Mayen Beckmann ist Vorsitzende der Gesellschaft für Moderne Kunst und diskutiert mit ausländischen Gastjuroren über Preise. Ein neuer Teil unsere Serie zu 50 Jahre Museum Ludwig.
Museum Ludwig„Japaner argumentieren komplett anders als ich“

Die Kunsthistorikerin und Restauratorin Mayen Beckmann
Copyright: Tom Lane
Zum 50. Geburtstag des Museum Ludwig stellen wir deren Gesellschaft für Moderne Kunst vor. Jan Sting sprach mit der Vorsitzenden Mayen Beckmann.
Sie sind Vorsitzende der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig. Das sind 650 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur aller Generationen. Gibt es da Meinungsverschiedenheiten?
Es sind 700 (lacht). Einen Konsens müssen wir im Vorstand finden. Aber wir haben mehrere Gruppen, die unterschiedliche Tendenzen abdecken.
Es gibt mehrere Gruppen innerhalb der Gesellschaft....
Wolfgang-Hahn-Preisträger werden jährlich von allen Mitgliedern vorgeschlagen. Es gibt daneben den „Jungen Ankauf“, der sich um alternative oder noch nicht etablierte Positionen kümmert. Dann gibt es eine intellektuellere Gruppe, die betreut die Ausstellungsreihe „Hier und Jetzt im Museum Ludwig“, die das auch die Arbeit des Museums auf den Prüfstand stellt. Daneben gibt es ältere Mitglieder, die „Perlensucher“, die ergänzende Arbeiten zu Künstlern kaufen, die bereits im Museum vertreten sind. Dabei geht vor allem darum, dass Papierarbeiten von diesen Künstlern in den Fundus des Museums aufgenommen werden. Eine andere Gruppe unterstützt die Ausbildung angehender Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker in Kunstvermittlung. Mit „Kunst im Kontext“ fördern veranstalten wir eine sehr breit aufgestellte Vortragsreihe.
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Man hört es immer wieder, zumal auf der Art Cologne, dass in unserer Region sehr viele Sammler unterwegs sind. Woher kommt das?
Es war immer schon eine Sammlergegend. Ob man sich Ferdinand Franz Wallraf oder Josef Haubrich anschaut oder viele andere. Diese Tradition hat hier in den Siebziger und Achtzigerjahren Jahren noch einen Boost bekommen mit der großen Verdichtung an Künstlern, die hier gelebt haben und noch leben. Und mit den wichtigen Galerien, die hier immer wieder gegründet werden.
Und die Sammler bleiben den Galeristen treu?
Ich weiß nicht, ob die junge Generation mit einer solchen Konsequenz sammelt wie die der um die 60-Jährigen, bei denen ich sehe, dass große zeitgenössische Sammlungen entstanden sind.
Aber die Gesellschaft integriert junge Sammler durch die Initiative jungen „Junger Ankauf“.
Die Initiative stellt künstlerische Positionen der eigenen Generation und jünger bis 40 Jahre vor und diskutierten sie eingehend. Welches Werk gemeinsam für die Sammlung erworben wird, ist eine demokratische Entscheidung.
Zuletzt 2024 fiel die Wahl auf ein Bild der Bensbergerin Melike Kara. Sie setzt sich mit der kurdischen Vergangenheit ihrer emigrierten Familie auseinander.
Ja es gibt tolle Positionen und ich hoffe, dass es so weitergeht. Aber die Künstler werden, wenn sie gut sind, schnell teuer. Früher gab es von jungen Künstlern eine Zeichnung schon einmal für 400 Euro. Das gibt es heute kaum mehr. Wir haben Gott sei Dank eine Gruppe von ganz jungen Aktiven, die sich stabilisiert. Es gibt ein Patenprogramm, in dem sich ältere Mitglieder für jüngere einsetzen und deren Mitgliedsbeitrag bezahlen.
Der Wolfgang-Hahn-Preis, den die Gesellschaft vergibt, ist jährlich mit bis zu 100.000 Euro verbunden. Wie laufen dort die Entscheidungsprozesse?
Wir erhalten von 60 bis 70 Mitgliedern Vorschläge. Das ist schon eine lustige Mischung! Es gibt Mitglieder, die sich in jedem Jahr für denselben Künstler engagieren. Daneben gibt es Aufklärungsarbeit: „Du weißt doch, es darf kein Künstler sein, der bereits in der Sammlung ist!“ Auch kein Künstler, der schon gestorben ist. Manchmal reichen 100.000 Euro gar nicht, so dass wir schon überlegt haben, den Preis nur alle zwei Jahre zu vergeben und auf 200.000 Euro aufzustocken. Aber wir sind eben auch wahnsinnig dankbar, dass es berühmte, ausländische Künstler gibt, die Köln und unser Museum Ludwig gut kennen und lieben, weil es so breit aufgestellt ist. Sie schätzen das Rheinland als solches und sagen, in dieses Museum zu kommen, ist uns eine Geste wert. Manchmal denk ich mir „Puh! Wir stehen auf vielen Schultern, die hier einen Ruf aufgebaut haben, von dem wir heute wirklich heute profitieren“.
Anna Boghiguian, die 2024 den Wolfgang-Hahn-Preis erhielt, hat, glaube ich, zeitweise schon im Museum gelebt, um dort zu arbeiten.
(Lacht). Sie ist ja wirklich eine Naturgewalt. Sie hat Skulpturen und Bilder im Haus gemacht und noch 80 Zeichnungen draufgelegt. Da hat sich unsere Geschäftsführerin Pia Gamon bei der Betreuung sehr verdient gemacht! Alle waren begeistert. Boghiguian macht international gerade eine aufregende Karriere, das ist schon wirklich spannend.
Und wie recherchieren Sie über die vorgeschlagenen Künstler?
Es gibt so wunderbare Informationsquellen über Künstler, die man teils gar nicht auf dem Schirm hat. Und in unserer Gruppe (Vorstand und externe:r Kurator:in) hat ja jeder andere Schwerpunkte, erzählt von der Ausstellung da, und der Installation dort. Das sind schon gute Gespräche. Aber wichtig ist, dass man sich einarbeitet. Videos, die auf Youtube, auf den Webseiten der Galerien und Publikationen aus der Kunst- und Museumsbibliothek helfen da, Kataloge aus der KMB. Ein Kriterium für den Preis ist, dass der Geehrte international berühmt, aber in Deutschland noch wenig bekannt ist.
Die Installationen können sehr groß sein.
Das ist die Frage, wie man es im Museum händeln kann. Jenny Holzer mit ihren raumumgreifenden Installationen kostet zum Beispiel jedes Mal cirka 75.000 Euro, wenn man sie wieder an die Wände bekommen will. Manchmal sagen wir uns, es ist toll, dass wir das umgesetzt haben, obwohl es unsere Kräfte und die des Museums fast übersteigt, und manchmal sind wir glücklich über einen Künstler, von dem wir einfach ein Bild erwerben können.
Und wie wird über die Finanzierung gesprochen, ist das viel Überzeugungsarbeit?
Für mich ist die Preisdiskussion neben der Diskussion der künstlerischen Qualität wirklich das Spannendste an der Entscheidung im Vorstand. Da kann man viel bei lernen. Und oft sind es die ausländischen Gastjuroren, die uns unterstützen, die aus einem völlig anderen Kontext kommen. Also: eine Japanerin argumentiert komplett anders als ich. Und das macht mir Spaß.
Sie sind nicht nur im Vorstand aktiv, Sie verwalten auch das Erbe Ihres Großvaters Max Beckmann. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie seine Bilder hier im Museum sehen?
Das Gros der Bilder kommt ja aus der Sammlung von Lilly von Mallinckrodt-Schnitzler. Und alle Werke, die jetzt hier hängen, kenne ich aus ihrem Wohnzimmer. Dort wurde ich als Kind immer mitgenommen, stand rum und habe mich auch mal gelangweilt. Als einziges Kind in einer Erwachsenengruppe hat man viel Zeit, zu gucken. Wenn ich die Bilder heute sehe, ist das immer eine Zeitreise. Dann stehe ich wieder in ihrem Wohnzimmer. Sie war eine sehr energische alte, wirkliche Grande Dame. Immer wunderbar angezogen. Es gab schwere spanische Renaissancemöbel, roten Samt, Khmer-Skulpturen und eine fantastische Aussicht. Und sie hatte ein wunderbares Parfüm. Alles das kommt mir dann wieder in den Sinn. Wie in einem Film von Pasolini!
Malen Sie selbst eigentlich auch?
(Lacht). Nee, das nun wirklich nicht. Warum soll ich selber malen? Die anderen können es besser. Ich bin Papierrestauratorin, aber nicht mehr aktiv. Von damals zu heute ist das ein ganz anderer Beruf geworden, technisch ein Quantensprung. Was die Restauratoren heute mit den ganz neuen Materialien machen, das ist toll, ein hochwissenschaftlicher Beruf! Ich habe dann später in Berlin eine große Galerie leiten dürfen.
Die Pop Art wird hier im Haus auch sehr gut restauriert. Der ehemalige Chefrestaurator legte wohl großen Wert darauf.
Ja, wenn Kunst nicht im Depot oder auf Transporten beschädigt wird, oder neue Materialien schnell altern (eine besondere Herausforderung), ist alles gut. Unsere Internationalen Freunde haben mit anderen Geldgebern jüngst cirka eine Viertelmillion für die Restaurierung eines sehr wichtigen Bildes finanziert.
Die Stadt kommt auch bei den Gebäuden beim Sanieren nicht nach. Irgendwie scheint es sehr zu irrlichtern.
Ein Problem ist, es gibt keinen belastbaren Plan. Und das nächste Problem ist, dass die Stadt ihre Pflichten als Eigentümerin in sträflicher Weise vernachlässigt. Wenn eine Stadt eine Brücke baut, ist damit die Verpflichtung verbunden, sie für die Öffentlichkeit bautechnisch funktional zu halten. Dasselbe gilt für Museen oder Schulen. Was passiert wenn man sein Eigentum nicht pflegt, kann man im Moment am besten am Museum für Angewandte Kunst erleben.



