Rundschau-Debatte des TagesWie gut ist NRW auf Katastrophen vorbereitet?

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Die Feuerwehr kontrolliert die verwüstete Innenstadt. Heftige Regenfälle in der Nacht sorgten für Schlammlawinen und Überflutungen.

Einsatz in der Flutnacht: Feuerwehrleute am 15. Juli 2021 in der Innenstadt von Euskirchen. Seitdem hat sich einiges beim Katastrophenschutz in NRW getan.

Die Feuerwehren sind laut Bundesinnenministerium das „Rückgrat der Gefahrenabwehr“. Ist NRW gut für die neuen Krisen und große Unglücke gewappnet? Matthias Korfmann sprach darüber mit Christoph Schöneborn, Geschäftsführer des Verbandes der Feuerwehren in NRW.

Herr Schöneborn, es gibt viele neue Bedrohungen: Extremwetter, Krieg, Energiekrise, Sabotage gegen kritische Infrastruktur. Hält der Katastrophenschutz damit Schritt?

Er versucht es. Katastrophenschützer haben es im Blut, plötzlich auftretende Probleme schnell zu lösen. Was die Feuerwehr und der Katastrophenschutz spontan können, hat man zuletzt zweimal gesehen. Erstens in der Flüchtlingslage 2015. Menschen mussten transportiert, Betten in Turnhallen aufgestellt werden. Da haben wir mitgeholfen. Zweitens: Die heiße Phase der Pandemie. In vielen Städten haben die Feuerwehren zum Beispiel die Koordination der Impfzentren übernommen. Dabei hatte keiner Erfahrungen mit einer Pandemie. Die Situationen, auf die wir uns jetzt vorbereiten müssen, zum Beispiel Energiemangel, sind aber so herausfordernd, dass der Katastrophenschutz viel mehr Personal benötigt.

Sind die Städte gleich gut gerüstet?

Katastrophenschutzbehörden sind die 54 Kreise und kreisfreien Städte, und dort ist die Lage sehr unterschiedlich. Etwa ein Drittel ist schon gut aufgestellt, ein zweites Drittel muss nachbessern, der Rest massiv nachbessern.

Ist NRW beispielsweise auf Stromausfälle vorbereitet?

Jedenfalls viel besser als noch vor einem Jahr. Viele wollen sich vorbereiten, können es aber nicht, weil die Nachfrage nach Notstromaggregaten größer ist als das Angebot. Es fehlen auch Pumpen, mit denen bei einem Blackout Kraftstoff in Fahrzeuge gepumpt werden kann. Die Frage ist auch, was man vom Katastrophenschutz erwarten kann. Er kann nicht dafür sorgen, dass das Leben sofort so weitergeht, wie es war. Wohnungen bleiben während des Blackouts stromlos. Derzeit werden „Katastrophenschutz-Leuchttürme“ aufgebaut, bis hinein in die Dörfer. Das sind sichere Orte, an denen sich Menschen aufwärmen können und Informationen bekommen.

Es gibt inzwischen mehr Sirenen, eine zentrale Landesstelle Katastrophenschutz wird aufgebaut, der Schutz wird digitaler. Ist das nicht eine große Verbesserung?

Die Landesregierung hat schon viel getan, aber es reicht noch nicht. Künftig werden die rund 6000 Sirenen im Land ausschließlich als Warnmedium für die Bevölkerung dienen und nicht mehr zur Alarmierung der Einsatzkräfte. Das ist gut. Das Innenministerium hat sich auch Top-Experten aus den kommunalen Katastrophenschutzbehörden geholt, aber noch zu wenige. Es gibt einen Aufbaustab für die Landesstelle Katastrophenschutz. Der reicht aber nicht, um diese Landesstelle rund um die Uhr im Regelbetrieb zu besetzen, und das muss das Ziel sein.

Ist NRW jetzt auch besser für eine Hochwasserkatastrophe gewappnet?

Auf jeden Fall. Aber es fehlt noch ein wichtiges Element: Schon Tage vor der Katastrophe 2021 wurden örtlich bis zu 200 Liter Regen je Quadratmeter vorhergesagt. Aber niemand in den Katastrophenschutzbehörden wusste, was 200 Liter bedeuten. Diese „Übersetzungshilfe“ gibt es leider immer noch nicht. Das soll einmal die zentrale Landestelle leisten. Übrigens auch zu atomaren Gefahren, Erdbeben-Risiken und anderen Lagen. Ein sehr gefährliches Phänomen ist die Katastrophen-Demenz. Wenn 20 Jahre lang nichts passiert, verlieren die Menschen das Gespür für die Risiken. Zu loben sind die Katastrophenschutz-Bedarfspläne in Essen und Krefeld, denn die sichern langfristig den Blick auf solche Probleme.

Wie gut ist der Zivilschutz für den Kriegsfall aufgestellt?

Zivilschutz ist die Kernaufgabe des Technischen Hilfswerkes (THW). Die Akteure des Katastrophenschutzes können das, was sie in Friedenszeiten leisten, auch im Zivilschutzfall leisten. Aber nur, wenn sie nicht selbst stark geschädigt sind.

Die Feuerwehren fordern mehr Selbsthilfe der Bevölkerung. Sind die Menschen ausreichend sensibilisiert für Katastrophen?

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat dafür geworben, dass man sich einen Notvorrat zulegen sollte. Manche Menschen spotten darüber. Es gibt aber keinen Grund, sich darüber lustig zu machen. Leider sind Teile der Bevölkerung nicht sensibilisiert für Gefahren. Der Katastrophenschutz wird aber nicht dafür sorgen können, dass alles gleich wieder gut wird. Die Bevölkerung muss in der Lage sein, sich ein Stück weit selbst zu schützen und den Katastrophenschutz nur dann in Anspruch zu nehmen, wenn es nötig ist. Die Menschen sollten einen oder zwei Tage ohne fremde Hilfe zu Hause zurechtkommen können. Wenn die Gefriertruhe keinen Strom mehr hat, ist das schade, aber kein Einsatzgrund.

Erwarten die Menschen heutzutage zu viel vom Staat?

Die Erwartungshaltung in diesem reichen Land ist massiv gestiegen. Viele meinen, wenn ihr Leben heute nicht mehr so ist wie gestern, müsse der Staat das gleich korrigieren. Das kann der Katastrophenschutz nicht leisten, und darüber müssen wir die Bevölkerung aufklären.

Wie kann das gelingen?

Schon die Kinder sollten in den Schulen informiert werden. Der Bund bereitet das gerade vor. Natürlich können auch die für Schule zuständigen Länder das Thema aufgreifen. Über den Rundfunk könnten und sollten die Menschen für das Verhalten in Katastrophen sensibilisiert werden. Da müssen möglichst über Jahre deutliche Botschaften gestreut werden.


Zur Person

Christoph Schöneborn ist seit 2010 Landesgeschäftsführer des Verbandes der Feuerwehren in NRW mit Sitz in Wuppertal. Unter anderem befasst er sich dort intensiv mit Fragen des Brandschutzrechts. Er hat Rechtswissenschaften sowie Wirtschafts- und Steuerrecht studiert. Schöneborn ist Mitglied des Beirates des Feuerwehrwissenschaftlichen Instituts an der Bergischen Universität Wuppertal.


SCHUTZTAG

Am 24. Juni soll es in Deutschland erstmals einen Tag des Bevölkerungsschutzes geben. Zum Start will der Bund in Kooperation mit dem Land Brandenburg eine Veranstaltung in Potsdam organisieren, an der sich unter anderem das Technische Hilfswerk, Hilfsorganisationen, die Feuerwehr, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und die Bundeswehr beteiligen. Wie das Bundesinnenministerium mitteilt, soll dann ab 2024 jährlich ein bundesweiter Bevölkerungsschutztag von Bund und Ländern ausgerichtet werden. (dpa)


WARNTAG

Am Donnerstag (9. März) findet in NRW wieder der landesweite Warntag statt. Um 11 Uhr werden die Warnmittel für den Gefahren- und Katastrophenfall getestet. Unter anderem löst das Land zentral die Warn-App Nina und das neue System Cell Broadcast aus, das automatisch eine Nachricht an alle eingeloggten Handys im Gefahrenbereich sendet. (EB)


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