LiebesbrauchBonner Brüder machen aus Maibaum-Tradition ein Geschäftsmodell

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Silas (links) und Jonathan Kolb.

Silas (links) und Jonathan Kolb übernehmen mit ihrem Team das Gestalten und Aufstellen von Maibäumen.

Für jede Liebe der passende Baum: Zwei Brüder schmücken und stellen Maibäume auf. Damit haben sie sich ein lukratives Geschäft aufgebaut.

Ob Dienstreise, Fernbeziehung oder drei Freundinnen gleichzeitig: Gründe, in der Mainacht keinen Baum aufstellen zu können, gibt es reichlich. Und wer jemals einen Baum von Spich nach Uckerath bringen musste, ist über jede näher gelegene Verkaufsstelle froh.

Brüder organisieren jedes Jahr Maibaum-Verkaufsstände

Die Brüder Silas und Jonathan Kolb aus Bonn-Geislar haben aus der Not ein Geschäftsmodell entwickelt: An ihrem Elternhaus in der Hammstraße und in der Region organisieren die beiden jedes Jahr mehrere Verkaufsstellen.

Wer nicht selbst vorbeikommen kann, für den bieten sie den „Maibaum-Express“ an. Ihre Mitarbeiter stellen fertig geschmückte Maibäume mit entsprechendem Herz am Haus der Angebeteten auf. „Wir tun so, als wäre es unsere Freundin“, lautet das Qualitätsversprechen.

„Angefangen hat das 2015, als ich meine erste Freundin hatte“, erzählt Jonathan Kolb (25). „Wir hatten da ein paar Bäume und in der Schule hat sich das herumgesprochen. So hat sich die Zahl jedes Jahr verdreifacht.“

Auf die Mainacht bereiten sich die Brüder das ganze Jahr vor

2019 lieferten die beiden Brüder ihren ersten Baum aus. „Uns rief einer an, der in Düsseldorf lebte und für seine Freundin einen Maibaum brauchte. Die wohnte irgendwo hinter Köln. Es war drei Uhr morgens und wir mussten um 5 Uhr zum Flughafen fahren, weil wir zu einer Hochzeit fliegen wollten – aber wir haben es gemacht“, sagt Kolb. Der Mann zahlte einen stattlichen Preis – und die Brüder professionalisierten ihren Lieferdienst.

All das nebenberuflich: Simon Kolb studiert Architektur und arbeitet in der Firma für Flugkurierdienste, deren Geschäftsführer Jonathan ist. Und doch bereiten sie sich das ganze Jahr auf diesen einen Tag Ende April vor. „Es gibt keinen Monat, in dem wir nicht darüber sprechen“, so der 22-Jährige. Im Keller lagern Kartons mit Tütchen voller Kreppband, 1500 Stück mit je 20 Rollen. „Die habe ich alle über den Winter gefüllt“, sagt er.

„Wir haben einen Schreiner beauftragt, dessen Mitarbeiter drei Monate lang nur Herzen für uns zusägt“, sagt Jonathan Kolb. Ganze Nachmittage habe Silas damit verbracht, sie zu lackieren. Mit einer speziellen Maschine werden die Namen der Damen aufgedruckt.

„Müssen aufpassen, dass die Anna nicht versehentlich zu Lena wird“

Bis ins Jahr 2023 entwickelte sich ihr Geschäft stetig weiter. Ihre Bäume, alle sechs bis acht Meter groß, erhalten sie von einem Landwirt aus der Eifel. Von 300 Birken im Vorjahr soll der Vorrat der Brüder nun auf 1000 Stück anwachsen.

Weil die Zahl der Bestellungen im vergangenen Jahr so groß war, haben die beiden Transporter gemietet und beschäftigen Mitarbeiter, die in der Mainacht in sechs Zweierteams unterwegs sein werden.

„Einer fährt, der andere plant auf dem Laptop die Route. Wir stellen außerdem Krepp, Verpflegung und eine Säge zur Verfügung, weil man immer irgendwo etwas kürzen muss“, sagt Silas Kolb. „Manchmal begegnen sich die Teams auf ihrer Tour – auf jeden Fall ist das eine Riesengaudi“, ergänzt sein Bruder.

„Man muss da wirklich konzentriert bleiben – wir kennen das Haus der Freundin ja nicht und müssen aufpassen, dass die Anna nicht versehentlich zu Lena wird“, sagt er.

Außerdem riefen sie ihre Kundinnen und Kunden einige Tage vor der Mainacht noch einmal an. „Bei hundert Leuten gibt es immer zwei bis drei, die sich gerade getrennt haben oder den Baum als Entschuldigung aufstellen wollen.“

Jonathan Kolb stellt seiner eigenen Freundin keinen Maibaum

Doch hat ein Maibaum, der nicht selbst gestellt wurde, noch etwas mit Tradition zu tun? Schließlich sind es gerade die Kolbs, die den Brauch kommerzialisieren. „Was ist mit dem Rollstuhlfahrer, der selbst keinen Baum stellen kann? Wenn man im Urlaub oder beruflich eingespannt ist?“, entgegnet Jonathan Kolb auf diese Frage. „Wir glauben eher, dass ohne uns viel weniger Bäume aufgestellt werden würden – wir sind ein Katalysator für die Tradition. Und wer selbst einen stellen will, kann ihn ja immer noch hier kaufen.“

Der Komplettservice hat auch seinen Preis: 247 Euro verlangen die Brüder für das temporäre Grüngewächs an der Regenrinne. „Davon sind die Hälfte Steuern und wir müssen ja auch unsere Mitarbeiter bezahlen. Nur so bleibt am Ende etwas übrig“, sagt BWL-Absolvent Jonathan Kolb.

Seiner eigenen Partnerin will er keinen Baum stellen: „Die hilft kräftig mit, da wäre die Überraschung weg – Leute, die Pralinen herstellen, können die wohl auch nicht mehr sehen.“


So funktioniert der Maibaum-Komfort

Mit ihrem „all-inclusive Service decken die Brüder das gesamte Kreisgebiet ab. Die Lieferung zur Wunschadresse erfolgt in der Mainacht zwischen 22 Uhr abends und 7 Uhr in der Früh.

Vor Ort wird am Maibaum das Herz befestigt, danach wird er mit buntem Krepppapier geschmückt.

Um die Bäume möglichst effektiv gegen Wind und Wetter zu schützen, werden sie mit Spanngurten gesichert. Nach getaner Arbeit erhält der Auftraggeber ein „Beweisfoto“ vom fertig geschmückten Maibaum auf sein Handy.

Der Maibaum-Lieferservice kann auf der Internetseite der Brüder gebucht werden. Die genauen Preise variieren je nach Lieferort und Größe des Baums. Alternativ können die Bäume auch tagsüber nach Hause geliefert werden, damit sie selbst aufgestellt werden können. (cfs) 

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