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In Russlands Händen?Wie erpressbar Deutschland beim Gas ist

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Gas Pipeline Nord Stream

 Blick auf Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 

  1. Russland dreht Polen und Bulgarien den Hahn zu und droht auch anderen Ländern mit Lieferstopps.
  2. Die Bundesnetzagentur sieht die Versorgung Deutschlands zwar vorerst gesichert, Verbraucherschützer raten aber zum Energiesparen.

Russland liefert kein Erdgas mehr nach Polen und Bulgarien. Was bedeutet das für Deutschland? Ein Überblick.

Bezieht Deutschland noch Erdgas aus Russland?

Ja, vor allem durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1. Lag der Anteil russischer Gaslieferungen in Deutschland 2021 bei 55 Prozent, liegt er laut Wirtschaftsministerium zurzeit bei 35 Prozent. Bis zum Jahresende soll er auf etwa 30 Prozent gesenkt werden, vor allem durch den Kauf von verflüssigtem Erdgas (LNG). Bis Sommer 2024 hält die Bundesregierung einen weiteren Rückgang des Anteils auf 10 Prozent des Verbrauchs für möglich.

Ist die Gasversorgung in Deutschland gesichert?

Es kommt darauf an, welchen Zeitraum man betrachtet. „Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist derzeit gewährleistet“, sagt die Bundesnetzagentur. In einem Bericht des Wirtschaftsministeriums an den Bundestag von gestern ist allerdings die Rede von einer „akuten Gefahr, dass die Situation weiter eskaliert und russische Gaslieferanten ihre vertraglichen Verpflichtungen nicht oder nur eingeschränkt erfüllen“. Dies wäre für die Gasversorgungslage in Deutschland kurz- bis mittelfristig kritisch.

Gas-Pipelines

Warum verzichtet die Regierung nicht auf russisches Erdgas?

Die Bundesregierung befürchtet weitreichende Folgen. Kanzler Olaf Scholz (SPD) hat mehrfach deutlich gemacht, dass aus Sicht Berlins in einem solchen Fall ganze Industriezweige in Deutschland bedroht seien. Das Wirtschaftsministerium rechnet bei einem Lieferstopp mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung.

Was passiert, wenn die Exporte nach Deutschland ausbleiben?

Dann würde die höchste Stufe des Notfallplans Gas in Kraft gesetzt, die Notfallstufe. Die Netzagentur würde dann das knapp gewordene Gas verteilen. Bestimmte Verbrauchergruppen sind gesetzlich besonders geschützt und möglichst bis zuletzt mit Gas zu versorgen. Dazu gehören Haushalte und soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser, aber auch Gaskraftwerke, die gleichzeitig Wärme liefern oder für die Stromerzeugung nötig sind. Die erste Stufe des Notfallplans wurde Ende März in Kraft gesetzt. Seitdem behält ein Krisenteam aus Experten von Energieversorgern und Behördenvertretern die Versorgungslage im Blick, fast täglich. Gleichzeitig erhebt die Netzagentur Daten , um im Notfall Liefermengen verringern zu können.

Welche Rolle spielen die Gasspeicher in Deutschland?

Die Gasspeicher gleichen Schwankungen beim Gasverbrauch aus und bilden damit eine Art Puffersystem für den Gasmarkt. Für gewöhnlich sind die Speicher mit Beginn der Heizperiode im Herbst gut gefüllt. Bis zum Frühjahr nehmen die Füllstände ab. Nachdem die Speicher im vergangenen Winter zeitweise historisch niedrige Füllstände aufwiesen, sollen sie im kommenden Winter deutlich besser gefüllt sein. Ein neues Speichergesetz schreibt dies vor. Es soll dafür sorgen, dass sie am 1. Dezember zu 90 Prozent gefüllt sind. Am Montag lag der Füllstand bei 33,5 Prozent, Tendenz steigend.

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Wie hat der Energiemarkt auf die Gaslieferstopps reagiert?

Auf dem europäischen Markt gelten die Preise am Handelspunkt Dutch TTF als richtungsweisend. Der Gas-Preis im Mai sprang dort gestern um rund 16 Prozent auf 115 Euro je Megawattstunde. Am Nachmittag lag er bei gut 107 Euro. Zum Vergleich: Anfang März kletterten die Preise bis auf 212 Euro.

Welche Folgen könnte das für die Verbraucherpreise haben?

„Weitere Preissteigerungen für die Haushalte sind vorprogrammiert, auch bei stagnierenden Preisen“, sagt der Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Udo Sieverding. Verbrauchern rät er, Kosten zu senken: „Energie sparen, was das Zeug hält.“ Wer könne, solle den Sommer nutzen, um den Verbrauch im Winter zu reduzieren, etwa Heizungsrohre dämmen oder Fenster abdichten. Mietern empfahl er, schon mal Geld für die erwartbar große Nachzahlung beiseitezulegen. „Es kann auch sinnvoll sein, schon unterjährig die Abschläge zu erhöhen.“

Wie viel Geld fließt für Energie aus Deutschland nach Russland?

Das lässt sich nicht klar beziffern. Für 2021 gibt die Bundesregierung an, dass für Öl, Kohle und Gas täglich im Schnitt rund 61 Millionen Euro nach Russland flossen. Nach Schätzungen des Ökonomen Simone Tagliapietra vom Wirtschaftsinstitut Bruegel gab die EU Anfang April täglich 15 Millionen Euro für Kohle aus Russland aus, etwa 400 Millionen Euro für russisches Gas sowie 450 Millionen Euro für Öl.

Wie bewertet die NRW-Politik die Lage?

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) sieht die Versorgung in Deutschland im Moment gewährleistet. Allerdings trifft vor allem die Wirtschaft Vorkehrungen: „Viele Industriebetriebe in NRW stellen ihre Anlagen, soweit möglich, auf alternative Brennstoffe um“. Zudem erhöhen die Unternehmen seinen Worten nach mit Unterstützung des Landes die Anstrengungen zum effizienteren Einsatz von Energie. Einen Verzicht auf Gas aus Russland sieht Pinkwart zum jetzigen Zeitpunkt kritisch. „Bei Sanktionen gibt es den guten Grundsatz, dass man sie durchhalten können muss und dass sie den Adressaten härter treffen als einen selbst“, erläutert der Minister. Ein Lieferstopp würde Deutschland und die Industrie in NRW derzeit stark treffen. „Deshalb sprechen wir uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt gegen ein Gasembargo aus und unternehmen alles, um die Abhängigkeit vom russischen Gas schnell und nachhaltig zu reduzieren“, sagte Pinkwart. (dpa/tb)