Fußball-WM zeigen?Auch die Gastronomie ist gespalten

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FC-Fan Athanasios Anagnostou zeigt in seiner Kneipe die WM-Spiele aus Katar auf einer großen Leinwand.

Will alle Spiele zeigen: Athanasios Anagnostou, Gastgeber im Lokal „Zum letzten Groschen“ in Bornheim.

Übertragen hiesige Fußball-Kneipen und Sportsbars die gerade gestartete WM in Katar? Michael Sachse hat in der Gastro-Szene einmal nachgefragt.

Sobald sich Fußball-Großereignisse ankündigen, ist die Vorfreude in der Regel garantiert. Doch von positiver Stimmung ist gegenwärtig wenig zu spüren. Die Weltmeisterschaft in Katar hat begonnen, aber in den Kneipen und Sportsbars rechnet niemand mit einem Ansturm der Fans. Die Jahreszeit, die Menschenrechtssituation und die Arbeitsverhältnisse im Gastgeberland sowie die Umstände über die Vergabe des Turniers bestimmen die Diskussion und lassen keine Euphorie aufkommen.

Deshalb bleiben die Leinwände vielerorts schwarz, in manchen Lokalen wird noch abgewartet, wie das Turnier verläuft und ob sich der Zuspruch der Fans noch steigern wird. Nur wenige Gastronomen sind entschlossen, sämtliche Spiele zu zeigen.

Für Athanasios Anagnostou, den Gastgeber im Lokal „Zum letzten Groschen“ in Bornheim, sind die Übertragungen von Sportveranstaltungen unverzichtbar. Er hat nicht nur Sky und DAZN abonniert, sondern bietet darüber hinaus auch die Übertragung weiterer Sport-Events an, die über Magenta TV und RTL plus zu verfolgen sind. „Wir sind eine Sportkneipe und können uns nicht erlauben, die Weltmeisterschaft zu ignorieren“, sagt Anagnostou. Er betreibt das Lokal seit mehr als 20 Jahren und ist selbst total fußballverrückt.

Das bedeutet jedoch nicht, dass er die Augen vor den kritischen Begleitumständen dieser WM verschließt.  Die Verantwortung, dagegen zu protestieren, sieht er jedoch bei anderen: „Das ist Aufgabe unserer Regierung oder des DFB. Wenn die deutsche Mannschaft allerdings trotz aller Bedenken nach Katar fliegt und am Turnier teilnimmt, wollen wir uns nicht ausklinken“, hat Anagnostou entschieden. Er beabsichtigt, sämtliche Spiele zu zeigen, sofern die Besucher interessiert sind. Trotzdem wird nicht alles so sein wie bei vorhergehenden Turnieren. „Ich verzichte darauf, das Lokal mit Fähnchen oder Trikots zu schmücken. Auch unser sonst übliches Tippspiel fällt dieses Mal aus“, erklärt der Wirt.

Partien laufen im Hintergrund

Anders sieht es bei Stephan Kempf in der Roisdorfer Marktschänke aus. Dort werden die Partien gar nicht oder allenfalls im Hintergrund laufen. Die Öffnungszeiten auszudehnen wie bei vorangegangenen Welt- oder Europameisterschaften, kommt in diesem Jahr nicht infrage. Den weitgehenden Verzicht begründet der Gastwirt aber nicht nur mit der Menschenrechtssituation im Land des Gastgebers, sondern auch mit dem Timing.„Wenn zu den sonstigen Gästen noch Fußballfans kommen, wird es bei uns zu eng. Ein solches Event kollidiert zu dieser Jahreszeit mit dem laufenden vorweihnachtlichen Betrieb“, sagt Kempf.

Ähnlich schätzt Salah Cheko die Situation ein. Eine Fußball-WM zur Vorweihnachtszeit sei unpassend, so der Chef des Buena Vida Havanna in Bonn-Poppelsdorf. Während sich das Geschehen bei sonstigen Fußballgroßereignissen auf der Terrasse an der Clemens-August-Straße abspielt, müssten sich die Fans bei dieser WM im Lokal vor dem Bildschirmen drängeln. Das kollidiere mit dem Weihnachtsgeschäft. Ein weiteres Problem sei die angespannte Personalsituation.

Lange überlegt

.Zusätzliche Resonanz durch viele Fußballfans könnte die Belegschaft überfordern. Deshalb werden zunächst nur die drei Vorrundenspiele mit deutscher Beteiligung gezeigt. Wie es anschließend weitergeht, ist noch offen. Cheko geht jedoch davon aus, dass auch ab dem Achtelfinale nur ausgewählte Partien gezeigt werden. Im Zebulon gegenüber dem Uni-Hauptgebäude hat die Belegschaft lange gerätselt, wie mit dieser WM umzugehen ist.

Es herrscht immer noch Unsicherheit darüber, wie hoch das Interesse der Gäste an dieser WM sein wird, auch wenn das Stammpublikum überwiegend fußballbegeistert ist. Wegen des Turniers früher als üblich zu öffnen, ist jedenfalls nicht geplant. Deshalb werden zunächst alle Spiele ab 16 Uhr gezeigt.

Für Bruno Ferrari ist ein Leben ohne Fußball im Grunde undenkbar. Der eingefleischte FC-Fan verpasst kaum ein Spiel. In seiner Osteria Vicentina gehört die Übertragung von Fußballspielen genauso dazu wie der Verzehr einer knusprigen Pizza. Doch während der WM in Katar ist alles anders. „Ich boykottiere die WM, und das hat nichts damit zu tun, dass sich mein Heimatland Italien nicht qualifiziert hat“, versichert Ferrari. „Der entscheidende Grund ist, dass ich die Fifa für korrupt halte und die Umstände der Vergabe dieser Weltmeisterschaft für mich vollkommen inakzeptabel sind.“

Mehrheitlich skeptisch

Diese Haltung teilt auch Stefan Kievernagel aus dem Namenlos in der Bonner Altstadt. „Wir werden kein Spiel übertragen“, sagt er. Diese Entscheidung sei eine logische Konsequenz aus den Diskussionen mit den Gästen als auch im Kreis der Belegschaft. Ingo Pieper, der die Kneipe „Beim Piepsch“ in Hemmerich leitet, gibt sich ebenso zurückhaltend. „Unsere Gäste stehen der WM in Katar mehrheitlich skeptisch gegenüber. Deshalb bleiben unsere Bildschirme voraussichtlich schwarz“, sagt Pieper. Nur wenn die Mehrheit tatsächlich schauen will und die Stimmung umschlagen sollte, würde man eventuell noch einmal darüber nachdenken, die Spiele zu zeigen.

Eine Fußball-Weltmeisterschaft aus einem Land zu übertragen, in dem die Rechte homosexueller Menschen ignoriert und LGBTQ-Personen diskriminiert werden, ist für Fanny Delaune völlig undenkbar. Sie leitet die Geschicke der Altstadt-Institution Babel. „Wir sind eine gayfreundliche Kneipe. Daher ist es für uns selbstverständlich, auf die WM zu verzichten“, sagt die Anhängerin des FC St. Pauli.

Das Babel-Team bastelt dafür fleißig an einem alternativen Programm. So sind mehrere Konzerte geplant, die Veranstaltungsreihe BEATboutique soll noch mehr in den Vordergrund rücken. Dabei kann jeder Gast seine eigenen Platten mitbringen und eine halbe Stunde Musik auflegen. Außerdem hat Fanny Delaune eine Leseecke mit Fußball-Literatur eingerichtet. Wo sonst Champions League, Bundesliga, DFB-Pokal oder Europa League geschaut wird, darf in den kommenden Wochen geschmökert werden.

Ingo Buttenberg leitet die Kneipe „Em Hamächer“ in Rheinbach. Der Gastraum ist mit mehreren Bildschirmen ausgestattet. In der Regel gehört die Übertragung großer Fußballturniere ebenso wie die Spiele der Bundesliga oder Champions League zum Konzept. Doch in den kommenden Wochen wird der Fußball nicht uneingeschränkt im Mittelpunkt stehen. „Ich selbst habe kein Problem damit, die Spiele zu zeigen. Das Kind ist ja quasi schon mit der Vergabe der WM in den Brunnen gefallen“, sagt Buttenberg. In seinem Lokal sollen die Gäste entscheiden, was und wie viele Spiele gezeigt werden. Das Wichtigste sei, dass sie sich wohlfühlen. Buttenberg geht davon aus, zunächst nur die Spiele mit deutscher Beteiligung zu zeigen.

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