- Seit 5 Jahren ist er Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken: Prof. Thomas Sternberg.
- Benjamin Lassiwe sprach mit ihm über die Situation im Kölner Erzbistum, den ZdK-Umzug von Bonn nach Berlin und den Ökumenischen Kirchentag im Mai in Frankfurt.
Köln – Herr Prof. Sternberg, wie bewerten Sie die momentane Situation im Erzbistum Köln?Die Lage ist dramatisch. Sehr viele Gläubige aus dem Erzbistum Köln berichten mir von ihrer extremen Verärgerung. Sie hat zwei Gründe: Da ist einmal die Frage des Umgangs mit der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Da ist aber auch die Empörung über die pastoralen Veränderungen im Erzbistum, das ja vorhat, pauschal 90 Prozent der Pfarreien aufzulösen. Beides führt zu massiver Verärgerung an der Basis. Man fühlt sich alleingelassen vom Erzbistum, das damit beschäftigt ist, die selbst produzierten Skandale um die versprochene Transparenz bei der Aufarbeitung in den Griff zu bekommen – und gleichzeitig immer wieder selbst Anlass zu neuen, berechtigten Aufregungen bietet.
Welche Bedeutung hat das für die katholische Kirche in Deutschland insgesamt?
Ich würde die Rolle des Erzbistums Köln nicht überbewerten. Es ist eines von 27 Bistümern, kein unwichtiges, aber auch nicht das Wichtigste. Aber es stimmt: Durch grobe Fehler in der Aufarbeitung in Köln werden auch all diejenigen Bistümer zurückgeworfen, die dieses Thema mit größerer Konsequenz angehen.
Was muss aus Ihrer Sicht passieren?
Der einzig mögliche Weg in so einem Desaster ist absolute und völlige Transparenz. Am besten geht man mit allem ganz offen um und lässt überall völlige Einsicht zu. Ich bin sicher, die Lage wird sich klären, wenn alles transparent und offen auf dem Tisch liegt. Wenn sich dann herausstellen sollte, dass massive Fehler gemacht worden sind, muss die Übernahme persönlicher Verantwortung und auch ein Rücktritt eine mögliche Konsequenz sein, so wie das Kardinal Woelki selbst einmal formuliert hat.
Warum sollten Katholiken eigentlich noch in ihrer Kirche bleiben?
Ich glaube, es dürfte auch anderen so wie mir ergangen sein: Über Weihnachten habe ich wieder erfahren, wie wichtig Glaube und Liturgie sind. Zum Glück sind nicht überall die Gottesdienste abgesagt worden. Ich selbst habe die Taufe meiner Enkelin erleben dürfen; ohne anschließende Feier und unter Coronabedingungen. Da habe ich gemerkt, wie schön und wichtig unsere Kirche ist. Aber ihre Heiligkeit zeigt sich nicht vor allem in der violetten Farbe. Ihre Heiligkeit – so hat es Papst Franziskus formuliert – zeigt sich im Alltag des christlichen Lebens. Da ist Kirche, und für diese Kirche lohnt es sich, sich einzusetzen. Und da werden künftig notwendigerweise die Gläubigen das kirchliche Leben selbst organisieren. Auch solche Fragen werden in dem so wichtigen „Synodalen Weg“ diskutiert.
Zur Person
Thomas Sternberg, Jahrgang 1952, ist ehemaliger Landtagsabgeordneter in NRW. Er war unter anderem Mitglied des Kulturausschusses im Rat der Stadt Münster und Sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages. Sternberg ist seit 1974 Mitglied der CDU. (EB)
Das ZdK hat angekündigt, von Bonn nach Berlin zu ziehen. Wie ist da jetzt eigentlich der Stand?
Wir werden am 1. Januar 2022 unser Büro in Berlin eröffnen. Das steht jetzt fest. Wir werden am Prenzlauer Berg in von einer Pfarrei gemietete Räume ziehen. In Bonn bleiben dann noch einige Mitarbeiter, die von dort den Katholikentag 2022 in Stuttgart durchführen werden.
Im Mai plant das Zentralkomitee zusammen mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag den dritten Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt. Was genau wird da stattfinden?
Es wird ein digitales Ereignis werden, das am 14. Mai in Frankfurt eröffnet wird, bis zum 16. Mai dauert und bereits mit der Übertragung eines ökumenischen Gottesdienstes an Christi Himmelfahrt einsetzt. Am Samstag, dem 15. Mai wird es gestreamte Foren und Kulturveranstaltungen geben, außerdem konfessionelle Gottesdienste am Abend, zu denen die Angehörigen der jeweils anderen Konfession eingeladen werden. Im Abschlussgottesdienst am Sonntag wird die gemeinsame Sendung von Christen im Mittelpunkt stehen. Wir haben die große Hoffnung, dass das nicht nur ein digitales Ereignis wird, sondern dass vor allem die Gottesdienste in den Gemeinden vor Ort, auch in Bonn und Umgebung, mit- und nachgefeiert werden. Wir haben die Hoffnung, dass der „ÖKT-anders“ ein ökumenisches Zeichen setzen kann.
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Können von Online-Gottesdiensten denn überhaupt ökumenische Signale ausgehen?
Die Gottesdienstformulare werden gedruckt an die Gemeinden versandt. Und auch für die Diskussionen habe ich die große Hoffnung, dass sie vor Ort durch eigene Veranstaltungen ergänzt werden und überall in Deutschland etwas vor Ort passiert. Denn eine Übertragung ersetzt keinen Kirchentag. Die Stadt Frankfurt hat uns sehr enge Grenzen gesetzt und wir se hen keine andere Möglichkeit als die Digitalisierung.


