Abo

Karneval in KölnSo Farbenfroh und fantasievoll waren die Schull- und Veedelszöch

4 min

„Uns Dräum för Kölle“ zeigte der Stammdesch Südstadtjecke – und großen Traumfängern, damit alles in Erfüllung geht.

8500 Jecke zogen bei blauem Himmel und Sonne durch die Stadt.

„Wir haben Sonne im Herzen“, jubelte Benedikt Conin, Pressesprecher der Freunde und Förderer des Kölnisches Brauchtums. Erneut kommentierte er am Sonntag auf der Rathaus-Tribüne die Schull- un Veedelszöch. War der Himmel zunächst auch strahlend blau, so mussten sich die Narren doch bei Temperaturen nur wenig über dem Gefrierpunkt ordentlich warmschunkeln.

Zigtausende taten genau das entlang des Zugweges. Auch wenn die Reihen nicht ganz so voll waren wie im vergangenen Jahr, die Stimmung war so ausgelassen wie immer. Traditionell waren viele Familien unterwegs. Kleine Supermänner, Tiger oder Prinzessinnen sammelten eifrig Kamelle.

Jeck gefärbt: Als Kölsche Chamäleons — oder besser: „Kammelleon“ — präsentierten sich De löstige Reecchterinne aus Riehl.

Wohl noch nie gab es so viele Heinzelmännchen bei den Schull- un Veedelszöch wie in diesem Jahr. Das Motto „Alaaf. Mer dun et för Kölle“ lieferte die Steilvorlage für ein Wiederauferstehen der Kölner Hausgeister, die der Sage nach nachts die Arbeiten erledigen. Gleich sieben Schulen und drei Veedelsvereine lassen die guten Geister eingreifen, um Mängel zu beseitigen. Bei der Ferdinand Lassalle Realschule beheben sie flugs den Lehrermangel. Im Gymnasium Rodenkirchen übernehmen die fleißigen Gesellen Aufgaben, die die Stadt links liegen lässt.

Unzählige Stunden Arbeit stecken in den Kostümen

Fluffig sind die Kostüme der Domsingschule.

Unzählige Stunden Arbeit und ein Feuerwerk an Kreativität stecken in den Kostümen. Die Schull- und Veedelszöch sind seit jeher besonders fantasievoll und farbenfroh. „Das Meer der Möglichkeiten“ verkörperte die Hauptschule Bilderstöckchen mit glitzernden Umhängen und Fischen auf den Köpfen. Grüne Papageien gingen bei der Grüneberg-Schule mit. Die Domsingschule feierte ihr 40-jähriges Bestehen poetisch − eingekleidet mit fluffiger weißer Watte mit bunten Punkten. Mit farbenfrohen Dschungel-Kostümen nahm das Apostelngymnasium den Bildungsdschungel aufs Korn. Die Katharina-Henoth-Gesamtschule ehrte die Ehrenamtlichen, die täglich für ein Frühstück sorgen, indem sie als eine Gruppe von Sandwiches ging. Kunstvoll verschlungene Luftballons sollten beim Friedrich-Wilhelm-Gymnasium das grüne Klassenzimmer symbolisieren.

Tanzende Ananas: die Raderdollen Merheimer

Bunte Papageien, schillernde Kamellebonbons, rote Fliegenpilze oder glitzernde Chamäleons – auch bei den 48 Veedelsgruppen ging es in diesem Jahr wunderbar bunt zu. Während die Raderdollen Merheimer als Ananas tanzten und auf Flamingos ritten, wuchsen beim Stammdesch De Knollendorfer bunte Blömsche auf dem Dom. Auch hier sah man wie bei vielen anderen Gruppen, wie viel stundenlange Handarbeit die Kostüme im Vorfeld bedeuten. Etwa vier selbstgebaute Rheinschiffe aus unterschiedlichen Jahrzehnten von den Kölsche Fründe vun 1995 aus Ossendorf. Stundenlang selbstgeknüpft waren zum Beispiel auch die überdimensionalen Traumfänger des Stammdesch Südstadtjecke: Als „Dräum för Kölle“ wünschten sie sich so einiges für die Stadt, unter anderem bezahlbaren Wohnraum, eine fertige Oper oder dass der FC deutscher Meister wird. Und Träume werden ja bekanntlich manchmal auch wahr.

Wie die Südstadtjecke zeigten viele Vereine sich am Sonntag nicht nur in farbenfrohen Kostümen, sie legten traditionell auch den Finger in die Wunde und zeigten auf, was in der Stadt eine Verbesserung nötig hat. Dafür gab es von den Zuschauern am Straßenrand so manchen Extra-Applaus. So machte sich Kölsche Mädcher-Kölsche Junge über ein „verkehrsberuhigtes“ Köln lustig – natürlich durch die ganzen Baustellen inklusive Schilderwald. Die „Tauchflaschen“ aus Bickendorf tauchten lieber ab ins mitgebrachte Bällebad, weil die Kölner Schwimmbäder so marode sind. Mit einer Abrissbirne rückte der Stammdesch Kölsche Sonnekinder an, die es auf die als Marktstände verkleideten Jecken der Gruppe abgesehen hatte. Ihr Motto: Grossmarkt fott – Tradition kapott.

Am Vormittag kam sogar die Sonne raus.

Nostalgie kam ebenfalls auf, als die Fidelen Höhenberger als Willy Millowitsch und der Verein „Levve Un Levve Losse“ als Marie-Luise Nikuta mitzogen. Der Freundeskreis im Gedenken an die 2020 verstorbene „Motto-Queen“ des Kölner Karneval ist in diesem Jahr zum ersten Mal dabei. Alpenverein mit Bergen auf dem KopfEbenfalls ihr Debut bei den Schull- un Veedelszöch hatten der Rugby Sport Verein Köln, der Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds und die Kölner Ortsgruppe des Deutschen Alpenvereins. Die trugen ihren Sehnsuchtsort – die Berge – als Spitzen auf dem Kopf. Oder war es vielleicht doch der Dom?

Das Ehrenamtsmotto der diesjährigen Session wurde ebenfalls von einigen Gruppen aufgegriffen. Eindrucksvoll umgesetzt wurde es von den Jecke Öhrchern, die sich als Engel mit großen Händen auf dem Rücken präsentierten. Das sollte nicht nur das „Zupacken“ symbolisieren – sondern auch auf kommunikative Gesten wie die Gebärdensprache hinweisen, die viele Mitglieder der KG nutzen. Das Ehrenamt „aan de jroße Glock“ hängen wollte der Chor Himmel un Ääd Glöckchen aus Neu-Ehrenfeld: Als goldschimmernde Glocken strahlten sie um die Wette.