Auch abseits der großen Kölsch-Bands gibt es in dieser Session spannende Songs unter dem Radar.
Die Vielfalt der kölschen MusikRut-wiesse Abrechnung und kölscher Tech-Rap

Hart, aber liebevoll: Die Folkrock-Band Halvlang beleuchtet in ihrem Song viele Kölner Missstände.
Copyright: Halvlang
Wer seine Stadt wirklich gern hat, der kann bei der musikalischen Bewertung der Lebenswirklichkeit mehr als nur uneingeschränkte Liebe austeilen. Die Kölsch-Folk-Band Halvlang liefert dafür das wohl beste Beispiel dieser Session. Die Gruppe legt mit „Stadt am Rhing – Stadt am Engk“ eine überraschend erbarmungslose Abrechnung mit der Stadt vor. Müll, Verwahrlosung und der offene Drogenkonsum finden genauso ihren Platz im Lied wie misslungene Plätze und die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. „Stadt am Rhing, blind vür Jlöck, in rut-wiess Zuckerwatt injepack“, heißt es im Refrain. Ein erfrischender Gegensatz zu all den Liebeserklärungen, der dazu auch noch richtig gut klingt.
Die in dieser Session omnipräsente „Karnevalsmaus“ der Bonner Brassband Druckluft ist der uneingeschränkte Hit der Session und hat sich im Laufe des vergangenen Jahres vor allem über die Sozialen Medien in die Ohren der Jecken gespielt. Dort hat sich zuletzt auch eine komplett neue Formation in die Algorithmen der vornehmlich jungen Zielgruppe gearbeitet. Planschemalöör-Gitarrist Pierre Pihl und King-Loui-Sänger Max Rohde bilden das Tech-Rap-Duo @47_kö11sch. Die Titel „Kölschesmädche“ und vor allem „11 Jecke (Bei 3 ist hier Karneval)“ sorgen im Netz gerade für Furore. Zahlreiche Tanzgruppen greifen die basslastigen Textzeilen in Videos auf. Auch Henning Krautmacher haben die beiden Musiker bereits für ein gemeinsames Video gewinnen können.

Das Duo @47_kö11sch, bestehend aus Max Rohde und Pierre Pihl, liefert den zweiten viralen Hit der Session.
Copyright: @47_kö11sch
„Was hat das noch mit Karneval zu tun?“
Da könnte sich manch einer fragen: Was hat so etwas überhaupt noch mit Karneval zu tun? Eine spannende Frage, mit der sich viele moderne Bands in den Kommentarspalten von Facebook und Co. herumschlagen müssen. Die Rhythmussportgruppe greift das Thema in „(Nicht mehr) Mein Karneval“ auf. Auf Hochdeutsch singend und in Fußballtrikots auf der Bühne stehend, verkörpern sie – genau wie @47_kö11sch – nicht unbedingt den klassischen Fastelovend. Sagen die Kritiker zumindest. Zu voll, zu laut, zu wenig Niveau, zu viel Yeah und zu wenig Tätärätätä. Aber was ist heutzutage überhaupt noch klassische Karnevalsmusik? An der Antwort ist auch Peter Brings beteiligt, den die Rhythmussportgruppe als Gast-Sänger für den Song gewinnen konnte. Auch seine Band stieß nicht von Anfang an auf offene Türen im Karneval. Das greift auch der Text auf: „Da kamen Bands, die waren barfuß, und andere machten Rock in Karos. Und egal, welche Stadt und welches Jahr, da ist immer irgendjemand, der sagt: Was hat das noch mit Karneval zu tun?“ Wie die Geschichte ausging, ist bekannt.
Alles zum Thema Brings
- Die Vielfalt der kölschen Musik Rut-wiesse Abrechnung und kölscher Tech-Rap
- Karnevalsmusik Partyschlager und Klassiker: Die Hits an Karneval
- Prunksitzung 400 Jecke jubeln im Altenrather „Hasenstall“ in Troisdorf
- KölnEngagiert 2026 Peter Brings ist Pate des Ehrenamtspreises
- Neuer Kölner Regierungspräsident „Halbe Sachen sind nicht mein Ding“
- 66.000 jecke Anfragen So heiß wird in der Hölle von Vettweiß Karneval gefeiert
- Kölner Karneval Kölner Bands nennen festen Termin für Buchungen für die Session 2028
Apropos Peter Brings. Der ist als gefragte Stimme mit politischer Haltung in den zurückliegenden Monaten so einige Kollaborationen eingegangen. Gemeinsam mit Miljö singt er die starke Anti-Hass-Hymne „Nie ohne Hoffnung“. Um die Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft dreht sich auch „Wem jehürt die Welt“ zusammen mit Kempes Feinest.
Die musikalische Vielfalt ist auch in diesem Jahr gewohnt groß. Hans Danz stellt sich in „ALLaaf“ (ja, mit zwei l) rappend die Frage, wie wir Karneval feiern würden, wenn wir klimabedingt ins All auswandern müssen. Teil der Antwort: „Es ist so leise da oben, als gebe es wie auf dem Brüsseler Platz unnötige Verweilverbote.“ Schöne Wortspiele gibt es in „Rainer us der Diskothek“ von Palaver, die darin bewusst mit musikalischen Rhein-Dom-Kölsch-Erwartungshaltungen brechen. Reimredner Jörg Runge singt in „Dä dä alles kann“ als Tuppes vum Land wortgewandt vom größenwahnsinnigen Karnevalsvereins-Präsidenten. Lateinamerikanische Rhythmen liefert der „Fastelovendsmarathon“ von Amago. Karnevallica hat mit „Hätt ich nur noch ene Daach“ wieder eine (sehr gefällige) Hardrock-Nummer produziert.
Starke Nummern von Newcomern und solide Kölsch-Balladen
Und dann gibt es die vielen Bands, die Jahr um Jahr starke Nummern abliefern und eigentlich eine viel größere Aufmerksamkeit verdient hätten. Die aber bei dem immer größer werdenden Angebot in der breiten Masse unter dem Radar bleiben. Bohei ist so eine Band, die ihren Hörern in Krisenzeiten ein bisschen mehr „Jlitzer“ im Gesicht wünscht. Oder Auerbach, die mit „Kölle bes zum Schluss“ ans Zusammenrücken in schwierigen Zeiten appellieren. Gute Laune versprüht die Newcomer-Band Favorit gemeinsam mit den Veedelperlen in „Bütz mich“, auch Aluis liefert mit „Laut un scheef“ eine starke Gute-Laune-Nummer. Grundsolide Heimat-Balladen kommen von Bel Air („Ming Colonia“) oder Zesamm' („He am Fluss“).

Die Band Bohei wünscht den Jecken „Jlitzer em Jeseech“.
Copyright: Bohei
Eine Kategorie, die in diesem Jahr eher unterrepräsentiert ist: das Mottolied. „Mer dun et för Kölle“ hat nur die Band Dräcksäck ihren Sessionstitel genannt, bleibt damit aber eher unauffällig. Deutlich eingängiger ist da das von zwei Eldorado-Musikern komponierte Mottolied des Dreigestirns: „Loss mer all zesamme stonn“.
Zurück zur rut-wiessen Abrechnung: Die ist am Ende dann doch irgendwie eine Liebeserklärung, verbunden mit der Hoffnung, dass sich die vielen Missstände vielleicht doch noch in etwas Schöneres verwandeln. „Doch ich los dich mi Kölle nit los, zesamme kräge mer dich wieder parat.“
