Der Brieftaubensport kommt auch im Kreis Euskirchen aus der Mode. Es gibt immer weniger Züchter, die Vereine sind überaltert.
BrieftaubensportFlugkünstler aus dem Kreis Euskirchen mit Kompass im Kopf und Bluetooth am Bein

Nach ein paar Runden Freiflug versammeln sich die Vögel wieder auf dem Dach ihres Taubenschlags.
Copyright: Ulla Jürgensonn
Man ist versucht zu sagen: Er ist einer der letzten seiner Art. Mit seinen 55 Jahren senkt Dietmar Timmer den Altersdurchschnitt in der Reisevereinigung Eifelhöhen deutlich. Brieftaubenzucht und Brieftaubensport sind aussterbende Hobbys, das sieht der Lichtdesigner aus Schleiden-Broich ganz realistisch. Schade findet er es trotzdem.

Seine Tauben kennt Dietmar Timmer ganz genau. Dies Exemplar wird „der Bachelor“ genannt, weil es mit drei Weibchen zur gleichen Zeit turtelt.
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Er erklärt, warum sein Herz für die flinken Flieger schlägt und warum er überzeugt ist, dass er seinen Tauben ein schönes Leben garantiert. Dietmar Timmer schwärmt von den Tieren: „Sie sind enorm klug. Sie orientieren sich am Erdmagnetismus, am Sonnensystem und an Landmarken.“ Diesen Kompass im Kopf nutzen sie, um wieder nach Hause zu finden, auch wenn sie Hunderte Kilometer entfernt sind von ihrem Taubenschlag.
Brieftauben waren die Rennpferde des kleinen Mannes
Und der Mensch wiederum hat die Tauben früher genutzt, um Nachrichten zu übermitteln. Später wurde daraus der Wettbewerb, wessen Vogel am schnellsten unterwegs ist. Jahrzehntelang galten Brieftauben als die Rennpferde des kleinen Mannes. Vor allem bei Bergleuten war die Taubenzucht ein beliebtes Hobby.
Die Zeiten sind vorbei. Mittlerweile liege der Altersdurchschnitt in den Vereinen bei über 70 Jahren, sagt Dietmar Timmer. Ein weiteres Indiz für das wegbrechende Interesse: Die Auflage der Zeitschrift „Die Brieftaube“ habe vor zehn Jahren noch bei rund 20.000 Exemplaren gelegen, mittlerweile seien es nur noch 8000.
Orientierungsstärke liegt in den Genen
Rund 100 Tauben hat der Broicher. „Manche haben ellenlange Stammbäume“, sagt er. Auch wenn die Orientierungsstärke in der Genetik angelegt sei, müsse sie doch weiter trainiert werden, sonst gehe sie über die Generationen hinweg verloren.

Anhand der bunten Ringe ist jede Brieftaube zu identifizieren. Die weißen Ringe rechts im Bild sind mit moderner Technik ausgestattet.
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Timmer beschäftigt sich seit seiner Jugend mit Brieftauben, hat mehr als 100 Fachartikel und auch ein Buch darüber geschrieben. „Die meisten Leute wissen so gut wie nichts über Brieftauben“, sagt er. Um das zu ändern, geht er in Schulen oder hält auch schon mal einen Vortrag bei einer Jugendfreizeit.
Über Tauben kursieren viele Irrtünm
Einer der populären Irrtümer über Tauben sei der, dass sich Paare ein Leben lang treu blieben. Das führt beispielsweise die Tierrechtsorganisation Peta als Argument dafür an, dass Wettflüge Tierquälerei seien, weil die Vögel unter der Trennung vom Partner litten. Den lebenden Gegenbeweis hält Timmer in Händen: Das Taubenmännchen, das sich ganz entspannt vorzeigen lässt, trägt den Spitznamen „Der Bachelor“. Weil es drei Weibchen gleichzeitig hat.
Auch ein schwules Paar hat der Züchter in seinem Schlag. Den öffnet er ein bis zweimal am Tag, damit die Vögel draußen umherfliegen können. In diesem Fall währt die Freiheit allerdings nur kurz. Kaum flattern die Tauben los, taucht die erste Krähe auf. „Das ist nicht gut“, murrt der Züchter. Mit einem speziellen Pfiff lockt er seine Tiere wieder in den sicheren Schlag.

Nur noch ein Erinnerungsstück: Mit diesem Gerät wurde früher die Flugzeit erfasst.
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An die längeren Strecken gewöhnt er sie langsam. Erst bringt er sie nur ein paar Hundert Meter weg von Zuhause und lässt sie starten, dann werden die Entfernungen größer. Von Langstrecken spricht man im Taubensport ab 500 Kilometern. Auch die seien für eine gut trainierte Taube, die bis zu 120 Stundenkilometer fliegen könne, kein Problem.
Ich hole jede Taube ab, egal, wo sie gefunden worden ist
Zu den Startpunkten der Wettflüge werden die Vögel von Transportgemeinschaften gebracht, die dafür eigens ausgestattete Lastwagen haben. Die seien isoliert, damit den Tieren nicht zu warm werde, und mit Tränken ausgestattet, schildert Egon Krupp von der Reisevereinigung Nordeifel.
Auf dem Flug lauern viele Gefahren
Als Flugleiter koordiniert er den Auflass, sprich, er ist da, wo die Tauben starten, während die Besitzer meist zu Hause auf die Tiere warten. Und oft auch bangen, denn tatsächlich lauern auf den Flügen Gefahren, natürliche wie Greifvögel, menschengemachte wie Windräder. Und manchmal ist eine Taube zu erschöpft, um weiterzufliegen. „Ich hole jede Taube ab, egal, wo sie gefunden worden ist“, betont Krupp. Der Halter sei leicht herauszufinden an dem Ring, den die Tiere am Bein tragen.
Der bunte Plastikring mit der Nummer ist seit Jahrzehnten Standard. Mittlerweile tragen die Tiere am anderen Bein Hightech-Ringe mit GPS und Bluetooth. Dietmar Timmer demonstriert, wie das funktioniert: Wenn eine seiner Tauben in ihren Schlag trippelt, piepst sein Handy und meldet die Rückkehr.
Zeiten und Strecken werden genau erfasst
Über den GPS-Ring können die Daten des Tieres und sein Weg exakt erfasst werden. Timmer zeigt ein altes Schätzchen: einen hölzernen Kasten, in dem früher die Zettel mit den Ankunftszeiten gesichert wurden. Sie da reinzubekommen war eine ziemliche Fummelei, aber dann war eine Manipulation so gut wie unmöglich.
Die Vögel sind für uns Haustiere, deren Gesundheit uns am Herzen liegt.
Damit die Tauben von ihren Flügen sicher nach Hause kommen, wird bis zum Start die Wetterlage gecheckt. Die Berliner Wettermanufaktur liefere eigens ein „Brieftaubenwetter“. „Erst vor 14 Tagen haben wir einen Flug abgesagt, weil die Witterungsbedingungen einfach nicht passten“, erzählt Egon Krupp. Der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter unterhält in Essen eine eigene Taubenklinik, in der kranke oder verletzte Tiere behandelt werden.
„Die Vögel sind für uns Haustiere, deren Gesundheit uns am Herzen liegt“, betont Dietmar Timmer. Der materielle Wert sei ohnehin nicht groß. Von Ausnahmen abgesehen: Für die teuerste Taube der Welt – New Kim aus Antwerpen – hat ein Chinese vor einigen Jahren 1,6 Millionen Euro gezahlt.
Die Kritik an ihrem Hobby nehmen die Taubenfreunde ernst, auch wenn sie überzeugt sind, dass sie die Vorwürfe entkräften können. „Der Verband muss in den Dialog gehen“, fordert Egon Krupp. Mängel aufzudecken sei völlig in Ordnung, denn: „Schwarze Schafe gibt es überall. Und die müssen wir erwischen.“
Peta übt Kritik an Wettflügen
Nach Ansicht der Tierrechtsorganisation Peta verstoßen Taubenwettflüge gegen das Tierschutzgesetz. Im Mai hatte die Organisation deshalb versucht, gegen einen Wettbewerb zu intervenieren. Die Tiere wurden in der französischen Gemeinde Begnécourt aufgelassen, laut Peta organisiert von der Reisevereinigung 06 Zülpich des Regionalverbands 406 Süd-West-Eifel.
Die Organisation forderte den Kreis Euskirchen auf, die Veranstaltung zu untersagen. Die Tauben flögen nach Hause, weil dort ihre „Partner oder Kinder“ seien. Viele überlebten die langen Flüge nicht. Das Kreisveterinäramt überwache das Verladen der Tauben und deren Reisedaten, um einen rechtskonformen Umgang mit den Vögeln sicherzustellen, heißt es dazu aus der Kreisverwaltung.
Flugleiter Egon Krupp bestätigt das: „Der Kreisveterinär war in Zülpich vor Ort und hat Tauben und Lkw kontrolliert.“ Er habe nichts zu beanstanden gehabt. Eine vierköpfige Flugsicherungskommission des Deutschen Brieftaubenverbandes überwache den Transport und den Start der Vögel ohnehin. Die Lastwagen seien mit GPS ausgerüstet, so dass deren Touren lückenlos nachvollzogen werden können.
Das Brieftaubenwesen in Deutschland ist 2022 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt worden. Der Kreis Euskirchen verweist darauf, dass eine bundesweite Arbeitsgruppe derzeit Leitlinien erarbeite, wie Behörden im Zusammenhang mit Wettflügen vorgehen sollten. (uj)
