Berlin – In der Corona-Krise ist die deutsche Wirtschaftsleistung massiv geschrumpft – und es wurde zugleich weniger gearbeitet. Das Bruttoinlandsprodukt ging im vergangenen Jahr um knapp fünf Prozent zurück, das Arbeitsvolumen brach um 4,7 Prozent ein. Wie kommt Deutschland aus der Misere wieder heraus? Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat dafür eine Lösung präsentiert, die den Arbeitnehmern sauer aufstoßen dürfte.
Der radikale Vorschlag: Die Deutschen sollen mehr arbeiten und weniger Urlaub machen. Das regt das arbeitgebernahe Kölner Institut in einer neuen Arbeitsmarkt-Studie an. Konkret wird darin eine Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit auf mindestens 36 Stunden vorgeschlagen. Zum Vergleich: Vor der Corona-Krise im Jahr 2019 betrug die durchschnittliche Arbeitszeit der Deutschen über alle Branchen hinweg 34 Stunden pro Woche. Alle Beschäftigten zusammen leisteten insgesamt 59,3 Milliarden Arbeitsstunden.
Anderthalb Wochen weniger Urlaub
Auch die Anzahl der Urlaubstage sollte nach Ansicht des IW drastisch reduziert werden. Das Institut nennt als eine denkbare Möglichkeit, sich an der Schweiz zu orientieren. Dort, so betonen die Wissenschaftler, „arbeiten Männer und Frauen pro Kopf nicht nur deutlich mehr Stunden pro Woche, sondern auch fast anderthalb Arbeitswochen mehr im Jahr als hierzulande“.
In Deutschland verbrachte laut IW-Berechnungen im Jahr 2019 ein Beschäftigter im Durchschnitt 1386 Stunden im Job. Schweden kam auf 1452 Stunden, die Schweiz gar auf 1557 Stunden – gut zwölf Prozent mehr. Zwar haben beide Länder nur leicht höhere Wochenarbeitszeiten als Deutschland – dafür aber weniger Feiertage und weniger Urlaubstage. Gelinge es Deutschland, die Erwerbsquote auf das Niveau der Schweiz zu steigern, führe das zu 1,8 Milliarden Arbeitsstunden pro Jahr zusätzlich, so das Institut. Das bedeute: Es entstünden 1,2 Millionen zusätzliche Vollzeitjobs.
Ein Abbau „unfreiwilliger Teilzeit“ könne die Arbeitsleistung ebenfalls steigern, heißt es in der Studie. Sie prognostiziert durch all diese Maßnahmen bis zu 7,7 Milliarden zusätzliche Arbeitsstunden im Zeitraum von zehn Jahren. Die Wirtschaftsleistung in der Bundesrepublik könne allein damit um bis zu sechs Prozent erhöht werden. Dies entspräche einem jährlichen Wirtschaftswachstum von 0,6 Prozent.
IW-Direktor Michael Hüther fordert von der Bundesregierung: „Um die Lasten der Corona-Pandemie zu bewältigen, muss das Wachstumspotenzial des Arbeitsmarktes genutzt werden. Im Gegensatz zu Steuererhöhungsplänen und anderen Abgabenphantastereien besteht hier die Chance, ökonomische Potenziale zu entfalten, anstatt Wachstum auszubremsen.“
Zahl der Arbeitnehmer schrumpft
Außer der Corona-Krise könnte der deutschen Wirtschaft laut der Studie in den nächsten Jahren noch ein weiteres Problem zu schaffen machen: der demografische Wandel. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes von 2019 könnte die Anzahl der erwerbsfähigen Personen im Alter von 20 bis 64 Jahren von heute fast 50 Millionen bis 2030 um vier Millionen schrumpfen. Die IW-Autoren warnen deshalb vor einer „naiven Hoffnung“ seitens der Politik, aus dem Corona-Schuldenberg einfach wieder herauswachsen zu können.
Überstunden in der Pandemie
1,67 Milliarden Überstunden haben die Beschäftigten in Deutschland trotz Pandemie im vergangenen Jahr geleistet. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor. Zwar ist die Zahl der Überstunden im Vergleich zum Vorjahr gesunken, wie aus den vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung stammenden Daten hervorgeht. Damals hatte sie sich auf 1,86 Milliarden summiert. Doch beim Anteil der Überstunden am Arbeitsvolumen hat sich wenig getan. Es betrug 3,2 Prozent. Das waren nur 0,3 Prozentpunkte weniger als im Jahr zuvor.
Mehr als die Hälfte der Überstunden – 892 Millionen – waren unbezahlt. Während die bezahlten Überstunden im Vergleich zum Vorjahr um 15,4 Prozent abnahmen, waren es bei den unbezahlten Überstunden nur 5,8 Prozent. Den Zahlen zufolge ist der Anteil der Überstunden am Arbeitsvolumen bei Teilzeitbeschäftigten mit 3,6 Prozent höher als bei Vollzeitbeschäftigten mit 3,1 Prozent. (dpa)
Dabei sehen die Kölner Wirtschaftswissenschaftler die hohen Lohnnebenkosten als zusätzliche Belastung an. Im Jahr 2020 entstanden pro geleisteter Arbeitsstunde in Deutschland nach Daten des Statistischen Bundesamtes Kosten von 36,70 Euro. Ein Wert, der im Vergleich der EU-Staaten im oberen Drittel angesiedelt ist – die Spitze bildete Dänemark mit Lohnnebenkosten von 46,90 Euro pro Arbeitsstunde.
Die IW-Studie schlägt noch weitere Möglichkeiten vor, um die ausgemachten „Beschäftigungspotenziale“ zu heben – etwa eine Angleichung der Wochenarbeitszeit der Frauen an die der Männer bei gleichzeitiger Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Doch selbst Instituts-Chef Hüther zeigt sich skeptisch, was die politische Umsetzbarkeit der Vorschläge angeht. Die Bundestagswahl steht vor der Tür – und wer mit der Forderung nach weniger Urlaub und mehr Arbeit in den Wahlkampf zieht, dürfte kaum Chancen haben.
