Ein Jahr Ukraine-Krieg„Wir haben in Köln ein Zuhause gefunden“

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In ihrer Wohnung in Zündorf fühlen sich Elena und ihre Töchter Alexandra und Maria wohl.

Zerstreuung finden Mutter Elena und ihre Töchter Alexandra (l.) und Maria beim gemeinsamen Kartenspiel.

Knapp ein Jahr ist es her, dass Elena mit ihren beiden Töchtern aus dem Osten der Ukraine nach Deutschland floh. Fast genau so lange ist es her, dass sie bei Familie Hoppe in Porz-Langel einzogen. Vieles hat sich seitdem verändert. Ein Besuch

 Als an Silvester das Feuerwerk beginnt, haben Elena (50) und ihre 9-jährige Tochter Maria kurz Angst. „Weil alles so laut ist und knallt“, erklärt die 18-jährige Alexandra. „Aber nach ein paar Minuten war alles wieder gut.“ Dann haben sie die Lichter am Himmel von ihrem Küchenfenster beobachtet.  Die Familie sitzt wieder an einem Tisch und erzählt von ihrem neuen Leben. Nur ist der Tisch nicht mehr in Porz-Langel sondern in Zündorf, wo sie mittlerweile zu viert in einer eigenen Wohnung leben. Noch ein Grund zum Strahlen für Alexandra: Im August ist ihr Freund Mykola (21) ebenfalls aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. „Jetzt lebt er bei uns“, sagt sie.

In Deutschland braucht man für alles einen Termin

Das sei am Anfang gar nicht einfach gewesen. „Wir mussten viele Termine bei Ämtern machen“, sagt die junge Frau in mittlerweile gutem Deutsch. Überhaupt, die Sache mit den Terminen seit etwas, das ihnen an Deutschland aufgefallen sei, lässt Mutter Elena über ihre Tochter ausrichten. „Wenn ich in der Ukraine krank bin, gehe ich einfach so zum Arzt, in Deutschland braucht man für alles einen Termin.“ Das sei aber auch etwas Gutes, sagt Mutter Elena. Denn so müsse man nicht warten und man werde dann auch erwartet, wenn man zur vereinbarten Zeit eintrifft.

Dass Pünktlichkeit den Deutschen wichtig sei, könne sie schon bestätigen, sagt Alexandra. Dann grinst sie und sagt: „Aber auch nicht immer.“ Die junge Frau will im Sommer mit dem Studium anfangen. „Endlich“, sagt sie. Letztes Jahr sei das nicht möglich gewesen. Ihr Abschluss wurde noch nicht anerkannt. Bis sie im Sommer anfängt Betriebswirtschaftslehre zu studieren, besucht sie das Berufskolleg und einen Integrationskurs. Genau wie ihre Mutter, die bei dem Thema öfter seufzt und an die Decke sieht. Es sei schwierig, Deutsch zu lernen, sagt sie. „Sie sagt, sie ist zu alt, um ein neues Alphabet zu lernen,“ erklärt Tochter Alexandra. „Und das mit dem Dativ und dem Akkusativ!“, wirft Mutter Elena ein. Doch trotz der grammatikalischen Herausforderungen haben sich alle gut eingelebt – trotz gelegentlichem Heimweh.

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„Man hat uns die Tür und das Herz geöffnet“

Mutter Elena hat einen Minijob und will auch langfristig wieder arbeiten, um dem Staat etwas zurück geben, wie sie sagt. Mutter und Tochter sind sich einig: „Wir haben hier ein Zuhause gefunden.“ Was ihr als erstes einfällt, wenn sie an Deutschland denkt? Alexandra sagt: „Ralf und Monika“, und fügt hinzu: „Dass die Leute hier so freundlich sind. Man hat uns die Tür und das Herz geöffnet.“ Auch Kontakte hat die Familie schnell geschlossen. „Ich habe fast genau so viele Freunde hier wie in der Ukraine“, sagt Alexandra. Auch ihre Schwester Maria habe in der Schule eine beste Freundin gefunden. Die 9-Jährige beobachtet den Besuch von der Zeitung eher schweigsam und skeptisch, kriegt aber leuchtende Augen, als es heißt, dass jetzt Uno gespielt wird. Sie sitzen oft am Tisch und spielen Karten, neben Uno manchmal auch Rommé. Heute gewinnt die 9-jährige Maria – mal wieder. „Sie war schon in der Ukraine gut in Mathe und in solchen Kartenspielen“, sagt ihre Schwester. „Hier ist es mit der Sprache noch etwas schwierig.“

Ehemann beim Kampf an der Front verletzt

Etwas schwerer wird auch die Stimmung am Kaffeetisch mit ukrainischen Pfannkuchen, als es um die Lage in der Ukraine und ihre Angehörigen dort geht. Elenas Mann ist Soldat und direkt an der Front, war in Bachmut und Saporischja im Einsatz. Dabei wurde er verletzt, erzählt die Tochter. „Aber er sagt, es sei alles wieder gut.“ Dann zeigt Elena auf dem Smartphone ein Bild ihres Mannes. Ein groß gewachsener, breit gebauter Mann steht in Tarnkleidung vor einem Lkw und hält ein kleines Kind auf dem Arm. „Mein Enkel“, sagt Elena. Ihre dritte Tochter ist noch in der Ukraine. Sie lebt in Kiew und erzählt oft vom Alarm wegen Putins Bomben. Dass der den Krieg brutal und ungerechtfertigt begonnen wurde, will die Großmutter in Russland aber nicht glauben. „Wir haben so viel diskutiert, aber sie glaubt die Propaganda.“

Ihre Stimme wird immer etwas lauter, wenn sie von den Russen spricht. Vor allem, als es darum geht, wie es in ihrem Heimatort in der Region Luhansk im Osten der Ukraine aussieht. „Der gehört jetzt zu Russland“, sagt Alexandra. In Scheinreferenden hatte der russische Präsident Wladimir Putin die Bewohner der Region abstimmen lassen, ob sie zu Russland gehören wollen. Der Vorgang wird von Rechtsexperten als Scheinwahl eingestuft. Trotzdem leben nun Russen in ihrem Heimatdorf – „auch in unserer Wohnung“, sagt Alexandra. Sie übersetzt die wütenden Worte ihrer Mutter und erzählt, wie eine ehemalige Freundin der Familie russischen Soldaten verraten hat, wo sie gelebt haben. „Die haben nach meiner Mutter gesucht und dabei schlimme Wörter benutzt.“ Weil Elena Polizistin war, erklärt die Tochter. „Als die russischen Soldaten unsere Wohnung gefunden haben, haben sie alles genommen, was sie finden konnten. Meinen Laptop, Geschirr, alles“, sagt Alexandra.

Von ihrem Leben in der Heimat ist nichts mehr übrig

Als sie einen Polizeiorden der Mutter finden, schießen sie mit Maschinenpistolen Löcher in die Wand. Und bleiben anschließend, um zu wohnen. Das Haus hat mehrere Stockwerke. „Auf den ersten vier Etagen leben und schlafen sie, die fünf darüber benutzen sie als Toilette“, erzählt Alexandra und verzieht dabei das Gesicht. „Es gibt dort nichts. Kein Strom, kein Gas, kein Wasser. Nichts.“ Auch von ihrem Leben in dem Ort ist nichts mehr übrig. „Wir hatten etwas in der Ukraine“, sagt die Mutter. Dann wird es kurz leise am Tisch. Zurück wollen sie nicht mehr.

Das ist für alle auch nach einem Jahr in Deutschland klar. Wenn sie an das vergangene Jahr denken, werde ihnen klar, wie schnell alles ging. „Wir kamen an, lebten bei Ralf und Monika, jetzt sind wir in dieser Wohnung und dann kam schon Silvester“, sagt Elena. „Zum Glück ist es jetzt etwas ruhiger.“ Und trotzdem bleiben die Herausforderungen. Allen voran: die deutsche Bürokratie. Und mit ihr die fehlende Digitalisierung. Wenn sie beim Ukrainischen Konsulat einen Reisepass beantragen möchte, braucht Alexandra nämlich, typisch Deutschland, einen Termin. Und den bekommt sie nicht. Warum? „Weiß ich nicht“, sagt Alexandra etwas frustriert. Jeden Donnerstag werden auf der Website des Konsulats um 17 Uhr 200 Termine freigeschaltet. „Aber nach 30 Sekunden gibt es keinen Termin mehr!“ Um die Chancen zu vergrößern, macht die ganze Familie mit bei der Terminjagd. „Meine Mama, mein Freund, meine Schwester in der Ukraine, zwei Freunde und ich – wir haben es alle schon gleichzeitig versucht.“ Doch seit mittlerweile vier Monaten ist der jungen Frau das hohe deutsche Gut eines Termins nicht gegönnt.

Bürokratie ist die größte Hürde

Monika Hoppe, die die Familie bei sich aufgenommen hat, sitzt mit am Tisch. Sie erinnert sich: „Da gab es schon beim Ausländeramt diese ewige Wartezeit.“ Sie schimpft immer noch auf die Ämter und bleibt auch nach einem Jahr dabei: Wegen des bürokratischen Aufwands und der Frustration wollen die Hoppes nicht noch einmal eine geflüchtete Familie aufnehmen. Mit Elena und ihren Kindern haben sie aber noch guten Kontakt und sind da, wenn es Fragen gibt. „Vieles kann Alexandra aber schon selbst regeln“, sagt Monika Hoppe. Manchmal gibt es Probleme mit unverständlichen Schreiben von den Ämtern. Das ärgert sie: „Die verstehe ich als Muttersprachlerin schon nicht.“

Am Jahrestag vom Beginn des Krieges werden sie in erster Linie der Großmutter gedenken, die letztes Jahr auch am 24. Februar starb, sagt Alexandra. Wie sie sich wohl fühlen werden? Alexandra zuckt mit den Schultern. „Das wissen wir nicht.“ Zu Elenas Geburtstag haben Ralf und Monika der Familie eine Flasche Champagner geschenkt. Mutter Elena holt sie aus einem Küchenschrank. Die wollen sie zu einem besonderen Anlass öffnen. „Wenn wir den Krieg gewonnen haben“, sagt Alexandra.

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