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Kommentar

Vier Jahre russisch-ukrainischer Krieg
Überlebenskampf einer Demokratie

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2 min
04.04.2022, Ukraine, Butscha: Die 57-jährige Tanya Nedashkivs'ka trauert um ihren Mann, der in Butscha am Stadtrand von Kiew getötet wurde. Angesichts der schockierenden Gräueltaten in der ukrainischen Stadt Butscha bereitet der Westen schärfere Sanktionen gegen Russland vor. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein Bild aus den ersten Monaten des Krieges: Eine ukrainische Frau trauert im April 2022 um ihren Mann, der von den russischen Besatzern beim Massaker im Kiewer Vorort Butscha getötet wurde.

Seit vier Jahren wehrt sich die Ukraine gegen die russische Invasion. Warum das ein Lehrstück auf für Deutschland ist.

Er brauche Munition und keine Mitfahrgelegenheit, soll der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 24. Februar 2022 gesagt haben, als die USA ihm anboten, ihn ins Exil zu bringen. Das mag wie manches historische Bonmot nachträglich zugespitzt worden sein, aber es fasst die Einstellung nicht nur Selenskyjs, sondern auch vieler seiner Mitbürger treffend zusammen: Während westliche Regierungen konsterniert den russischen Einmarsch verfolgten, nahmen die Ukrainer die Dinge in der Hand. Schon an den ersten beiden Kriegstagen schufen sie mit der Verteidigung des Flughafens Hostomel, Brückensprengungen, gezielten Flutungen und der Liquidierung eines auf Selenskyj angesetzten Mordkommandos wesentliche Voraussetzungen für ihren Sieg in der Schlacht um Kiew.

Ukrainer treiben den Westen an

Nein, es sind nicht westliche Regierungen, die die Ukraine in den Widerstand gegen Russland treiben, wie putinistische Trolle behaupten. Es sind vielmehr die Ukrainer, die den Westen wieder und wieder antreiben. Waffen einfordern. Und Munition.

Selenskyj macht das teilweise penetrant. Der ukrainische Widerstand ist aber keineswegs nur eine Sache seiner Anhänger. Und er ist nicht durch nationale Folklore motiviert, sondern die große Mehrheit der ukrainischen Bürgerinnen und Bürger, zivil oder in Uniform, kämpft um den Bestand ihres demokratischen Staats. Nach außen – gegen die russische Aggression – und nach innen. Während des Kriegs richteten sich Massendemonstrationen gegen Selenskyjs Regierung, die Fehler bei der Korruptionsbekämpfung beging. Wo es in Russland Fensterstürze gibt, arbeiten in der Ukraine Ermittler und Gerichte Korruptionsfälle rechtsstaatlich auf.

Was wir Deutschen uns fragen müssen

Wir Deutschen müssen uns fragen, ob wir bereit wären, unsere Demokratie auch nur mit einem Bruchteil des Engagements zu verteidigen, das wir in der Ukraine sehen. Aktuell bindet die ukrainische Armee große Teile der russischen Streitmacht, und die Nato-Abschreckung funktioniert. Funktioniert sie auch noch in fünf oder zehn Jahren? Was wollen wir dafür ausgeben und auf uns nehmen? Was tun wir gegen die sich im Inneren aufbauende Bedrohung unserer Demokratie?

Vier Jahre nach dem russischen Überfall gebührt den Menschen in der Ukraine unser tiefster Respekt. Unter extremen Bedingungen und dem Druck grauenhafter russischer Kriegsverbrechen zeigen sie uns Tag für Tag, was eine streitbare Demokratie ist. Streitbar nach innen wie nach außen.