Abo

Interview

Gregor Stiels
„Die Kirche in Köln ist durch Kardinal Woelki immer weniger katholisch geworden“

5 min
Köln, RSK, Gregor Stiels

Köln, RSK, Gregor Stiels

Gregor Stiels kandidiert nicht mehr für den Vorsitz des Katholikenausschusses. Er geht auf Distanz zu Kardinal Woelki.

Seit 2018 ist Gregor Stiels Gesicht und Stimme der katholischen Basis in Köln. Es waren Krisenjahre für seine Kirche. Nun möchte er nicht mehr für den Vorsitz des Katholikenausschusses kandidieren.

Über sieben Jahre lang waren Sie nunmehr Vorsitzender des Katholikenausschusses Köln. Wie arbeitsintensiv war dieses Ehrenamt?

Das war eine Wellenbewegung. Es gab Zeiten, in denen hatte ich weniger zu tun. Aber gerade gegen Ende meiner Amtszeit hatte ich den Eindruck, die arbeitsintensiven Phasen werden immer mehr, so dass ich es als immer belastender empfand, Familie, Beruf und Ehrenamt unter einen Hut zu bringen.

Dazu kam, dass diese sieben Jahre eine Krisenzeit für die katholische Kirche in Köln war, mit dem Versuch, die sexuelle Gewalt in der Institution aufzuarbeiten, mit den zahlreichen Austritten, mit dem zunehmend schwieriger werdenden Verhältnis von Kardinal Woelki und weiten Teilen der katholischen Basis. Hat das alles zu ihrer Entscheidung beigetragen, nicht mehr für den Vorsitz anzutreten?

Da spielen viel Faktoren hinein. Ich bin weniger ein Mensch, der aus dem Kopf heraus entscheidet. Herz und Bauch sind bei mir eher die Taktgeber. Als die Frage einer erneuten Kandidatur anstand, habe ich in mich hineingehört. In der Stille und im Gebet bin ich der Frage nachgegangen, was hat Gott mit mir vor? Am Ende war für mich klar, nochmals vier Jahre im Vorsitz sind es nicht. Zu dieser Entscheidung hat sicherlich auch beigetragen, dass es manchmal im Erzbistum Köln ermüdend sein kann. Wobei das aber nicht der ausschlaggebende Punkt war.

Der Katholikenausschuss ist die Stimme der katholischen Basis in Köln. Eine Basis, deren Struktur sich mittlerweile stark verändert hat: aus 36 Seelsorgebereichen sind zehn pastorale Einheiten geworden. Wie hat das die Stimmung an der Basis verändert?

Viel Unsicherheit, stellenweise gepaart mit Frust. Trauer, denn wir müssen von Vertrautem und Vertrauten Abschied nehmen. Sicherlich gibt es hier und da auch Aufbruchstimmung, aber die nehme ich eher rudimentär wahr. Jedenfalls nicht in dem Maße, wie es notwendig wäre.

Welche Herausforderungen stehen bei diesem enormen Fusionsprozess in den Gemeinden gerade an?

Es wäre von großem Vorteil, wenn diese Umstrukturierungen im Einklang mit der Bistumsleitung stattfinden könnten. Da gibt es Prozesse, die sehr stark aneinander vorbeilaufen. Der Kardinal und die Bistumsleitung wissen offensichtlich nicht, was an der Basis gerade los ist und was dort gebraucht wird. An der Basis entsteht der Eindruck, da wurden Entscheidungen über ihre Köpfe und Bedürfnisse hinweg getroffen. Die neuen Leiter der pastoralen Einheiten haben jetzt die große Herausforderung, beides übereinander zu kriegen.

Eine Konsequenz aus den Fusionen, aus dem Priestermangel und den Austritten haben sie mal auf die Formel gebracht: „Wir wollen in jedem Veedel die kirchliche Struktur erhalten.“ Was bedeutet das konkret?

Wir wollen in jedem Viertel einen Kirchort erhalten – und das ist ein ökumenischer Gedanke. Sowohl die evangelische wie die katholische Kirche stehen vor der Tatsache, dass Kirchen aufgegeben werden müssen. Darum wollen wir gemeinsam verhindern, dass es am Ende Viertel gibt, in den keine Kirche mehr zur Verfügung steht. Das geht auch auf eine Initiative der nordrhein-westfälischen Bischöfe zurück. Es gibt eine Broschüre, die heißt: „Und wenn wir alle zusammenziehen.“ Die wurde auch von Kardinal Woelki unterschrieben. Darin geht es darum, Räume ökumenisch zu nutzen. Es wäre doch fatal wenn katholische und evangelische Christen parallel an der Bewältigung gemeinsamer Probleme arbeiten würden.

Wie weit sind die dabei schon gekommen?

Seit 2023 werben wir für ein gemeinsames Vorgehen - und ich finde, wir sind weit vorangekommen in diesem Prozess. Wir haben beispielsweise eine Ökumene-Landkarte aufgestellt. In der sind alle Kirchen und Pfarrräumlichkeiten aufgezeichnet. In einem nächsten Schritt gehen wir den Fragen nach: welche davon stehen zur Disposition, wo droht die Gefahr von weißen Flecken, wo können wir zusammengehen?

Das klingt sehr basisdemokratisch. Aber wie frei können denn die betroffenen Gemeinden darüber entscheiden?

Da kann ich nur wieder die anhaltende Vertrauenskrise mit der Bistumsleitung ansprechen. Generalvikar Guido Assmann hat die pastoralen Einheiten dazu aufgefordert, Visionen für die Zukunft in den pastoralen Einheiten zu entwickeln, wenig später aber eingeschränkt: Kirchen dürfen erst als letztes geschlossen werden, zuerst schließt bitte die Pfarrheime. Das ist aus meiner Sicht schon mal ein massiver Eingriff in die Diskussion vor Ort. Dadurch wird die Vertrauenskrise weiter verfestigt, weil wir an der Basis mal wieder erfahren, wir sind doch nicht frei, Entscheidungsfindung werden notfalls einkassiert, die Bistumsleitung funkt doch mit rein.

Wie wirkt sich diese Vertrauenskrise auf die Basis aus?

Paradoxerweise ist die katholische Kirche in Köln durch Kardinal Woelki immer weniger katholisch geworden. Katholisch im Sinne von allumfassend. Immer weniger Menschen fühlen sich von der Repräsentanz des Bistums angesprochen. Ich erlebe Menschen weiterhin auf der Suche nach Orientierung, Sinn und Gemeinschaft. Aber immer weniger finden sie das in der katholischen Kirche. Die ist unter Kardinal Woelki enger, kleiner geworden. Der Kardinal nimmt noch sehr gezielt an ausgewählten Veranstaltungen teil. Dadurch weiß er gar nicht mehr, was an der breiten Basis gedacht und gebraucht wird. Es ist eine große Distanz entstanden.

Wie belastend war diese Distanz für Ihre Arbeit als Vorsitzender der Katholikenausschusses?

Anfänglich sehr, weil ich als Vorsitzender gerade vor dem Hintergrund des Strukturwandels dachte, es ist wichtig mit der Bistumsleitung darüber im Austausch zu sein. Doch mit der zunehmenden Erfahrung, dass dieser Austausch nicht gewünscht ist, wollte sich der Ausschuss daran nicht mehr abarbeiten. Es setzte sich die Erkenntnis durch: Wir müssen nicht mehr mit dem Kardinal handeln, sondern trotz ihm.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich das Verhältnis   in den voraussichtlich noch fünf Jahren der Amtszeit des Kardinals verbessern kann?

Nein. Eher das Gegenteil. Alleine schon aus dem Aspekt heraus, dass Amtsträger im Generalvikariat, zu denen wir noch guten Kontakt hatten, durch strukturelle Veränderungen alle nicht mehr dort sind. Jetzt sitzen dort Menschen, die den Kontakt zu uns nicht mehr wünschen. Für mich fühlt sich das an, als habe die Bistumsleitung die Schotten dicht gemacht. Ich warte darauf, das mit einem neuen Kardinal neue Impulse kommen.

Was macht Ihnen trotz alledem Hoffnung im Hinblick auf die Zukunft der katholischen Kirche in Köln?

Als Christ habe ich immer Hoffnung. Jesus Versprechen, wo zwei oder drei in meinen Namen   versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen, gilt weiterhin. Ich bin in einer Pfarrgemeinde verwurzelt, in der ich Menschen erlebe, die sich engagieren, die fest verwurzelt sind in ihrer Gemeinde, die sich dort wohl fühlen. Dazu kommt der ökumenische und interreligiöse Gedanke, den wir leben. Das alles gibt mir die Hoffnung, dass daraus auch in Zukunft Neues und Gutes entstehen kann.

Interview: Ingo Schmitz