Das verlorene VertrauenZehn Jahre Kardinal Woelki in Köln – eine Bilanz

Lesezeit 10 Minuten
Rainer Maria Kardinal Woelki wird auf dem Roncalliplatz nach dem Festgottesdienst von tausenden Gläubigen umlagert.

Mittendrin: Rainer Maria Kardinal Woelki nach dem Festgottesdienst zur Amtseinführung auf dem Roncalliplatz..

Vor zehn Jahren, am 11. Juli 2014, wurde Rainer Maria Kardinal Woelki zum Erzbischof von Köln ernannt. Am Rhein wurde die Nachricht euphorisch begrüßt. Seither hat sich viel verändert. 

Was für eine Botschaft. Was für ein Echo. Fronleichnam 2016: Zum zweiten Mal steht Rainer Maria Kardinal Woelki als Erzbischof von Köln der Messfeier auf dem Roncalliplatz vor. Nach seiner Predigt gibt es tosenden Beifall. Ordensritter und Ordensdamen, Fahnenträger der Handwerkerinnungen, Verbindungsstudenten in vollen Farben, Pfadfinder, Gläubige aus den Pfarrgemeinden, alles in allem zumeist Vertreter des etablierten katholischen Bürgertums – sie applaudieren einem Erzbischof, der soeben die praktisch uneingeschränkte Aufnahme von Flüchtlingen gefordert hat. Als Altar dient ihm ein Flüchtlingsboot, und er erklärt, warum: Jesus Christus selbst sei „in diesem Boot“. Im Boot, das hernach ins Bonner Haus der Geschichte kam. Fronleichnam 2016 in Köln: ein historischer Moment. Der Erzbischof: ein großer Kommunikator.

Acht Jahre später ist so eine Szene undenkbar. Nicht nur, weil inzwischen auch bei vielen Menschen besten Willens die Sorge wächst, dass unser Land sich in puncto Integration übernehmen könnte. Sondern vor allem, weil die Kommunikation mit dem Erzbischof eine andere geworden ist.

Gläubige begrüßten den „kölschen Jung“

Blenden wir noch weiter zurück. Am 11. Juli 2014, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, wurde offiziell bestätigt, was seit Tagen Kölner Stadtgespräch war: der Kardinal und bisherige Berliner Erzbischof Woelki, ein gebürtiger Kölner, kommt zurück an den Rhein. „Der dicke Pitter jubelt es in die Welt hinaus“, sagte Dompropst Norbert Feldhoff anlässlich der Ernennung. „Ganz großartig“ und „eine tolle Wahl“, meinten von der Rundschau befragte Gläubige im Dom, und: „Er es ene kölsche Jung, dat es wunderbar!“ Am 20. September dann die Amtseinführung Woelki rief den Kölnern zu: „Ich bin also einer von Ihnen.“

Das alles soll nur zehn Jahre her sein? Solche Szenen scheinen in unvorstellbar ferner Vergangenheit zu liegen. Eine gewisse Hellsicht bewies eine Leverkusener Gemeindevertreterin, die Woelki zur Amtseinführung im Dom eine Magnumpackung Aspirin verehrte. Aber wer hätte damals, 2014, gedacht, dass sich eines Tages Jugendliche per Abstimmung gegen eine Firmung durch Woelki wehren würden. Dass Papst Franziskus ihm große Fehler „vor allem auf der Ebene der Kommunikation“ vorhalten und ihm eine Auszeit verordnen würde. Im September 2021 war das, ziemlich genau sieben Jahre nach der Amtseinführung. An Aschermittwoch 2022 die Rückkehr, ein paar Monate später der nächste Eklat: Messdiener wendeten ihm bei einer Romwallfahrt den Rücken zu. Und 2023 war er bei der Aachener Heiligtumsfahrt, einem der größten Glaubensfeste in seiner Kölner Kirchenprovinz, nicht willkommen. Natürlich gibt es auch Anlässe, bei denen Woelki herzlich empfangen wird, etwa im letzten April beim Wallfahrtsjubiläum in Bödingen an der Sieg, aber auch da sollen einige Schützenbrüder lieber ferngeblieben sein. Oder, außerhalb der Region, beim Adoratio-Kongress in Altötting. Aber sonst?

Woelki räumte verspieltes Vertrauen ein

Die päpstliche Einschätzung des kardinalen Kommunikationsverhaltens gewann einen aparten Beigeschmack, als bekannt wurde, dass Woelki 820.000 Euro ausgerechnet für PR-Beratung aufgewendet hatte. Die Spezialisten für Krisenkommunikation waren offensichtlich gescheitert. Sie hatten dem Kardinal in den Auseinandersetzungen um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt helfen sollen: Ein Gutachten war bestellt und wegen von Juristen gesehener schwerer Mängel nicht veröffentlicht worden. „Wir haben Fehler gemacht, wir haben Vertrauen verspielt“, räumte Woelki schließlich in der Rundschau ein, einen Monat, bevor am 18. März 2021 das zweite Gutachten, erarbeitet von der Kölner Kanzlei Gercke Wollschläger, vorgestellt wurde.

Danach wurden die Gräber eher tiefer. Woelki führte wegen der Berichterstattung über den Umgang mit Vorwürfen gegen einen von ihm beförderten Geistlichen einen juristischen Kleinkrieg gegen ein Boulevardblatt und hat nun selbst die Staatsanwaltschaft am Hals, deren absurde Aufgabe es ist, rund 800.000 sichergestellte E-Mails und Chatnachrichten mit mehr als 500.000 Anhängen zu sichten. Damit soll Verdacht einer falschen eidesstattlichen Versicherung und gar von Meineid geklärt werden.

Er sei davon überzeugt, dass Woelki eine „ehrliche Haut“ sei, schrieb dazu jüngst der Kölner Pfarrer Franz Meurer. „Er will das Beste, macht aber das Falsche. Er will Recht behalten, auch wenn das Vertrauen in die Kirche verdunstet.“ Gewinnen lasse sich dieses Vertrauen nur durch Beziehungen, Solidarität und Gemeinschaft, nicht durch Urteile.

Ausmaß der Missbrauchsverbrechen früh erkannt

Solche Auseinandersetzungen überlagern das, was man dem Kardinal eigentlich zu Gute halten sollte: dass er viel früher als die meisten Amtsbrüder das Ausmaß der Missbrauchsverbrechen im Raum der katholischen Kirche und ihre furchtbaren Folgen für die Betroffenen erkannte und daraus Konsequenzen zog. Konsequenzen, zu denen später auch gehörte, dass er in zwei Zivilprozessen von Missbrauchsopfern gegen das Erzbistum darauf verzichtete, die Einrede der Verjährung zu erheben. Damit ermöglichte er einen juristischen Durchbruch: Ein Kläger erhielt 300.000 Euro Schmerzensgeld – weit mehr als die bis dato üblichen Leistungen zur „Anerkennung des Leides“.

Längst aber reichen die Debatten über die Missbrauchsthematik hinaus. Wo soll man überhaupt anfangen? Mit dem Streit um die Kölner Hochschule für Katholische Theologie, die von Woelki nach Köln geholte ehemalige Steyler Ordenshochschule, die ursprünglich „von außen“ finanziert werden sollte und nun Geld aus Kirchensteuermitteln erhalten wird? Mit dem um die Leitung des Katholisch-Sozialen Instituts (KSI) in Siegburg oder dem um die Trägerschaft des Domradios?

„Unsere Kirche verliert rasant an Vertrauen, das Erzbistum ebenfalls, der Kardinal sowieso, und dann geht Woelki hin und legt die Axt an einen Außenauftritt, der als glaubwürdig gilt und mit dem wir Menschen in relevanter Größenordnung erreichen“, äußerte der katholische Publizist Andreas Püttmann auf X über Woelkis Vorgehen beim Domradio, wo dann wenig später der Abgang des Chefredakteurs zu verzeichnen war. Woelkis Hochschulprojekt wiederum führte zu Spannungen mit dem NRW-Wissenschaftsministerium und zu erbitterten Auseinandersetzungen im Diözesanpastoralrat, seinem wichtigsten pastoralen Beratungsgremium. Wegen eines anderen Streitpunkts (Umgang mit dem Beirat von Missbrauchsbetroffenen) boykottieren zahlreiche Mitglieder, darunter auch zehn von 15 Dechanten, im Herbst 2022 eine Sitzung des Gremiums. Der Rat war nicht mehr beschlussfähig,

Nach diesem Eklat stiftete ein Mediator vermeintlich Frieden, bis Woelki im Frühjahr 2024 mit dem nächsten Plan herausrückte: Der Rat wird verkleinert, und nur noch zwei Laien werden von den gewählten Gremien und Verbänden entsandt – weitere 18 werden ausgelost. Das Erzbistum sagt, man habe das unter anderem auch mit den gewählten Laienvertretern besprochen. Die sehen dagegen in dem neuen Konzept eine Art Misstrauensvotum. Zuletzt gab es zwar versöhnliche Töne, aber eine kommunikative Meisterleistung war dies sicher nicht.

Kritik am Führungsstil

Hat sich Woelki verändert, oder haben die einst so begeisterten Kölner Diözesanen einfach nicht verstanden, wer da vor zehn Jahren zu ihnen zurückkam? Schon der Berliner Erzbischof war ein bekennender Konservativer, wie er der „Welt“ erklärte. Woelkis inhaltliche Positionen seien aber nicht das zentrale Problem, sagte der – mittlerweile verstorbene – Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken, theologisch selbst eher ein Konservativer, im Frühjahr 2022 der Rundschau. Wichtiger sei, „dass es zahllose Verwundungen und Probleme aus der Vergangenheit gibt, die mit dem menschlichen Verhalten des Kardinals in Verbindung gebracht werden“. Es gehe auch um den Führungsstil. Viele Gläubige „denken, er treffe seine Entscheidungen heimlich, fühlen sich bei Beratungen nicht hinreichend ernst genommen und reklamieren eine fehlende Partizipation“, so Picken damals.

Woelkis Führungsstil hätte für die Kölner allerdings keine Überraschung sein müssen, wenn sie sich mit seinem Agieren als Berliner Erzbischof beschäftigt hätten. Woelki war zwar der entspannt auftretende Kardinal, der Fahrrad fuhr und mit Vertretern der Schwulen- und Lesbenbewegung ins Gespräch kam. Aber er setzte auch den Prozess einer großflächige nZusammenlegung von Pfarrgemeinden in Gang (weit straffer als später in Köln) – und gegen massive Widerstände den durchgreifenden Umbau der Berliner Hedwigskathedrale.

Letztlich, aus diesem Bewusstsein lebt Woelki, ist es der Bischof, der zu entscheiden und zu verantworten hat, was in seiner Diözese passiert. Deshalb sein Widerstand gegen die Beschlüsse des „Synodalen Weges“, den er erfolgreich in Rom vortrug. Woelki wird sich schwerlich auf Kompromisse wie im Bistum Essen einlassen, wo zwar der Bischof die letzte Entscheidung trifft, aber begründungspflichtig ist, wenn er sich dabei über ein Votum des „Gemeinsamen Rats“ von Geistlichen und Laien – der entspricht dem Kölner Diözesanpastoralrat – hinwegsetzt.

„Ich bin Priester, ich bin Bischof, vom Papst ernannt“, sagte Woelki der Rundschau Ende 2022 mit Blick auf Rücktrittsforderungen. „Das ist mit einer Weihe verbunden und nicht mit einer Kommunal- oder Bundestagswahl.“ Er könne diese Weihe nicht „einfach abschütteln wie eine lästige Fluse am Bischofsrock“, ergänzte Woelki. Über sein Amt entscheide allein der Papst. Woelki machte zugleich deutlich, was er von Reformforderungen hält. Die Einheit mit Papst und Weltkirche in Glaubensfragen sei „ein wichtiges Kriterium katholischer Identität“, und angesichts des Synodalen Weges gebe es außerhalb Deutschlands Sorge um genau diese Einheit.

Auch durchaus fortschrittlich wirkende Entscheidungen Woelkis sind einsame Entscheidungen. Die Berufung mehrerer Frauen in Führungspositionen zum Beispiel – die übrigens sofort Murren im Generalvikariat hervorrief, wo sich altgediente Mitarbeiter ausgebootet fühlten. Mittlerweile haben Woelkis weibliche Spitzenkräfte selbst den Entscheidungsstil des Kardinals zu spüren bekommen. Petra Dierkes, einst Hauptabteilungsleiterin Seelsorge, jetzt Bereichsleiterin im Generalvikariat, warf angesichts des von Woelki geplanten Eingriffs den Vorsitz beim Domradio-Trägerverein hin. Bernadette Schwarz-Boennecke, einst Hauptabteilungsleiterin Schule/Hochschule, dann nach Limburg gewechselt, verließ das Kuratorium des Siegburger KSI und quittiert auch ihren Dienst im Generalvikariat – mit nur 60 Jahren. Sie und andere Kuratoren warfen Woelki Intransparenz und Eigenmächtigkeit beim Auswahlverfahren für einen neuen Institutschef vor. Der Kardinal dagegen besteht auf seinem Recht, über diese Personalie selbst zu befinden.

Keine Papst-Antwort zum Rücktrittsgesuch

Woelki verlangt Gehorsam, und Woelki leistet Gehorsam – auch wenn er mit Papst-Entscheidungen Schwierigkeiten hat (etwa beim Umgang mit wieder verheirateten Geschiedenen) und auch wenn ihn Franziskus erlesen schlecht behandelt. Im Gespräch mit jesuitischen Ordensbrüdern plauderte der Papst aus, dass er von Woelki verlangt hatte, sein angeblich doch aus innerer Freiheit geschriebenes Rücktrittsgesuch einzureichen. Franziskus wörtlich: „Ich habe ihn an seinem Platz gelassen, um zu sehen, was passieren würde, aber ich habe sein Rücktrittsgesuch in der Hand.“

Entschieden hat der Papst darüber bis heute nicht – womit sich das Gesuch kirchenrechtlich zwar erledigt haben dürfte, aber eine entsprechende Erklärung wurde Woelki anders als den Amtsbrüdern Reinhard Kardinal Marx (München) und Stefan Heße (Hamburg) nicht zugestellt. Warum auch. Der Papst meinte ja, Köln sei nicht die einzige Diözese mit Konflikten, in Arecibo in Puerto Rico gebe es zum Beispiel auch welche. Kein netter Vergleich für die Kölner, die ihre Metropole einst für das Rom des Nordens hielten.

Am 18. August 2024 wird Woelki 68. Sieben Jahre noch, dann muss er dem Papst – sei es Franziskus, der dann 94 Jahre alt wäre, oder einem Nachfolger – erneut seinen Rücktritt anbieten. Nach bisherigem römischen Comment bleiben Kardinäle sogar in der Regel über den 75. Geburtstag hinaus im Bischofsamt. Das gilt als persönliche Auszeichnung, erleichtert aber auch die Nachfolgeplanung in Diözesen, die wie Köln traditionell mit dem Kardinalstitel verbunden sind: Der Vatikan möchte nicht zwei unter 80-jährige und damit zur Papstwahl berechtigte Kardinäle an einem Ort sehen. Aber zählen solche Gebräuche bei Franziskus überhaupt noch? Woelkis vorübergehende Wirkungsstätte Berlin hat ihren Kardinalssitz eingebüßt.

So oder so spricht zurzeit nichts gegen die Annahme, dass der Papst bei seinem Plan bleibt, „zu sehen, was passieren würde“. Allenfalls das recht unwahrscheinliche Szenario, dass die schier endlosen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft irgendwann in einer Anklage münden, könnte daran etwas ändern. Ein bisschen größer als Arecibo ist das Erzbistum Köln ja schon (fast fünfmal so groß, genau gesagt), und eine vorzeitige Ablösung des Kölner Erzbischofs, der als Exponent unverbrüchlicher Romtreue gilt, würde die Statik der Kirche in Deutschland massiv erschüttern. Wahrscheinlich werden sie also weiter miteinander leben müssen – Woelki und seine Kölner, die den Kardinal vor zehn Jahren wohl nicht ernst genug genommen hatten.

Nachtmodus
Rundschau abonnieren