Nur noch wenige Holocaust-Überlebende können ihre Geschichte erzählen. Eva Erben gehört dazu. Hier spricht sie über ihre Erlebnisse in der NS-Diktatur, den Nahostkonflikt und ihre Freundschaft zu Günther Jauch.
Holocaust-Überlebende Eva Erben„Ich habe nicht geweint“

Liest bis heute viel: Eva Erben als junge Frau.
Copyright: Eva Erben
Burkhard EwertJerusalem Nur noch wenige Holocaust-Überlebende können ihre Geschichte erzählen. Eva Erben gehört dazu. In Jerusalem berichtet mir die 95-Jährige über ihre Kindheit, ihre Zeit im Lager, das Leben danach – und über ihren überraschenden Blick auf Deutschland und die Deutschen. Ein Wortprotokoll zum 27. Januar, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag.
Eva Erben ...
... über ihr Leben vor dem Krieg: „Der eine Großvater hatte eine Fischfabrik an der Elbe, die bis heute steht, mit Rollmops und all den guten Sachen. Der andere Großvater hatte eine große Schuhfabrik, Bata, in Prag. Das Leben war wunderschön und elegant. Wir hatten Pferde und auch ein Auto.
Alles zum Thema Deutsches Rotes Kreuz
- Besonderer Förderbedarf Studie: Viele Kitas können Auftrag nicht voll erfüllen
- Holocaust-Überlebende Eva Erben „Ich habe nicht geweint“
- Erst abzapfen, dann abfeiern 200 Freiwillige kamen zur „Närrischen Blutspende“ nach Windeck
- Altkleider Gute Sache mutiert auch in Rhein-Berg zum Problem
- Einsätze und vieles mehr Ehrenamtler des THW Schleiden leisteten 15.000 Dienststunden
- Dutzende Tote Zugunglück schockt Spanien - Auch Deutsche betroffen
- Gebühren im Rettungsdienst Politik in Rhein-Sieg will Kostenübernahme durch Patienten verhindern
Im Jahr 1939 traten die Nürnberger Gesetze in Kraft. Wir wollten Schneewittchen als neuen Film sehen, aber die Deutschen sagten, Juden dürften nicht mehr ins Kino. Ich habe geweint, und mein Vater sagte: ,Das macht nichts, nächstes Jahr wird auch noch Schneewittchen sein.' Er schenkte mir eine Schachtel mit Schneewittchen und den sieben Zwergen. Die stellte ich mir im Badezimmer auf, und so war ich ganz glücklich mit meinem eigenen Schneewittchen.

Lange Freundschaft: Eva Erben und Günther Jauch.
Copyright: Levi Dörflinger
Dann nahm man uns sukzessive alles weg: das Auto, die Villa, den Schmuck. Ich erinnere mich, wie meine Mutter alles in eine Schachtel legte, die mein Vater abgeben musste. Sogar meinen Kanarienvogel durften wir nicht behalten – meine Mutter ließ ihn in die Freiheit.
Ich habe nicht geweint. Wenn ich heute das Kind von damals mit den Augen einer 95-jährigen Frau sehe, sage ich: Dieses Kind war unglaublich. Wenn man wie eine Prinzessin lebt, alles da ist – und dann ist plötzlich alles weg, ohne Grund, einfach so, wie hat es das geschafft? Im Dezember 1941 kamen wir dann nach Theresienstadt. Ich war elf Jahre alt.“
... über ihre Erlebnisse in den Lagern: „Über Theresienstadt muss man nicht viel erzählen. Dort waren wir bis 1944. Theresienstadt war als Ghetto ganz anders als andere. Es waren viele Tschechen dort und viele deutsche Juden. Viele von ihnen waren Soldaten im Ersten Weltkrieg gewesen. Sie hatten ihre Auszeichnungen mitgebracht, die sie damals erhalten hatten. Sie kamen in dem Glauben, sie würden in eine Art Heim kommen. Sie fragten: ,Wo ist die Residenz?' Wir sagten: ,Unten im Keller.' Nicht viele sind am Leben geblieben.
1944 brach Typhus aus, und es gab den Warschauer Aufstand. Man begann, die Menschen wegzubringen – zuerst alle Männer. Wir glaubten wirklich, man baue ein neues Lager. Man konnte sich freiwillig melden, wenn man fahren wollte, und auch wir meldeten uns freiwillig. Es war kein Viehwaggon, sondern ein normaler Zug, die Fenster waren mit Holz vernagelt. Nach drei Tagen kamen wir in Auschwitz an. Meine Mutter sagte noch: ,Nein, das ist nicht für uns, das ist irgendein Lager mit lauter Hunden.'
Jemand hatte mir gesagt: Wenn man dich fragt, wie alt du bist, sage 18. Wir gingen in fünf Reihen, oben standen Leute, auch Dr. Mengele. Ich erlebte alles wie in Narkose, wie in einem Traum. Das normale Auschwitz-Leben begann. Etwa drei Wochen waren wir in Auschwitz. Wie durch ein Wunder überlebte ich die Selektionen und wurde für Außenarbeiten ausgesucht. Wir gruben Gräben gegen Panzer.
Ich hatte zwei linke Schuhe bekommen. Ich wollte von der Halde, auf der die Schuhe lagen, einen anderen suchen, aber der Mann, der dort war, schlug mir mit dem Gewehr zwei Zähne heraus. Ich blieb bei den zwei linken Schuhen, die auch noch viel zu groß waren. Am Ende ging ich barfuß, bis wir in das Außenlager Groß-Rosen kamen. Dort wohnten wir in einem Stall. Betten gab es keine.

Ein KZ-Nummernbuch mit den Namen Evas und ihrer Mutter.
Copyright: Eva Erben
Der Kommandant wirkte wie ein normaler Mann. Alle wirkten irgendwie ganz normal – nur eben in einem gewissen Sinne waren sie es nicht. Er fragte mich: ,Bist du ein Zögling?' Ich hatte keine Ahnung, sagte aber ,ja'. Ich sollte an der Seite warten. Ich hatte verstanden, ich sollte beim Kommandanten sauber machen. Das war ein Glück. Nach einer Stunde brachte mir der Kommandant ein Paar Schuhe. Mit diesen Schuhen machte ich den Todesmarsch.“
... über den Todesmarsch: „Wir liefen 700 Kilometer bis nach Zwodau. Dort starb meine Mutter. Von den 1000 Frauen lebten noch etwa 200. In der Nacht, in der meine Mutter starb, starben viele andere. Ich schlief ein, mir war schrecklich kalt. Der Raum war klein, es gab Streit. Ich schlich in eine Ecke und grub mich im Heu ein.
Als ich aufwachte, saß neben mir ein Junge und stupste mich an. Er prüfte, ob ich noch lebte. Er sprach Polnisch und sagte: ,Ah, du bist nicht tot.' Er brachte mir etwas Milch und sagte: ,Weg, schnell weg!' Er war kein Jude, sondern ein polnischer Junge, der auf einem Gut arbeitete.
Ich ging hinaus. Es war ungefähr fünf Uhr früh, der Himmel war voller Sterne, auf dem Boden lag noch Schnee, und ich sah viele Schneeglöckchen. Dann schlief ich wieder ein.
Ein deutscher Soldat schaute mich an und fragte: ,Was machst du da?' Ich sagte: ,Ich war in Auschwitz.' Er hatte überhaupt keine Ahnung. Er gab mir Kaffee, Zucker und Brot und teilte es mit mir.
Er sagte, es sei der 24. April, er sei Deserteur und wolle nach Hause. Ich kann ihn verstehen. Es war eine Begegnung, die zeigt, was Menschlichkeit ist. Er war ein Deutscher, ja, aber er war kein Nazi, kein Mörder. So sollte man erklären, was Menschlichkeit bedeutet.
Danach ging ich drei Tage lang allein durch den Wald. Dann traf ich zwei Jungen in meinem Alter. Sie fragten: ,Bist du aus dem Grab auferstanden?' Sie halfen mir. Ich hatte Durchfall, mir war schlecht. Sie sagten: ,Geh diesen Weg entlang bis zu einem Bach. Wir warten dort auf dich.' Ich ging den Weg entlang, da rief jemand: ,Halt!' Die Grenze wurde bewacht. Der Posten wollte wissen, was ich sei, und ich war sicher, er würde mich erschießen. ,Lass sie gehen, sie krepiert von alleine', sagte ein anderer.
Später wachte ich in einem Bett auf. Die Leute sagten, ich würde sterben. Ich hörte, wie sie überlegten, einen Arzt zu holen, aber der hätte sie an die Deutschen verraten. Dann kam eine alte Frau und brachte Milch. Sie versteckten mich und päppelten mich auf, bis der Krieg zu Ende war und die Amerikaner kamen.“
... über Adolf Hitler: „Ich habe das Tagebuch des Arztes von Adolf Hitler gelesen. Hitler war psychisch krank, ich bin mir sicher. Ein Junge fragte mich einmal, was ich tun würde, wenn ich heute Adolf Hitler treffen würde. Ich sagte, ich würde ihn nach Israel einladen. Ich würde ihm zeigen, dass es trotz allem hier ein Zuhause gibt – mit Kindern, mit einem normalen Leben. Ich würde ihm die Universitäten, die Krankenhäuser und die Geschäfte zeigen. Dann würden wir in ein schönes Restaurant gehen.
Die Kinder werden dann ganz unruhig und fragen, was ich denn mit Hitler machen würde. Dann sage ich, ich würde ihm sagen: ,Alles, was Sie hier gesehen haben, hat eine kleine Menge von Menschen erreicht, obwohl Sie versucht haben, sie zu töten. Sie haben Intelligenz getötet, auch eine, die Deutschland so viel geschenkt hat. Aber das, was geblieben ist, konnte schaffen, obwohl Sie so sehr versucht haben, das zu verhindern.'
Dann erst würde ich den Shabak rufen, also die Sicherheitskräfte, und sie würden sich weiter um ihn kümmern.“
... über ihre Zeit in Israel: „Als wir nach Ashkelon kamen, wohnten wir in einer Holzhütte. Es gab kein Wasser, keine Elektrizität und enorm viele Schlangen. Einmal ging ich morgens mit meinem Baby hinaus, da lagen vor der Tür lauter Äste. Ich wollte sie wegwerfen, und plötzlich krochen sie alle davon. So haben wir gelebt.
Die Bewässerung kam erst viel später, man baute für die Kinder. Gaza ist viel schöner als Ashkelon, das Meer ist dort besser. Es könnte ein Singapur sein. Warum nimmt man das nicht an? Es gibt so viele wunderbare Menschen.
Ich wohne bis heute in Ashkelon. Ich habe alle Raketen erlebt, aber keinen Bunker. Die Raketen kennen meine Adresse nicht, und in meinem Alter kann ich auch sterben.“
... über das Israel der Gegenwart: „Auch wenn das moderne Israel im Moment eine Regierung hat, die keine gute ist, sage ich: Das Rote Kreuz besuchte Theresienstadt 1943, um zu sehen, ob die Juden gut behandelt würden. Wir Kinder mussten zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein. Alle bekamen ein Stück Brot mit Sardinen – aber hineinbeißen durften wir erst, wenn die Delegation kam. Wir sollten sagen: ,Schon wieder Sardinen? Sie hängen uns schon zum Hals heraus.'
Das Rote Kreuz genehmigte alles, und die Transporte gingen weiter. Alle Kranken hatte man vorher nach Auschwitz gebracht. In Theresienstadt blieben nur jene, die noch halbwegs am Leben waren.
Deshalb ist es so wichtig, dass Israel existiert. Wir wollten ein sicheres Land für unsere Kinder. Wir sind nicht wegen der Religion gekommen und nicht wegen eines ,Heiligen Landes', sondern wegen der Sicherheit. Ohne Antisemitismus gäbe es kein Israel. Lasst uns leben in diesem kleinen Stück Land. Kommt, wer möchte – jeder ist willkommen. Aber lasst uns leben. Wir können uns sonst auf nichts verlassen, nicht einmal auf das Rote Kreuz.“
... über den Nahostkonflikt: „Nach dem Sechstagekrieg machten wir in Ashkelon ein Sommerlager für Kinder aus Gaza und aus Israel. Wir waren als Krankenschwestern in Gaza gewesen und waren schockiert über Hunger und Ödeme. Wir nahmen 60 Kinder aus Gaza und 60 Kinder aus Israel auf. Ich war für das Essen zuständig. Wir badeten, alles war gut, und wir glaubten, wir hätten etwas für den Frieden getan.
Die Kinder kehrten mit rosigen Wangen zurück, alle waren zufrieden – aber später gerieten sie wieder unter die Kontrolle der Hamas. Kinder werden falsch erzogen. So darf man Kinder nicht erziehen.
Im Krieg jetzt ließ die Hamas die Menschen nicht fliehen, damit man Israel später vorwerfen konnte, dass Zivilisten ums Leben gekommen seien. Ich war Krankenschwester in Ashkelon. Ich habe Hunderte Kinder mit zur Welt gebracht, auch aus Gaza. Alles, was ein bisschen schwieriger war, kam zu uns. Wir waren Freunde. Aber wenn die Frauen zurück waren in Gaza, endete der Kontakt. Die Hamas hat es nicht zugelassen.“
... über Deutsche: „Vierzig Jahre lang habe ich kein Deutsch gesprochen. Ich wollte nichts Deutsches mehr sehen. Aber mein Mann war sehr klug. Einmal nahm er zwei junge Touristen mit nach Hause. Sie waren stundenlang in der Sonne gestanden, ohne Wasser. Er brachte sie mit.
Es waren zwei deutsche Jugendliche, 18 Jahre alt. Sie blieben drei Tage. Da wurde mir klar: Was können diese Kinder dafür? Sollte ich sie hinauswerfen? Nein. So begann ich wieder, Deutsch zu sprechen – und wieder Deutsch zu lesen. Ich wollte all die Bücher wieder lesen, die wir früher zu Hause hatten.“
... über Günther Jauch: „Mein bester Freund in Deutschland ist Günther Jauch. Wir hörten sein Programm in Israel, und einmal gab es darin einen Fehler. Mein Mann schrieb einen sehr scharfen Brief, und ich fügte hinzu, dass er bei einem Besuch im Heiligen Land eine Tasse Kaffee bei uns bekommen würde.
Drei Wochen später rief Günther Jauch an und fragte, ob das Angebot noch stehe. Eine Woche später war er da. Ich wusste nicht, wie man solche Menschen bewirtet, also kochte ich Hühnersuppe. Sie blieben bis zwei Uhr nachts. Sie kamen auch zur Beerdigung meines Mannes.
Wenn ich religiös wäre, würde ich sagen, das war ein Geschenk des Himmels. Günther hat mich ein bisschen geheilt. Nicht alle waren Mörder.“


