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Ausstellung in HeimbachJacques Tilly tritt den Mächtigen auf die Zehen

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Jacques Tilly stehrt vor einem seiner Karnevalswagen. Der zeigt einen großen Fisch, der einen kleinen verschluckt.

Der Düsseldorfer Bildhauer und Satiriker Jacques Tilly stellt seine Werke in der Kunstakademie in Heimbach aus. Vor dem Gebäude lockt sein bekannter Fisch Besucher in die Ausstellung.

Der Düsseldorfer Jacques Tilly ist ein Publikumsmagnet. Zur Eröffnung seiner Ausstellung im Kunwetforum Heimbach drängten sich die Besucher.

Gedränge wie beim Rosenmontagszug herrschte in der Internationalen Kunstakademie in Heimbach, als die Ausstellung „Unbequem“ von Jacques Tilly eröffnet wurde. Rund 150 Gäste wollten den Bildhauer und Satiriker live erleben, der seit vielen Jahrzehnten den Düsseldorfer Rosenmontagszug mit seinen pointierten und aussagekräftigen Mottowagen schmückt. Karnevalsstimmung kam auch immer wieder auf, wenn die Zuhörer bei den vom Trompeter Peter Blum intonierten Karnevalshits mitsangen.

Ein altes Schwarzweiß-Bild zeigt Tilly, der auf einem Stuhl gegenüber einer unfertigen Pappfigur sitzt,

Die Einsamkeit des Wagenbauers: Jacques Tilly bei der Arbeit. Luzia Schlösser hat zusammen mit dem Künstler eine Retrospektive seines jahrzehntelangen Schaffens zusammengestellt.

Jacques Tilly im grünen Pullover mit lockigem Haar beim Kulissenbau für einen Film.

Der jugendliche Tilly beim Kulissenbau  ist nur eines von vielen Aufnahmen aus dem Tillyschen Familienalbum.

Sichtlich erfreut und ergriffen reagierte Tilly, der mit seiner Frau Ricarda Hinz gekommen war, auf den Zuspruch des Publikums. Vier Redner, Landrat Dr. Ralf Nolten, Heimbachs Bürgermeister Jochen Weiler, der Vorsitzende des Fördervereins der Kunstakademie, Hermann-Josef Weingartz, und die Leiterin der Kunstakademie, Luzia Schlösser, würdigten das Schaffen von Tilly, bevor der Meister selbst zu Wort kam. Ein bisschen Draht, dünne Latten, eine Schicht Papier und Farbe: Mehr braucht es nicht, um immer wieder den Mächtigen auf die schmerzempfindlichen Zehen zu treten.

Tillys Karnevalswagen sind dreidimensionale Karikaturen

Tilly beweist das alljährlich, wenn die aufsehenerregenden Wagen durch die Düsseldorfer Innenstadt rollen, bejubelt und bestaunt von Millionen von Menschen. Beispiele dafür waren nicht nur in Fotos an der Wand dokumentiert, sondern auch live in der Kunstakademie. Die selbsternannte Königin Sahra Wagenknecht, Donald Trump mit Seehund in der Haartolle und die Granden der Union, Friedrich Merz und Markus Söder, die im Doppelpack unterwegs sind – sie zeigten, welche Dimensionen die Figuren haben.

Die oben Genannten stehen nebeneinander, im Hintergrund hängen Bilder, die Tilly gemalt hat.

Bei der Ausstellungseröffnung: Hermann Weingartz (v.l.), Jochen Weiler, Peter Blum, Dr. Ralf Nolten, Jacques Tilly, Joachim Johänning, Andrea Johänning, Luzia Schlösser und Ricarda Hinz.

Die Figuren von Markus Söder und Friedrich Merz sitzen hintereinander, Merz hält ein Lenkrad. Im Hintergrund betrachten Menschen die Exponate.

CDU im Doppelpack: Markus Söder und Friedrich Merz sind in der Kunstakademie zu sehen.

Als Eyecatcher dient der vor der Akademie geparkte „Fisch“, wie ihn der Nideggener Immobilienmakler Joachim Johänning lapidar titulierte: Der missgünstige, mit einem verzerrten Hakenkreuz dekorierte Kleinfisch, der von sich behauptet, er sei das Volk, wird von dem bunten Großfisch geschluckt, auf dem „Wir sind mehr“ zu lesen ist.

Tilly eckt an. Er provoziert, seine Wagen sind dreidimensionale Karikaturen. Die Kritik, die ihm entgegenschlägt, akzeptiert er, doch sein Ansinnen geht weiter. „Ich erwarte nicht, dass alle meine Wagen gut finden, doch ich finde es wichtig, dass die Gesellschaft sagt: Er darf das“, betont er.

In Moskau wird Tilly in Abwesenheit der Prozess gemacht

Der Sinn seiner Kunst sei nicht, die Menschen vor den Kopf zu stoßen. Es gehe darum, dass ein Großteil der Menschen mitgenommen werde. „Es ist meine Arbeit, dass ich die Menschen erfreue, ich mache es für die Menschen“, sagt er. Dann sei es die schönste Bezahlung, wenn er sich fühle wie unter Freunden. Er sei kein Künstler, dem der Rest der Welt egal sei, er mache seine Arbeiten für den Rest der Welt. Dass er zur Zeit in Russland vor Gericht steht, lässt ihn nicht kalt, das war zu merken.

„Am Montag ist wieder ein Prozesstag. Vielleicht wird schon das Urteil gesprochen, ich rechne mit zehn Jahren Lagerhaft“, blitzte sein schwarzer Humor auf. Bedrohlich sei es schon, doch inzwischen sehe er das sehr entspannt. „Und ich sehe sogar die positive Seite – nämlich, dass offensichtlich Satire wirkt, wehtut – und gerade auch dem Regime in Moskau“, sagte er. „Viele sagen ja auch, das ist ein Ritterschlag“, kommentierte er. Doch wenn er es sich aussuchen könnte, würde er den Prozess schon gerne rückgängig machen. 

Da landen Päpste im Staub, da werden Kanzler gestürzt.
Jacques Tilly

Eine Retrospektive hat Luzia Schlösser mit dem Künstler zusammengestellt. Angefangen von Jugendaufnahmen aus dem Familienalbum, die die kreativen Anfänge des 1963 geborenen Künstlers zeigen, über Karikaturen und Zeichnungen aus seiner Zeit als Student des Kommunikationsdesigns. Seit 1984 ist er im Wagenbau für den Rosenmontagszug tätig. So nimmt diese Periode auch den größten Teil der Ausstellung in Anspruch; chronologisch sortiert, werden besondere Wagen in Erinnerung gerufen. Doch auch Stadtbilder sind in der Ausstellung zu sehen.

Die Schwere der Kunst habe ihn nie interessiert, so Tilly. Das Biotop seiner Wagen sei der Rosenmontagszug. Es sei Kunst für den Sofortverzehr. Im Grunde würden die Wagen nur für diesen Tag leben. Am Tag nach Rosenmontag hole er den Hammer raus. „Da landen Päpste im Staub, da werden Kanzler gestürzt“, sagte er. Doch es sei schön, dass einige Wagen durch die Initiative von Menschen wie Johänning weiterleben und Wirkungen entfalten dürften.

Fast alle Figuren werden nach Karneval zerstört

Aber irgendwann würden auch diese Wagen vernichtet werden. Denn irgendwann ändere sich die politische Situation, und dann seien die Wagen nicht mehr aktuell. Karneval sei der Ort und die Zeit, in der der Politik der Spiegel vorgehalten werde, sagte Landrat Dr. Ralf Nolten in seiner Laudatio. In seiner Zeit als Landtagsabgeordneter habe er versucht, wenn Jacques Tilly in der „Nacht des Parlaments“ in Düsseldorf gesprochen habe, dabei zu sein.

Bei manchen Wagen, bei denen Tilly hart an die Grenze gegangen sei, wie bei dem mit Putin und dem Patriarchen, habe er gedacht: „Puh“. „Wenn wir aber dieses ,Puh' nicht mehr machen, wenn man nicht tief Luft holt, dann sind wir zu weit von der Grenze weg“, stellte er klar. Oft werde gefragt, was Satire dürfe, sagte Heimbachs Bürgermeister Jochen Weiler. Kurt Tucholsky habe den Satiriker als einen gekränkten Idealisten bezeichnet, zitierte er. Man müsse nicht immer zustimmen, aber schon die Diskussion darüber sei gelebte Demokratie.

„Ein Haus wie dieses lebt Kreativität. Und wir freuen uns, dass wir mit Ihnen sozusagen ein Leitbild, eine Leitfigur für kreatives Schaffen haben“, sagte Luzia Schlösser. Ziel seiner Arbeit sei, aktuelle Themen auf den Punkt genau umzusetzen, das sei nicht immer bequem. „Sie nutzen den Humor nicht, um Inhalte zu verharmlosen, sondern um sie besprechbar zu machen“, lobte sie.

Die Ausstellung von Jacques Tilly in der Internationalen Kunstakademie in Heimbach, Hengebachstraße 48, ist bis Sonntag, 17. Mai, geöffnet. Die Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr.