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„Konzept krachend gescheitert“Was unsere Leser zum 11.11. in Köln sagen

Lesezeit 7 Minuten
Eine dichtgedrängte Menschenmenge auf der Zülpicher Straße feiert die Eröffnung der Karnevals-Session in Köln.

Die Sessionseröffnung im Zülpicher Viertel war voll und chaotisch. Unsere Leser üben teils heftige Kritik an der Stadt.

Die Feiern zum Sessionsauftakt am 11.11. sorgten für Chaos in der Stadt. Unsere Leser aus Köln und dem Umland schildern ihre Erlebnisse und wie sie den Tag bewerten.

„Konzept krachend gescheitert“

Nach dem Sessionsauftakt muss man konstatieren: Das „Sicherheitskonzept“ der Stadt Köln ist krachend gescheitert! Die Verantwortlichen der Stadtverwaltung, Oberbürgermeisterin Reker und Stadtdirektorin Blome, hatten genügend Zeit, für den jedes Jahr wiederkehrenden Besucheransturm am 11.11. ein tragfähiges Konzept zur Gewährung der Sicherheit der Feiernden und der Anwohner rund um die Zülpicher Straße zu erstellen. Aber wie in Köln so häufig war wohl der Gedanke vorrangig: Et kütt wie et kütt un et hätt noch immer jot jejange!

Jedem Verantwortlichen musste klar gewesen sein, nach drei Jahren Feierabstinenz und dem hervorragenden Wetter werden „Himmel und Menschen“ nach Köln strömen. Anscheinend benötigen die Verantwortlichen tatsächlich Nachhilfe bei der Frage, wie in Zukunft derartige Menschenmassen in geordnete Bahnen gelenkt werden können. Aber eines muss klar sein: Diese Beratung und Meinungsbildung muss ohne die Mithilfe des Festkomitees erfolgen! Das Festkomitee ist nur zuständig für die Durchführung eines „geordneten Karnevals“; die Auswüchse am 11.11. rund um die Zülpicher Straße haben mit Karneval nichts zu tun, das sind von der Stadt geduldete Massenbesäufnisse.

Dass man zu vielen Tausenden auch friedlich und besonnen feiern kann, beweisen die Veranstaltungen auf dem Heumarkt und am Tanzbrunnen. Eines ist klar geworden: Ohne die große Zahl an Polizeibeamten und deren tatkräftige und umsichtige Unterstützung wäre unweigerlich ein Chaos eingetreten.

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Joachim Mende

Im Taumel der Anarchie

Alle Jahre wieder „Chaos mit Ansage“ zum Karnevalsauftakt in Köln. Die Oberbürgermeisterin beschwichtigt natürlich sogleich: „So lange nichts Schlimmes passiert, bin ich zufrieden!“ Was hat sie wohl damit gemeint?

Die komplette Lahmlegung des KVB-Betriebes als neuen Qualitätsfaktor im Taumel der Anarchie kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Auch die Stellungnahmen anderer verantwortlicher Personen klingen eher wie

verklausulierte Paragrafen des Kölschen Grundgesetzes: „Et es wie et es“ oder „Wat wells Do maache?“ Klar wird doch immer wieder, dass verschärfte Maßnahmen nicht gewünscht sind, denn diese würden ja den Markenkern der „Welthauptstadt aller Toleranzen“ beschädigen. Ich ben zwar in Kölle jebore, ävver levve möch ich do us Frack nit mih. Bleibt nur zu hoffen, dass an den Kölner Chaostagen im nächsten Februar wirklich „nichts Schlimmes“ passiert.

Thomas Kümpel, Kerpen

Mülldeponie wäre coole Location

Ich bin der Meinung, man sollte einen Shuttleservice an mehreren Stellen in der Innenstadt anbieten, der die Spaßgesellschaft der Fridays-for-Future-Jugend direkt mit E-Bussen zur Mülldeponie fährt. Dort stören sie keinen und der angefallene Müll ist gut und richtig entsorgt. Natürlich müssen die Bands leider auch dort spielen.

Elisabeth Pohl, Köln

Mit der Verwaltung legt sich keiner an

Würde ich eine E-Mail an Frau Reker hinsichtlich des Feier-Chaos schreiben, käme – wie in der Pandemie-Vergangenheit – mit großer Wahrscheinlichkeit nur die „plumpe“ Antwort der Stadt Köln, an allem wäre „Covid“ schuld. Ich glaube, dass die Stadt Köln eher an Unfähigkeit leidet als an Covid. Schon die Behauptung, die Stadt Köln habe ein „Konzept“ erstellt, ist eine Frechheit. Wenn es dieses Konzept tatsächlich geben sollte, konnte die Stadt Köln es auch rechtzeitig im Internet und/oder an anderen, geeigneten Stellen veröffentlichen. Hier von Sicherheit zu schreiben, die es in den eng begrenzten Bereichen bei der Masse an Feiernden geben soll, ist reiner Hohn. Wenn es dort zu Massen-Paniken kommen sollte, wird es mehr Opfer geben als zuletzt in Korea oder vor Jahren in Duisburg! .

Hier von Sicherheit zu schreiben, die es in den eng begrenzten Bereichen bei der Masse an Feiernden geben soll, ist reiner Hohn.
Dieter Schumacher

„Früher“ hätte vielleicht ein RP, namens Franz-Josef A., egal ob zuständig oder nicht, der Stadt Köln diesbezüglich gehörig die Meinung gesagt. Aber diese Zeiten sind Geschichte. Über der „weltoffenen“ Millionenstadt Köln schwebt nur noch der „liebe Gott“. Und „der“ sagt schon seit vielen Jahren nichts, weder zur Stadt mit ihren zahlreichen, schweren Problemen noch zum Fall Woelki.

Dieter Schumacher

„Warum wählen, wenn nichts besser wird?“

In unserer Demokratie gibt es eine Gewaltentrennung. Nur in Köln ist nicht zu erkennen, welche Aufgaben der Rat der Stadt Köln und die Kölner Bezirksvertretungen für die Kölner Bürger und Bürgerinnen tatsächlich übernehmen. Aus eigener Erfahrung ist es leider so, dass kein Kölner Politiker/keine Kölner Politikerin sich wegen des Klüngel-Prinzips weder mit der Stadtverwaltung noch mit den teilweise chaotischen Kölner Tochtergesellschaften anlegen möchte. Warum sollen Menschen in einer Gemeinde wählen, wenn sich ohnehin nichts zum Besseren wendet?

Dieter Schumacher

Chronologie einer Irrfahrt durch Köln

Nachfolgend versuche ich zu rekonstruieren, wie die KVB am 11.11. in Lindenthal und Sülz funktionierte. Ich musste meinen 12-jährigen Enkel vom Bahnhof Süd um 15:30 Uhr abholen und hatte ihm gesagt, er möge auf dem Bahnsteig warten, da Karnevalstrubel herrschen würde. Fröhlich marschierte ich gegen 14:30 Uhr zur Haltestelle Gleueler Straße/Gürtel, um von dort mit der 13 um 14:39 Uhr (laut Plan) zur Luxemburger Straße zu fahren.

Die 13 kam nicht, sollte aber in 22 Minuten kommen, so fuhr ich mit der 9 zur Zülpicher Straße und ging von dort zur Luxemburger zu Fuß, traf dort gegen 15:04 Uhr ein und wartete auf die 18. Die erste Bahn war so voll, dass ich nicht rein kam. Die zweite kam zwar gegen 15:15 Uhr und ich kam auch rein, doch sie hielt an jeder Station zwei bis drei Minuten, da wohl die Türen blockiert waren, so dass ich den Bahnhof Süd gegen 15:40 Uhr erreichte.Dort wurde ich von einer Polizeikette begrüßt, die mir den Aufgang zum Bahnsteig verwehrte. Auf meine Frage, warum der Bahnhof abgesperrt sei, erklärte man mir, dass etliche Karnevalsbegeisterte versucht hätten über die Gleise in die Zülpicher Straße zu kommen...

So fuhr ich gegen 16 Uhr unverrichteter Dinge mit der 18 zurück zur Luxemburger Straße, um dort mit der 13 nach Lindenthal zu fahren. Diese sollte in fünfzehn Minuten kommen, kam tatsächlich um 16:27 Uhr und der Fahrer stieg aus und telefonierte hinter seiner Ablösung her, was vergeblich war, so dass sich die die Bahn schließlich um 16:37 Uhr in Bewegung setzte und ich gegen 16:45 Uhr meine Frau auf dem Wege zur Bushaltestelle der 146 traf, da nunmehr dort unser Enkel ankommen sollte. Er kam tatsächlich um 17 Uhr wohlbehalten an. Im Zug erfuhr er, dass dieser in Süd nicht halten würde und er erst am Hauptbahnhof aussteigen könne.

Er rief seine Mutter in Bonn an, die ihm riet, am Breslauer Platz in die Straßenbahn zum Neumarkt zu steigen. Die Bahnen fuhren nicht, dann dirigierte sie ihn per Telefon durch die Hohe Straße über die Schildergasse zum Neumarkt, wo er noch in eine 146 einsteigen konnte. Mithin, dieser 11. im 11. wird uns allen in lebhafter Erinnerung bleiben.

PS: Wir sind über die Jahrzehnte (seit 1964) immer in der Karnevalszeit mit der KVB unterwegs gewesen und trotz mancher Einschränkungen sind die Hauptlinien befahren worden – trotz Karnevalstrubel. Einen solchen Totalausfall haben wir in all den Jahren noch nie erlebt.

Walter Ludwigs

Konsequenzen ziehen

Ich bin am nächsten Tag das Stück vom Aachener Weiher zur Haltestelle Eifelwall/Stadtarchiv gegangen. Rund um den Weiher und in selbigem sah es schlimm aus. Im Abschnitt zwischen Bachemer Straße und Zülpicher Straße empfand ich den Zustand des Weges als extrem schlimm. Eigentlich war eine Nutzung nicht möglich, ohne dass man hin und her gesprungen ist, um nicht auf Müll oder Scherben zu treten. Auf Höhe der Haltestelle Eifelwall waren Mitarbeitende der AWB beim Reinigen des Grüngürtels. Meiner Meinung nach zu wenig. Natürlich ist es verständlich, dass Prioritäten gesetzt werden müssen, wenn die städtische Reinigung nur eine begrenzte Zahl an Mitarbeitenden zur Verfügung hat. Andererseits sollte und muss die Reinigung des Grüngürtel spätestens am Tag nach einem Event beginnen.

Vor allem denke ich, dass die Menschen in der Stadt, vor allem Pendler, ein Recht darauf haben zu erfahren, welche Konsequenzen die Kölner Verkehrs-Betriebe und die Deutsche Bahn aus dem 11.11. ziehen. Es war ja nur ein Tag. Wird man 2023 im gesamten Zeitraum zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch mit zeitweisen Einstellungen des Betriebs der Stadtbahnen in der Innenstadt und der vorübergehenden Schließung des Bahnhofs Köln-West rechnen müssen?

Natürlich bringt das beste Konzept nichts, wenn Menschen das gleich ist. Wenn Menschen in Tunnel laufen, und in Folge, was nachvollziehbar ist, der Nahverkehr der Innenstadt einer Großstadt zum Erliegen kommt, und Menschenmassen Sperranlagen überrennen, heißt das nichts anderes, als dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung an den tollen Tagen in Köln nicht gewährleistet werden kann.

Ich denke, dass man bei einer Debatte zum Ablauf des 11.11. in erster Linie sich selbst, also uns als Gesellschaft, reflektieren muss, bevor man Kritik an Konzepten und/oder der Stadt äußert. Die öffentliche Verwaltung wird es nicht richten können, wenn die Erziehung und soziale Kontrolle versagen. Ich kann ohnehin nicht verstehen, dass man, um zu feiern, aus dem Umland nach Köln kommen muss. Geht zu Hause genauso. Schont die Umwelt. Unterstützt die Wirtschaft vor Ort. Aber vermutlich machen Menschen es deswegen, weil es hier nicht auffällt wenn sie sich daneben benehmen und besaufen

Jürgen Helten, Köln

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