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Biografie von Norbert FreiAls die eigenen Leute Konrad Adenauer im Stich ließen

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ARCHIV - Bundeskanzler Konrad Adenauer (r) gibt in Bonn seine Stimme für die Bundestagswahl 1957 ab (Archivfoto vom 15.09.1957).

Vor einem grandiosen Wahlsieg: Konrad Adenauer gibt seine Stimme bei der Bundestagswahl 1957 ab. Hätte er sich besser schon Mitte der 1950er Jahre aus dem Amt verabschiedet?

Konrad Adenauers 150. Geburtstag wird am 5. Januar 2026 gefeiert. Der Jenaer Historiker Norbert Frei bilanziert sein Lebenswerk – und schildert das warnende Beispiel eines Politikers, der nicht aufhören wollte.

Die „tropfsteinförmigen Beleuchtungskörper“ im Speisesaal des Palais Schaumburg fand er „unmöglich“. Bundeskanzler Konrad Adenauer kümmerte sich kleinteilig um denn Umbau der Bonner Villa zu seinem Dienstsitz – und Architekt Hans Schwippert, Vertreter einer schwebend leichten Moderne, konnte es ihm nicht recht machen. Die Korrespondenz mit Schwippert, schreibt der Jenaer Historiker Norbert Frei in seinem neuen Adenauer-Buch, zeige den Kanzler „als einen auch in ästhetischen Fragen autoritären, eigentlich dem 19. Jahrhundert verhafteten Mann“.

Anno 1950, zur Zeit der Auseinandersetzung um Beleuchtungskörper (und Teppiche und Schreibtisch und …), war der 1876 geborene Adenauer schon 74 Jahre alt. Bei so einem alten Herrn sollte eine Verhaftung im 19. Jahrhundert nicht verwundern – und sie irritiert doch. Denn der so traditionsorientierte Adenauer war auf der anderen Seite ein Politiker, der radikale Umbrüche vollzog. Autoritäres Auftreten kam allerdings auch dabei zum Tragen: Die Westorientierung, die europäische Integration, die Wiederbewaffnung – all das setzte er gegen erhebliche Widerstände durch.

Umfrage: Nur elf Prozent waren für Leistungen an Israel

Schlagend ist das von Frei erwähnte Beispiel der Wiedergutmachungsleistungen an Israel.  Gerade mal elf Prozent der Bundesdeutschen waren beispielsweise 1953 laut einer Allensbach-Umfrage dafür. Große Teile der eigenen Koalition aus CDU, CSU, FDP und Deutscher Partei (DP) verweigerten Adenauer im Bundestag die Gefolgschaft. Nur mit den Stimmen der oppositionellen SPD brachte er seine Entscheidung durch. Dieses Drama sollte genau anschauen, wer meint, die schwarz-rote Koalition unter dem heutigen Kanzler Friedrich Merz könne doch notfalls ruhig im Streit um ein paar Abweichler in der Rentenpolitik zerbrechen.

Neben dem Bonner Historiker Friedrich Kießling (wir berichteten) hat Frei die zweite neue Biografie zum Adenauer-Jahr 2026 vorgelegt, in dem die Republik den 150. Geburtstag ihres Gründungskanzlers (am 5. Januar) begeht. Freis gut 300 Seiten starkes Werk liegt leichter in der Hand als die 540 Seiten von Kießling. Anders als der Kollege aus Bonn durcheilt Frei die Kölner Jahre und die Zeit der Verfolgung unter dem Nationalsozialismus in knappen Zusammenfassungen und konzentriert sich auf den Neuanfang nach 1945 und die Kanzlerschaft.

Durch diese Beschränkung treten große Linien und zentrale Probleme von Adenauers Politik deutlich hervor. Etwa der Widerspruch zwischen transatlantischen Ansätzen und der von Adenauer bevorzugten engen Anlehnung an Frankreich. Frei hebt einen zentralen Satz aus Adenauers letzter außenpolitischer Rede (zwei Monate vor seinem Tod 1967 gehalten im diktatorisch regierten Franco-Spanien) hervor: „Die Interessen Europas und die der Vereinigten Staaten sind nicht immer identisch, und die europäischen Staaten müssen durch die Einigung Europas in die Lage versetzt werden, auch ihre Interessen zur Geltung zu bringen.“ Auch fast 60 Jahre nach Adenauers Tod ist hier noch ein weiter Weg zu gehen.

Hilflos angesichts des Mauerbaus

Ausführlich behandelt Frei die Aporien von Adenauers Deutschlandpolitik, seine Hilflosigkeit angesichts des Mauerbaus 1961 – ein Thema, das bei Kießling viel zu kurz kommt. Die Berlin-Krise von 1958 bis 1961 und Adenauers Umgang damit sind bezeichnend für die Phase der – Frei scheut sich nicht vor der Journalistenmethapher – „Kanzlerdämmerung“. Wie, das fragt der Biograf zu Recht, hätte Adenauer dagestanden, wenn er sich auf dem Höhepunkt seines Erfolges um 1955 zum Abgang entschieden hätte? Stattdessen folgten zähe Jahre, in denen dem Kanzler – trotz des grandiosen Wahlsieges von 1957 – nicht mehr viel gelang, sieht man einmal von der wahlentscheidenden und für spätere Generation so teuren Rentenreform ab. 

Frei selbst zieht den Vergleich nicht, aber: Helmut Kohl, der oft so bezeichnete politische Enkel Adenauers, hätte gut daran getan, das Nicht-Aufhören-Können des Patriarchen als warnendes Beispiel zu nehmen. Angela Merkel dagegen entschied sich im Gegensatz zu ihren beiden großen Vorgängern aus freien Stücken fürs Aufhören. Aber sie scheiterte an der Regelung der eigenen Nachfolge, während Adenauer und Kohl potenzielle Erben lieber gleich wegzubeißen versuchten. Mal sehen, wie Friedrich Merz, der bei Amtsantritt älteste Kanzler seit Adenauer, sich zu gegebener Zeit verhalten wird.

Norbert Frei: Konrad Adenauer. Kanzler nach der Katastrophe. Biographie. C. H. Beck, 317 S., 29,80 Euro