Köln – Der Tagesbefehl schallte über die Boxen des Wagens der Präventivgruppe Herzenslust: „Leute, ihr müsst heute viel trinken.“ Und die schlechte Nachricht folgte direkt : „In diesem Jahr gibt es keinen rosa Sekt.“ Da brauchte es viele Worte, um die über 100 Mann starke Truppe von Herzenslust wieder zu beruhigen – eine der größten Gruppen bei der diesjährigen Parade des Christopher Street Day, die einer der „heißesten“ in der Geschichte des CSD gewesen sein dürfte. Das Motto: „Vielfalt: lehren, lernen, leben.“
„Wir werden alles daran setzen, dass dieses Jahr noch der Beschluss zur Gleichstellung der Ehe fallen wird. Das muss Frau Merkel doch klar sein, dass sie sonst keinen Koalitionspartner mehr findet“, sagte der Grünen Politiker Volker Beck am Rande der Parade der Rundschau. An seiner Seite Claudia Roth, Vizepräsidentin des Bundestages, und der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Anton Hofreiter. Doch der schaffte es nicht mehr auf die kleine Bühne in der Mitte der Deutzer Brücke, auf der traditionell der Startschuss zu Parade fällt. In Jeans und langem Hemd warf er bei 32 Grad im Schatten das Handtuch: „Da muss ich jetzt nicht aber auch noch ’rauf.“
Dort oben hätte er aber im Schatten gestanden. Vor allem in dem von Conchita Wurst. Der Star des diesjährigen CSD. Um sie scharten sich die Fans. „Ich hatte ja keine Ahnung, wie groß und großartig dieser CSD ist. Diese Stadt ist voller Liebe.“ Neben dem Gewitter am Vormittag, durch das sich die Aufstellung verzögerte, war der Rummel um die Sängerin mit ein Grund dafür, dass die Parade mit einer halben Stunde Verspätung startete. Zudem wurde ein Umweg erzwungen, weil in der Magnusstraße ein Stück der Straße absackte.
Dass es aber nicht nur um Liebe geht, sondern auch darum, der Intoleranz den Kampf anzusagen, machte Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes in ihrer Rede klar. Sie erinnerte an die in der Türkei mit Gewalt aufgelöste Schwulen- und Lesben-Demo. „Da ist die Würde von Menschen mit Füßen getreten worden.“ Ein Satz, dem Cem Applaus spendet. Ich bin stolz auf meine türkischen Wurzeln“, sagt der 21-Jährige CSD-Besucher. Aber was da in Istanbul passiert ist, tut mir im Herzen weh.“ Er sei froh, in einer „so toleranten Stadt“ wie Köln zu leben. Und dann schmeißt er sich in das Getümmel der rund 900 000 Menschen, die in diesem Jahr die Parade sehen.
Mit dabei zum zweiten Mal der Wagen des 1. FC Köln. Und erstmals auf ihm Patrick Helmes. „Ich bin schon einmal im Rosenmontagszug mitgegangen und jetzt zum ersten Mal beim CSD. Der CSD ist spürbar anders“, sagt der frisch gebackene Jugendtrainer. Die schwule Tanzgruppe der Stattgarde Colonia Ahoi gab bei hoher Luftfeuchtigkeit alles. Die Mitglieder tanzten durch die Straßen. Alles geben, das hatte sich auch Christian vorgenommen. Der Zugteilnehmer trug einen rund 20 Kilo schweren Hut zum Ballkleid, Vollgestopft mit Plüschmonstern. „Ich gucke mal, wie weit ich komme.“ Ford-Mitarbeiter nahmen wieder mit einem Wagen an der Parade Teil. Die Kreissparkasse steuerte Techno-Beats bei. Die Köln-Düsseldorfer setzte sich mit Schwulen, Lesben und Bisexuellen in „ein Boot“.
Bei dem bunten Treiben liefen die Handys von Roswitha und Helga heiß. Die beiden Rentnerinnen aus Erkelenz fotografierten um die Wette. „Wir sind jedes Jahr dabei. Und wir finden gut, was hier gefordert wird. Jeder soll seinen Partner heiraten dürfen.“ Unweit davon fotografiert Tatjana. „Ich habe so etwas noch nie gesehen“, sagt die junge Russin. Mehr will sie nicht sagen: Montag soll es ja wieder zurück nach Russland gehen.
