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Kölner Bürgermeisterin Derya Karadag (Grüne)„Das Baby wird viel im Rathaus sein“

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Derya Karadag brachte Anfang Januar ihren Sohn zur Welt. „Das müssen und werden wir hinkriegen“ sagt sie über die Vereinbarkeit von Amt und Kind.

Derya Karadag brachte Anfang Januar ihren Sohn zur Welt. „Das müssen und werden wir hinkriegen“ sagt sie über die Vereinbarkeit von Amt und Kind.

Sie will ein Zeichen für Sichtbarkeit von Frauen in politischen Ämtern setzen.  Bürgermeisterin Derya Karadag im Portrait.

Schon im Grundschulalter war Derya Karadag politisch – anfänglich jedoch eher unfreiwillig. Als Kurdinnen und Kurden verbrachten sie und ihre Eltern viel Zeit auf Demonstrationen, die dem Volk ohne Staat Gehör verschafften. „Als Neunjährige fand ich das manchmal nicht so gut, weil ich natürlich anderes vorhatte“, erinnert sich die Grünen-Politikerin lachend. „Aber solche Erfahrungen bleiben hängen.“

Dass aus dem Kind, das damals noch auf die Demos „mitgeschleppt“ werden musste, mal eine Bürgermeisterin von Köln werden sollte, ahnte niemand. Seit Anfang November ist die 41-jährige Rechtsanwältin die erste Stellvertreterin von Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD). „Ich habe natürlich Demut vor dem Amt, aber ich freue mich auf die Aufgaben. Als Bürgermeisterin genieße ich besonders den Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern. Das ist etwas, wofür den Ratsmitgliedern oft die Zeit fehlt.“

Mitglied im Kölner Stadtrat ist Karadag seit 2020 und hat auch im vergangenen Jahr wieder den Wahlkreis Köln IV (Neustadt/Altstadt Nord) gewonnen. Bereits 20 Jahre lang lebt Karadag in Köln. Geboren wurde sie in Frechen, kam zum Jurastudium in die Domstadt. 2015 erlebte sie etwas, das sie heute als „initial“ für ihr politisches Engagement bezeichnet: das Attentat auf Henriette Reker. „Ich war schockiert, dass eine nette Dame, die sich zur Wahl stellt, an einem Ort wie Braunsfeld attackiert wird.“ Reker war damals als Sozialdezernentin für die Unterbringung von Geflüchteten zuständig, für den Täter Grund genug für einen Messerangriff. „Da wurde mir klar, dass ich mich für die Demokratie engagieren will“, sagt Karadag. Es folgte im selben Jahr der Parteieintritt bei den Grünen.

Geburt des ersten Kindes kurz nach Amtsantritt

Es sind besondere Umstände, unter denen die Kölnerin nun rund zehn Jahre später in ihr neues Amt startet: Bei ihrer Premiere als Bürgermeisterin ist sie hochschwanger mit ihrem ersten Kind. Anfang Januar kam ihr Sohn als echter Kölner im Severinsklösterchen zur Welt. „Das Baby wird viel im Rathaus sein.“ Auch an Ratssitzungen soll es teilnehmen, „wenn es Lust hat“. Der Vereinbarkeit von Amt und Kind steht sie optimistisch gegenüber. Nach einer kurzen Wochenbettpause wird sie Bürgermeisteramt und Ratsarbeit fortführen. „Ich bin zwar die erste Bürgermeisterin, die ein Kind bekommt, aber bei Ratsmitgliedern gab es das schon. Henriette Reker hatte bei einer Sitzung auch schon ein Baby auf dem Arm. Und ich glaube, Herr Burmester ist als Vater in Erziehungsdingen sogar versierter als ich“, sagt sie und schmunzelt.

Von den weiteren drei Bürgermeisterinnen, ihrer Fraktion und ihrer Familie fühlt sich die Mutter gut unterstützt. „Das müssen und werden wir hinkriegen. Es ist wichtig, dass auch Eltern in politischen Gremien vertreten sind. Die Familiengründung darf kein Hindernis sein. “ Dazu passt das Ziel, das Karadag sich für Ihre Amtszeit gesetzt hat: „Ich möchte weiterhin für die Sichtbarkeit von Frauen im politischen Betrieb stehen. Daran habe ich in den vergangenen fünf Jahren mit dem Gleichstellungsausschuss, aber auch mit dem Wirtschaftsausschuss viel gemacht.“ Angestoßen hat ersterer unter anderem ein Politikpraktikum für Schülerinnen im Rathaus. „Kinder sollen mit dem Gedanken aufwachsen, dass alles möglich ist.“

Von Hürden aufgrund ihres Geschlechts kann Kardag in ihrem politischen Werdegang nicht berichten. „Das Gute ist, dass die Grünen eine feministische Partei sind, bei der es eine Quotenregelung und viel Unterstützung gibt. Männer schreien viel öfter 'Hier!' während Frauen oft zurückhaltender sind. Ich persönlich habe aber eigentlich immer eher ja gesagt, als an Risiken zu denken.“

Ihre Spuren in Köln will Kardag auch durch ihren Sitz im Kulturausschuss hinterlassen. „Kultur für alle zugänglich machen“, lautet ihr Motto. Auch in der Oper, die im Herbst dieses Jahres nach langer Verzögerung eröffnet werden soll, sieht Karadag diesbezüglich eine Chance. „Man sollte dort auch jüngere Personen oder solche, die Zuhause wenig Kultur vermittelt bekommen, einbinden.“

Vorbild für Politikinteressierte mit Migrationsgeschichte

Bei ihrem ersten Termin als Bürgermeisterin war Karadag ebenfalls in Sachen Kultur unterwegs. Auf der Keupstraße traf sie die Initiative „Keupstraße ist überall“ in der Ausstellung „Von der Nagelbombe bis zum Mahnmal – 21 Jahre danach“ um sich über die Relevanz lebendiger Erinnerungsräume auszutauschen. Auch bei diesem Termin bekommt Karadag die Rückmeldung, dass sich Bürgerinnen und Bürger darüber freuen, jemanden mit Migrationsgeschichte im Amt zu sehen. „Ich weiß, dass ich an dieser Stelle exotisch bin, was ich tragisch finde. Um das aufzubrechen, stelle ich mich als Vorbild zur Verfügung, obwohl Migrationspolitik nie mein Hauptthema war. Ich möchte normalisieren, dass man nicht Daniela oder Desiree heißen muss, um in einem Gremium zu sein.“