Interview

Chinesischer Manager Hui Zhang
Sollte die EU bei den Strafzöllen hart bleiben?

Lesezeit 4 Minuten
China, Hefei: Techniker arbeiten an einer Fahrzeug-Produktionslinie in der Produktionsstätte des Autoherstellers NIO in Hefei in der ostchinesischen Provinz Anhui.

China, Hefei: Techniker arbeiten an einer Fahrzeug-Produktionslinie in der Produktionsstätte des Autoherstellers NIO in Hefei in der ostchinesischen Provinz Anhui.

Die Eskalation ist abgewendet, zumindest vorerst: Brüssel und Peking wollen im Streit um E-Auto-Zölle miteinander verhandeln. Der Europa-Chef des chinesischen Autoherstellers NIO begrüßt das – und spricht über die Zukunft der Elektromobilität.

Ist es einfacher, den Akku von E-Autos zu wechseln, statt aufzuladen? Was sich verrückt anhört, ist das Geschäftsmodell des chinesischen Autobauers NIO. Angeblich gehe das „blitzschnell“. Und in China habe man auch schon einen 1000-Kilometer-Akku im Angebot. Das sagt Europa-Chef Hui Zhang jedenfalls im Interview mit Tobias Schmidt.

Herr Zhang, auch wenn nun verhandelt werden soll, droht die EU damit, wegen Subventionen Strafzölle auf E-Autos aus China zu erheben. Wie viel Geld erhält NIO vom Staat?

NIO exportiert seit Oktober 2022 Elektroautos nach Europa. Wir arbeiten eng mit den europäischen Behörden zusammen und erfüllen alle Auflagen. Zu den drei chinesischen Autobauern, die von der EU-Kommission genau untersucht wurden, gehören wir nicht.

Wären Strafzölle wirklich unfair?

Ich glaube an zwei Dinge: Technologieoffenheit und offene Marktzugänge; freier Handel für die Welt. Das hilft allen Unternehmen, ob in Europa oder China. Ohne freien Handel kann sich die Industrie nicht optimal entwickeln. Und Frau von der Leyen hat sich in ihrer ersten Amtszeit sehr für die grüne Transformation stark gemacht, um die CO2-Emissionen zu senken und so das Klima zu schützen. Ob Strafzölle dem Hochlauf der Elektromobilität in Europa dienen, darf hinterfragt werden.

Auch die Einschränkungen für Verbrenner in der EU ab 2035 sollen die grüne Transformation beschleunigen. Nach der Europawahl könnten sie aufgehoben oder verschoben werden. Wie sehen Sie diese Diskussion?

NIO stellt ausschließlich Elektroautos her. Und wir sind überzeugt, dass smarte E-Fahrzeuge die Zukunft der Mobilität sind. Aber die Menschen tun sich noch aus verschiedenen Gründen schwer, von Diesel- oder Benzin-Fahrzeugen auf Stromer umzusteigen: die Sorge, keine Ladesäule zu finden. Die Reichweite. Die höheren Preise für E-Autos. Sollte die EU ihre bereits beschlossenen Einschränkungen für Verbrenner kippen oder verschieben, würden sich noch weniger Kunden für Elektrofahrzeuge entscheiden. Das wiederum würde das Erreichen der CO2-Minderungsziele der EU aus ihrem „Fit for 55“-Programm erheblich erschweren.

Wird das Elektroauto in China den Verbrenner-Motor auch ohne Verbot in absehbarer Zeit ablösen, oder wird es auch auf Ihrem Heimatmarkt auf ein womöglich jahrzehntelanges Nebeneinander hinauslaufen?

Die Zahlen sind eindeutig: Im April dieses Jahres wurden in China mehr Autos mit alternativen Antrieben verkauft als Diesel oder Benziner. Das war ein wichtiges Signal: Die Verkehrswende vollzieht sich viel schneller als erwartet. Bis wann der Verbrenner vollkommen verschwindet, kann niemand voraussagen. Aber der Trend ist doch sehr deutlich erkennbar.

Die Spezialität von NIO ist der Akku-Tausch in sogenannten Swap-Stationen. Warum tauschen statt aufladen?

Die Vision von NIO war es von Beginn an, nicht einfach noch ein Autobauer zu werden, sondern den Menschen das Leben so angenehm und bequem wie möglich zu machen. Was beim Fahren mit E-Autos nerven kann, sind lange Ladevorgänge. Der Batterie-Wechsel binnen drei Minuten dauert nicht länger als ein normaler Tankvorgang. Es ist unsere Philosophie, dass niemand dafür bestraft werden sollte, auf ein batteriebetriebenes Auto umzusteigen. Das muss genauso bequem sein wie ein Auto mit Verbrenner-Motor. Und wir haben inzwischen mehr als 2400 Stationen zum Batteriewechsel in Betrieb genommen, und es wurden schon mehr als 45 Millionen Batterien gewechselt – zusätzlich übrigens zu 22000 Ladepunkten, die wir in China aufgestellt haben. Wir haben es damit geschafft, dass man inzwischen überall elektrisch fahren kann, wo man bisher nur mit einem Diesel oder Benziner hingekommen ist.

In Deutschland scheint der Weg dahin noch weit…

Wir haben in Deutschland inzwischen 15 Batteriewechselstationen, europaweit sind es 43. Und natürlich erweitern wir unser Netz ständig. Genaue Zahlen kann ich nicht nennen, denn das hängt von vielen Faktoren ab, die nicht in unserer Hand liegen. Die Genehmigungsprozesse in Deutschland dauern sehr lange, die Bürokratie ist ein großes Hindernis!

Was kostet der preiswerteste NIO in Deutschland?

Der NIO ET5 Touring, übrigens die einzige vollelektrische Kombi-Limousine, kostet um 50000 Euro, inklusive Batterie-Service.

Warum bieten Sie kein erschwingliches E-Auto an?

Mit unserer Kompaktwagen-Marke Firefly kommen wir Anfang des kommenden Jahres nach Europa. Die Fahrzeuge werden deutlich günstiger.

Wird es eigentlich auch bei den Akkus in nächster Zeit noch Sprünge geben, oder ist die Technologie schon weitgehend ausgereizt?

Wir entwickeln die Akkus ja selbst, und wir werden schon bald in neue Dimensionen vorstoßen. In China haben wir schon Autos mit einem 150-kW-Akku auf der Straße, mit denen man mehr als 1000 Kilometer weit fahren kann. Und die Preise für eine Kilowattstunde Batterieleistung werden weiter sinken. Die Entwicklung ist noch lange nicht am Ende.

Nachtmodus
Rundschau abonnieren