Bilanz für NRWWas gut lief in drei Jahren Corona und was besonders schlecht

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Ein Person hält ihren Mund-Nasen-Schutz in der Hand.

Tschüss, Mundschutz: Die Maske ist nun größtenteils Geschichte.

Wir haben Experten um ein Resümee der Pandemie gebeten. Das Ergebnis ist eine gemischte, in Teilen bittere Bilanz.

Am 25. Februar 2020, also vor fast drei Jahren, wurde bei einem Mann aus dem Kreis Heinsberg erstmals ein Corona-Fall in NRW festgestellt. Schon drei Wochen später schlug Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) Alarm: „Es geht um Leben und Tod.“ 

Was lief schlecht in Nordrhein-Westfalen?

Fast 31000 Todesopfer „im Zusammenhang mit Covid-19“ wurden bisher in NRW vom Robert-Koch-Institut (RKI) erfasst. Es reicht aber nicht, die Toten zu zählen, um die Folgen von Corona zu begreifen. Zu den Betroffenen gehören alle Familien, und in den Familien litten vor allem die Älteren und die Jüngeren. „Viele Familien sind an ihre Grenzen gestoßen, weil sie mit Job, Homeschooling und Kinderbetreuung allein gelassen wurden“, bilanziert Anja Weber, NRW-Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Dramatisch waren und sind die Folgen der Pandemie auch für Kinder und Jugendliche. Laut dem „Kinder- und Jugendreport 2022“ der DAK-Krankenversicherung für NRW leiden seit der Pandemie viel mehr Mädchen und Jungen an Ess-Störungen, unter Ängsten und Depressionen. 10- bis 14-jährigen Mädchen wurden im Vergleich zu 2019 zuletzt doppelt so viele Antidepressiva verschieben.

In einem Klassenzimmer stehen die Stühle auf den Tischen.

Geschlossene Schulen sorgten für viel Verdruss in NRW.

„Soziale Kontakte waren eingeschränkt, es gab zu wenig Bewegung und Lernlücken sind entstanden“, sagte NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) unserer Redaktion. „Die Ausnahmesituation Corona hat das Bildungssystem erschüttert“, berichtet Anne Deimel, NRW-Vorsitzende der Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). Der Wegfall des täglichen Kita- und Schulbesuches habe Nachwirkungen bis heute: „Zu viele Kinder und Jugendliche fühlten sich alleingelassen und konnten Lerninhalte noch nicht aufholen.“ Immer neue Anweisungen hätten das Personal in Schulen und Kitas zermürbt.

Die Pflegekräfte und Mediziner hätten aufopferungsvoll gearbeitet, lobt Matthias Blum, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft NRW. Trotz der Finanzhilfen des Bundes seien viele Kliniken in NRW während der Pandemie aber in eine „gefährliche wirtschaftliche Schieflage“ geraten.

„Unser Land war sehr schlecht, eigentlich gar nicht auf die Pandemie vorbereitet. Es darf nicht sein, dass wir die Menschen auf den Intensivstationen provisorisch in Zelten oder in mit Zeltplanen abgetrennten Bereichen in den Kliniken versorgen mussten“, sagt Dr. Hans-Albert Gehle, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Zudem habe eine „Kakofonie von Ratschlägen“ die Menschen zusätzlich zur Angst vor dem Virus verunsichert, weil es keine einheitlichen Maßnahmen gegeben habe.

Bereits im Juni 2021 bat der damalige Ministerpräsident Laschet um Verzeihung: „Die Entscheidungen, die dazu geführt haben, dass Menschen einsam sterben mussten, waren ein gravierender Fehler“, sagte er bei einer Gedenkstunde im Landtag.

Zu den am härtesten getroffenen Branchen gehört das Hotel- und Gastgewerbe. Laut dem Fachverband Dehoga NRW sank die Zahl der Beschäftigten im Gastgewerbe zwischen Dezember 2019 und März 2021 um fast 100000. Gerade erst gehen die Zahlen wieder nach oben. Aber viele, die früher in einer Küche oder als Bedienung arbeiteten, haben sich in andere Jobs verabschiedet. „Für die Zukunft in einem ähnlichen Szenario wünschten wir uns – neben schneller finanzieller Unterstützung – weniger Bürokratie, bessere Planbarkeit und genauere Prüfung der Verhältnismäßigkeit der Eingriffe“, so Patrick Rothkopf, Präsident des Dehoga in NRW.

Was lief gut in Nordrhein-Westfalen?

Über Homeoffice lächelt heute keiner mehr. „Unsere Arbeitswelt hat einen Digitalisierungsschub erlebt, der für viele Menschen mehr Flexibilität und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben bedeuten kann“, sagt NRW-DGB-Chefin Anja Weber. Viele Arbeitsplätze seien in der Corona-Zeit „sichere Orte“ gewesen. Vor allem Firmen mit Betriebsräten hätten sich an die Hygieneregeln gehalten. „Durch Kurzarbeit konnten Arbeitsplätze und Einkommen zum Großteil gesichert werden“, so die Gewerkschafterin.

Dass die Hilfe wirkte, bestätigt Dehoga-NRW-Chef Patrick Rothkopf: „Der Staat hat gezeigt, dass er bereit ist, betroffene Unternehmen zu unterstützen, die unverschuldet in diese massive Krise gerutscht sind. Kurzarbeitergeld, November- und Dezember- sowie die Überbrückungshilfen, für die sich der Dehoga eingesetzt hat, haben Unternehmern und Beschäftigten geholfen.“ Allerdings warteten einige Firmen noch immer auf die „längst überfällige“ Auszahlung.

„Auf der Habenseite steht auch, dass die Schulen in NRW bei der Digitalisierung einen großen Schritt vorangekommen sind“, meint Schulministerin Dorothee Feller (CDU). Viel mehr Schülerinnen und Schüler sowie Lehrende nutzten jetzt Computer im Unterricht.

Pflegekräfte, Hausärzte, Beschäftigte in Praxen, Pädagoginnen und Pädagogen – sie alle hätten unter Stress „Großartiges“ geleistet, betonen Verbände und Politik. Respekt und Beifall waren den „Corona-Helden“ stets sicher. Was weiterhin akut bleibt, ist jedoch ihr Ruf nach besseren Arbeitsbedingungen.

Die Impfkampagne begann wegen der komplizierten Online-Terminvergabe chaotisch. Später aber gab es viele Impf-Angebote der Kommunen, ergänzt durch die Impf-Teams der Hausärzte.

Was kann uns die Pandemie lehren?

Bei Medizinprodukten, Schutzausrüstung, Medikamenten dürfe sich NRW nicht mehr auf die Produktion in China verlassen, heißt es. „Daran werde gearbeitet“, versichert das NRW-Gesundheitsministerium. Konkrete Daten dazu hat es aber nicht.

„Pandemien können immer wieder auftreten“, warnt Ärztekammer-Chef Dr. Hans-Albert Gehle. „Wir müssen deshalb die Patientenversorgung in Kliniken und Praxen pandemiefest machen und dies auch bei allen Krankenhausreformen berücksichtigen.“ Der Infektionsschutz in NRW müsse neu aufgestellt werden, der Öffentliche Gesundheitsdienst brauche mehr Personal.

Für die „Resilienz“, also Widerstandsfähigkeit von Schulen und Kitas müsse noch viel getan werden, findet Anne Deimel vom VBE. Zu wenige Schultern müssten dort zu viel tragen. Mehr Lehrkräfte müssten her. Sonst drohe noch mehr Unterrichtsausfall.

„Es gibt keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen“, sagt auch Schulministerin Feller. Das Füllen der Lernlücken dauere an. Eine der wichtigsten Lehren: Distanzunterricht dürfe nur das letzte Mittel sein. Feller: „Durch die Pandemie ist uns allen deutlich geworden, wie wichtig der Präsenzunterricht für die Entwicklung unserer Kinder ist.“

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