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„Das blanke Chaos“Wie ein blinder Kölner von seiner Heimreise nach dem Elften Elften berichtet

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Kaum eine Durchkommen gab es am Elften Elften im Bereich des Hauptbahnhofs.

Kaum eine Durchkommen gab es am Elften Elften im Bereich des Hauptbahnhofs.

Weil am Elften Elften der innerstädtische Bahnverkehr für Stunden stillstand, hatten viele Kölner Probleme, nach Hause zu kommen. Ein Blinder berichtet von seinen Erlebnissen.

Das KVB-Chaos am Elften im Elften wirkt bei vielen Kölner noch nach: Bei der Einstellung des KVB-Bahnbetriebes in der Innenstadt hatten sehr viele Menschen große Probleme nach Hause zu kommen – ein Beschäftigter der Bezirksregierung Köln hatte an diesem Tag mit ganz besonderen Problemen zu tun.

Der Kölner ist blind und der Weg aus der Innenstadt in seine Wohnung war sehr beschwerlich. Der sehbehinderte Mann berichtete am Montag gegenüber der Rundschau in einer bewegenden E-Mail, wie er den Tag erlebt hat. „Normalerweise habe ich kein Problem damit, meinen Dienst zu sehen und an diesem Tag nach Hause zu fahren“, teilte der Mann mit.

„Blinder, gibt mir zehn Euro!“

Seit August 1990 arbeite er an den Zeughausstraße. An diesem Elften im Elften wollte er über den Hauptbahnhof Richtung Heimat fahren. Auf dem Weg dorthin wurde er schon von stark angetrunkenen Männern angepöbelt: „Blinder, gib mir  zehn Euro. Sonst nehme ich Dir die Tasche weg“.

Am Bahnhof angekommen, bekam er Hilfe von einer Sozialarbeiterin, die sich dort zufällig aufhielt. Gemeinsam mit weiteren Fahrgästen ging es in den Hauptbahnhof, „der ein einziges Urinal war“.

Im Regionalzug wurde auf die Abfahrt gewartet; dann die Nachricht: Die Bahn fährt nicht. Gemeinsam ging es durch die übervolle Innenstadt zum Neumarkt – mit der Hilfe eines „geduldigen und umsichtigen Begleiters“, erzählte der Mitarbeiter der Bezirksregierung weiter. Am Neumarkt angekommen hieß es, dass auch die oberirdischen Bahnen ausfallen.

„Die Menschheit hat den Verstand verloren“

Die Hoffnung, doch noch als blinder Mann an diesem Tag rasch nach Hause zu kommen, zerschlug sich wieder. Im jecken Treiben mit Betrunkenen und Wildpinklern an vielen Ecken sei es weiter zum Barbarossaplatz gegangen; „dort herrschte das blanke Chaos“. Was nun?

Der blinde Mann konnte sich weiter auf seinen Begleitern verlassen, den er am Hauptbahnhof kennengelernt hatte: „Er führte mich an kotzenden Menschen vorbei zum Eifelwall“. Dort wurde der Mann in einen Bus gesetzt und es ging nach Hause: „Ich bin mit schmerzenden Füßen in den Tiefschlaf gefallen“.

Auch nach dem Wochenende ist der Kölner weiter schockiert über das Erlebte: „Das hat nichts mit kultivierten Mitteleuropäern zu tun“ und zitiert die bekannte Autorin Astrid Lindgren: „Die Menschheit hat den Verstand verloren“.