahlt. 71 Prozent der Bürger wünschen sich inzwischen, überall mit Karte oder Smartphone zahlen zu können.

Mehrere Versuche unserer Redaktion, mit der AfD über das Thema zu sprechen, sind fehlgeschlagen. Auch eine Anfrage bei Co-Fraktionschef Tino Chrupalla blieb eine Woche lang unbeantwortet. Dafür können wir uns auf den schwarzen Ledersofas in der Lobby des Reichstags mit Florian Köbler unterhalten. Er ist Vorsitzender der Deutschen Steuergewerkschaft DSTG.

„Ich sage ja immer: 15–20 Milliarden Euro ist quasi der Steuerbetrug, der sich im bargeldintensiven Bereich abspielt“, sagt Köbler. Weil Pommesbuden, Kneipen, Nagelstudios oder Barbershops schwarz kassieren. „Der gesamtwirtschaftliche Schaden dürfte eher bei 50 Milliarden liegen“, schätzt der Experte. Die Verluste entstünden, weil bei Barzahlungen Umsätze nicht registriert, Löhne bar und ohne Abgaben gezahlt und Sozialleistungen unrechtmäßig bezogen werden.

Für seinen Einsatz gegen Bargeldbetrug und für die Pflicht zur digitalen Bezahloption muss Köbler einiges einstecken. „Ich war mal beim Sat.1-Frühstücksfernsehen zu dem Thema. Es ist schon krass, was danach kam, das ging bis zu Morddrohungen“, sagt er.

Es gibt aber auch Rückendeckung. Der Digitalverband Bitkom legte Klingbeil kürzlich ein Positionspapier mit konkreten Umsetzungsvorschlägen für die Pflicht zur digitalen Bezahloption vor. Das Projekt könnte zu einem „quick win“ werden, sagt Verbandsexpertin Alina Stephanie Bone-Winkel. Aber trotzdem werde die Debatte „zum Teil extrem emotional und polarisierend“ geführt.

Da kann es nicht verwundern, dass auch Stefanie Hubig vorsichtig ist. „Bargeld hat in Deutschland immer noch einen viel höheren Stellenwert als in den skandinavischen Ländern“, sagt die Justiz- und Verbraucherschutzministerin. Als letztere finde sie es zwar „gut, wenn die Menschen beim Bezahlen die Wahlfreiheit haben“, sie verstehe aber auch, „dass Verbraucher – gerade auch Ältere – das Bargeld schätzen“. Immerhin sagt sie: „Was ich mir deshalb wünsche: Dass beide Zahloptionen standardmäßig angeboten werden.“