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Venedig in KölnKaspar Kraemer träumt sich auf den Markusplatz

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Ein Mann mit Bart und ein Senior in Schal und Mantel sitzen an einem Tisch draußen vor einem Restaurant.

Kaspar Kraemer kehrt gerne bei Riphahn-Gastgeber Uwe Hammes-Tump  ein. Mit etwas Fantasie fühlt er sich dort fast wie in Venedig.

Beim Veedelsspaziergang erzählt der 76-jährige, was ihn an Köln stört und wie man es ganz leicht verschönern könnte. Sein Büro ist mittendrin Am Römerturm.

Der Kölner Architekt Professor Kaspar Kraemer lebt in der Marienburg, sein Büro liegt mitten in der Innenstadt direkt neben dem Römerturm. Je nach Wetter legt er die rund sieben Kilometer mit dem Fahrrad oder dem Auto zurück. Für Kraemer ist diese Strecke mehr als ein Arbeitsweg - für ihn ist sie Seismograf für den Zustand des öffentlichen Raums. Und je nach dem welches Verkehrsmittel er morgens nimmt, verändert sich auch der Blick auf die Stadt.

Ein Mann mit einem Hollandrad steht auf einer Straßenkreuzung, im Hintergrund ist eine stattliche Villa zu sehen.

An der Kreuzung Marienburger / Goethestraße hält Kaspar Kraemer. Die verschiedenen Markierungen sind gerade Gegenstand eines Rechtsstreits mit der Stadt Köln.

Heute hat sich der 76-Jährige für seine Gazelle ohne Gangschaltung entschieden. Er bleibt gleich  an der Kreuzung Goethe-/Marienburgerstraße stehen und zeigt auf die bunten Straßenmarkierungen. „Das ist ein Auswuchs der neuen Fahrradideologie, die sich hier manifestiert. Diese Kreuzung ist mit zahlreichen Markierungen versehen – verwirrend und zudem verunstaltet.“  Selbst bewährte Regeln wie „rechts vor links“ seien seit September aufgehoben worden. „Diese Verkehrsmaßnahme ist in der Marienburg völlig überflüssig, kontraproduktiv und für den städtischen Haushalt sehr kostenintensiv. Die Marienburger klagen aktuell gegen die Stadt“, sagt Kraemer.

Kraemer bescheinigt der Stadt Köln eine generelle Unaufgeräumtheit

Kopfschüttelnd fährt er weiter, quert den Bayenthalgürtel und über die Hebbelstrasse geht es in Richtung Schönhauser Straße. „Ich fahre jeden Morgen ins Büro an rund 500 Verkehrsschildern vorbei, egal ob mit dem Auto oder dem Fahrrad. Die Schilder weiten sich wie ein Krebsgeschwür in der ganzen Stadt aus. Man kennt den Begriff der Kakophonie – hier müsste man von „Kakoptik“ sprechen. Mit jedem Kilometer Richtung Innenstadt steigt mein Puls. Spätestens auf der Nord-Süd-Fahrt esse ich ein Haribo-Lakritz. Das beruhigt.“

Kraemer ist überzeugt, dass die viel beklagte Vermüllung der Stadt mit der aus seiner Sicht überbordenden Beschilderung beginnt. An einer Straßenecke bleibt er stehen und zeigt auf einen beklebten Briefkasten. „Es fehlt an Ordnungssinn – sowohl in der Verwaltung als auch in der Bevölkerung. Wie sich das gegenseitig beeinflusst, sieht man hier. Öffentlicher Raum wird beliebig beklebt und beschmiert.“

Ein Mann steht mit seinem Rad zwischen einem beklebten Briefkasten und einem temporär aufgestellten Verkehrsschild.

Kaspar Kraemer nerven die Verwahrlosung des öffentlichen Raums und der Schilderwahnsinn in Köln.

Wo optische Unruhe herrsche, folge häufig auch realer Müll, immer wieder beobachte er wilden Müll am Straßenrand. In solchen Fällen greife er selbst zum Telefon und informiere die AWB. „Oft ist am nächsten Tag alles weggeräumt“, sagt Kraemer. „Jeder von uns kann etwas verändern, wenn er sich kümmert.“

Letzter erhaltener Eckturm ist der römischen Stadtmauer in Köln

Nach sieben Kilometern erreicht der Marienburger mit seiner Gazelle sein zweites Veedel, in dem schon vor fast 2000 Jahren die Römer siedelten. Ein sichtbares Zeugnis dieser Zeit ist der Römerturm, der letzte erhaltene Eckturm der römischen Stadtmauer. Kraemer steigt vom Rad und bleibt vor einem gelben Haus mit klassizistischer Fassade stehen. Auf einem Messing Schild steht: Kaspar Kraemer Architekten.

„Auf diesem Gelände stand im 13. Jahrhundert das Klarissenkloster St. Clara“, sagt der 76-Jährige. 1802 wurde der Konvent im Zuge der Säkularisation aufgelöst. 1832 entstand auf den Grundmauern des Klosters ein klassizistisches Stadtpalais. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, fast 30 Jahre lang lag die Ruine mitten in der Stadt.

„1972 hat mein Vater das Grundstück gekauft und das Palais im alten Stil wieder aufgebaut.“ Man merkt ihm den Stolz an, dass sein Architekturbüro heute innerhalb der römischen Stadtmauer liegt. Wir betreten einen lichtdurchfluteten Raum mit hohen Decken und einer Galerie. Dann geht’s es eine Treppe hinunter, er öffnet eine schwere Tür – und wir stehen plötzlich in einem riesigen Gewölbekeller.

In einem Kellergewölbe sitzt ein Mann an einem Flügel.

Kaspar Kraemer sitzt am Flügel in dem Gewölbekeller des ehemaligen Klarissenkloster St. Clara der bis heute als Konzertsaal genutzt wird.

„Beim Wiederaufbau ist mein Vater auf diesen Keller gestoßen. Er gehörte zu der Klosteranlage, stammt aus dem Jahr 1306 – und wird wegen seiner besonderen Akustik gerne als Kammermusiksaal genutzt.“ Spätestens hier wird deutlich, woher Kraemers Faible für historische Rekonstruktionen rührt – und warum er sich für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses engagiert hat.

Ein Mann im Anzug steht in einem Raum, an der Wand hängt ein großformatiges Bild vom Hochwasserpumpwerk in Bayenthal.

Kaspar Kraemer steht in dem Foyer seiner Architekturbüros an der Wand hängt das Bild vom Hochwasserpumpwerk, das er gebaut hat.

Rekonstruktionen historischer Bauten sind jedoch nicht die einzigen großen Projekte seines Büros. Auch moderne, funktionale Gebäude wie das Verwaltungsgebäude der Gothaer Versicherung, der Glasaufzug am Gürzenich, den Zugang zur Turmbesteigung des Kölner Doms, das Hochwasserpumpwerk an der Schönhauser Straße oder der derzeit entstehende Campus Kartause in der Südstadt stammen aus dem Büro Kaspar Kraemer Architekten.

Weißwurst mit karamellisiertem Sauerkraut im Riphahn

Zum Abschluss des Spaziergangs fällt sein Urteil über Köln etwas versöhnlicher aus. „Es würde schon reichen, wenn der öffentliche Raum eine einheitliche Handschrift hätte“, sagt er. Poller, Papierkörbe, unterschiedliche Pflaster, Werbeschilder, Fahnenmasten – vieles wirke zufällig platziert. „Da steht ein Fahnenmast vor einem Denkmal. Denken Sie sich das alles einmal weg – dann hätten wir eine ganz andere Stadt. Man müsste nur einmal aufräumen – dann würde Köln wieder atmen.“

Vor einem großen Haus mit gelber Fassade im klassizistischen Stil steht ein Mann in Mantel und Schal.

Das Haus mit gelber Fassade steht auf den Grundmauern des Klarissenklosters aus dem 13. Jahrhundert, heute ist hier das Architektenbüro von Kaspar Kraemer.

In seinem Wohnviertel schätzt er die Ruhe, an seinem Arbeitsveedel die Lebendigkeit: die Buchhandlungen, die Galerien, Cafés und Restaurants, in denen er seine Mittagspause verbringt. Besonders gern geht er ins Riphahn an der Apostelkirche. „Ich esse hier am liebsten die Weißwurst mit karamellisiertem Sauerkraut und genieße den Blick auf den schönen Platz mit den alten Platanen. Mit etwas Fantasie ist es wie der Markusplatz in Venedig - die vorbei rauschenden Autos auf der Hahnenstraße sind die Vaporetti.“

Köln ist für den Architekten Kraemer keine perfekte Stadt – aber eine, für die es sich jeden Tag lohnt, genau hinzusehen. Zwischen Lakritz und Gewölbekeller bleibt Köln für ihn eine Baustelle – und eine Herzensangelegenheit.


Kaspar Kraemer empfiehlt: Das Riphahn – Café & Restaurant, Apostelnkloster 2; die Buchhandlungen Klaus Bittner in der Albertusstraße 6 und Walther König in der Ehrenstraße 4 und den Besuch des Gewölbekellers St. Clara am 'Tag des offenen Denkmals'