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Emotionale MomenteKnapp 60 Paare gaben sich am Wochenende im Kreis Euskirchen das Jawort

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Eine Frau hält in Liederheft mit dem Schriftzug „Einfach Heiraten“ in der Hand, im Hintergrund ist ein Brautpaar zu sehen, das sich küsst.

„Einfach geheiratet“ haben am vergangenen Freitag sechs Paare in der evangelischen Kirche in Hellethal.

Der Aktionstag der evangelichen Kirchen kam trotz Hitze bei vielen gut an – unser Reporter hat selbst nach 30 Jahren seiner Frau erneut das Jawort gegeben.

Es ist warm an diesem Freitagvormittag in der evangelischen Kirche in Hellenthal. Die Hitze hat längst auch das alte Gemäuer erreicht – Pfarrer Oliver Joswig trägt deshalb kurze Hose und Sandalen unter dem Talar. Das Brautpaar habe ihm das erlaubt, betont er. Für einen Hochzeitstag der Superlative geht es an der evangelischen Kirche sehr entspannt zu.

„Einfach Heiraten“ lautet das Motto des bundesweiten Aktionstags, an dem Paare sich spontan oder nur mit kurzer Anmeldung kirchlich trauen lassen können. Sechs Trauungen und zwei Ehejubiläen sind in Hellenthal angemeldet. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr habe er im ganzen Sommer acht Trauungen durchgeführt, sagt Pfarrer Joswig.

Ein Spalier mit Stricknadeln und Wolle für ein spontanes Brautpaar

Was nach Heiraten am Fließband klingt, soll aber eher ein Angebot sein für diejenigen, die sich lieber auf den Inhalt als auf das Drumherum konzentrieren. So wie Birgit und Klaus Beiniger. Seit 15 Jahren seien sie bereits verheiratet und hätten zufällig im Fenster des Gemeindehauses den Hinweis auf diesen Tag gesehen. Eigentlich sollten ihre Kinder und Enkelkinder heute dabei seien, aber wegen der Hitze hätten sie abgesagt, berichten die beiden. Stattdessen sind überraschend ein paar Frauen des Rudelstrickens aus Schleiden gekommen und stehen ganz unpassend zum Wetter mit Stricknadeln und Wolle Spalier.

Birgit und Klaus Bleiniger haben sich nach 15 Jahren Ehe nund auch kirchlich das Ja-Wort gegeben und stehen Arm in Arm vor einem Dekorierten Bogen.

Nach 15 Jahren Ehe nun auch kirchlich verheiratet: Birgit und Klaus Beiniger.

Renate Gerhardt und Ludwig Rößing sitzen in einer mit Luftballons geschmückter Kutsche.

Fühlen sich mit über 70 wieder wie Mitte 20: Renate Gerhardt und Ludwig Rößing.

„Man merkt heute deutlich, dass viele Menschen diese entspannte Atmosphäre sehr genießen“, sagt Pfarrerin Dorothee Lindenbaum aus Flamersheim. Auch ihre Gemeinde nimmt an der Aktion teil, allerdings zwei Tage später. Mehr als 50 Paare haben sich hier angemeldet. Eines davon sind Renate Gerhardt und Ludwig Rößing.

„Wir waren beide über 40 Jahre verheiratet und sind beide verwitwet“, berichtet Gerhardt: „Heute fühlen wir uns zusammen mit über 70 trotzdem wieder wie Mitte 20 und diese Veranstaltung ist die perfekte Gelegenheit, unserer Freude darüber Ausdruck zu verleihen.“ Die Segnung sei trotz der vielen Paare sehr persönlich auf sie zugeschnitten worden, ergänzt ihr Mann: „Die Pfarrerin hat sich Zeit für uns genommen, um uns ein wenig kennenzulernen. Und wir haben uns sehr wohl gefühlt.“

Viel Personal für viele Hochzeiten bei „Einfach Heiraten“ im Kreis Euskirchen

Um die vielen Trauungen zu koordinieren, braucht es vor allem viel Personal. Während in Stuhlkreisen im idyllischen Ambiente des Burggartens Traugespräche geführt werden, geben sich andere Paare bereits an und in der Kirche oder mit Blick auf den Burgsee   das Jawort.

Menschen sitzen auf Stühlen auf einem Kiesweg unter Bäumen.

Stuhlkreis zum Kennenlernen: Im idyllischen Ambiente des Burggartens führten Paare und Liturgistinnen erste persönliche Gespräche vor der Segnung

Die beiden Frauen mit Blumenkränzen im Haar halten Blumensträuße in die Kamera.

Sorgten in Flamersheim für die passende Floristik: Sandra Larmann und Norma Solvera.

Auch in Hellenthal ist man mit geballter Personalstärke angetreten. Neben Joswig trauen hier auch Susanne Salentin, Thorsten Schmitt und Christoph Ude. Und trotz all der Entspanntheit dieses Tages bleibt noch Platz für Aufregung. „Ich war heute Morgen schon ein bisschen kribbelig“, gibt Pfarrer Joswig zu. Drei Trauungen an einem Tag sind auch für den erfahrenen Pfarrer neu. Normalerweise treffe er sich oft mehrmals mit den Brautpaaren vor einer Trauung, um sie kennenzulernen.

An diesem Tag stehen ihm dafür nur 15 Minuten zur Verfügung. Und in diesen 15 Minuten muss er so viel erfahren, dass er nur kurz danach eine persönliche Traurede halten kann. Durch die knappe Vorbereitung stehe der Moment des Segens im Vordergrund. Auch die geringe Anzahl der Gäste sorge für einen Fokus auf den Inhalt: „Das ist etwas sehr Intimes. Ganz anders als so ein rauschendes Fest.“

„Einfach Heiraten“ erreicht Paare, die keinen Aufwand wollen

Für Philipp und Christina aus der Eifel ist das genau der richtige Rahmen. „Wir stehen nicht gern im Mittelpunkt. Und das ist ein schöner Anlass, sich noch kirchlich trauen zu lassen“, sagt Philipp. Nur ihr kleiner Sohn ist mit dabei. Sie habe zu Hause noch eine Torte gebacken. Und am Abend gingen sie essen, berichtet Christina: „Wir versuchen schon, etwas Besonderes aus dem Tag zu machen.“

Joswig ist sicher, dass viele der Paare, die an diesem Tag in der Kirche „Ja“ zueinander gesagt haben, es ohne die Aktion „Einfach Heiraten“ nicht getan hätten. Obwohl eine kleine Hochzeit nur zu zweit auch sonst jederzeit möglich sei. Da sei vielen einfach der Aufwand zu groß. An einem Tag wie diesem nähmen sie das Angebot dann aber gerne an. Trotz warmer Kirche.


Der lange Weg von Reporter Stephan Everling zur kirchlichen Trauung

Einfach heiraten, geht das? Kurz entschlossen den Weg zum Altar antreten und sich das Jawort geben? Klingt aufregend, doch für Maf und mich war der spontane Entschluss zur Hochzeit keine neue Erfahrung. Denn auch vor 30 Jahren haben wir „einfach geheiratet“. Natürlich unter ganz anderen Umständen und mit mehr Vorlauf, schließlich war eine deutsche Behörde involviert.

Doch damals waren andere Zeiten, vor allem für uns. Denn für die Menschen, mit denen wir uns privat und beruflich verbunden fühlten, war eine Hochzeit kein Thema. „Wir starten im Januar eine schwul-lesbische Karnevalssitzung, und Ihr macht das Bühnenbild“, hatte Hella von Sinnen bestimmt. Maf Räderscheidt und ich hatten sie eines Abends im November 1994 zufällig im „George Sand“ in Köln getroffen. Gesagt, getan – Hella wollte sowieso keiner widersprechen. Und so wurden wir unversehens zu den Mitbegründern der „Rosa Sitzung“.

Das Bild zeigt die verschränkten Hände eines Paares.

Nach 30 Jahren Ehe nach wie vor stark verbunden: Stephan Everling und Maf Räderscheidt.

Dass Maf und ich uns verliebten und zu einem Paar wurden, konnten wir noch mühsam verbergen im schwulen und lesbischen Umfeld. Doch als Maf schwanger wurde, stand bei der Derniere der Rosa Sitzung 1996 das Outing an: Unsere Freunde und Kollegen reagierten wunderbar und übernahmen spontan die Patenschaft für unsere Tochter. Deren Name genauso aus dem Bauch heraus von Samy Orfgen geprägt wurde: „Dieses Kind muss Rosa heißen.“

Die Erleuchtung kam beim Zähneputzen

Alles wunderbar, könnte man denken, doch ein Problem wurde uns offenbar, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Im August 1996 war die Rechtslage noch so, dass ich als Vater kein Sorgerecht für meine Tochter bekommen hätte, wenn Maf bei der Geburt etwas passiert wäre. Wir überlegten hin und her, bis mir eines Abends beim Zähneputzen die Erleuchtung kam: „Warum heiraten wir dann nicht einfach?“ – Kein Fußballstadion, kein Stehgeiger, kein Verlobungsring, nur eine Zahnbürste - der vielleicht profanste Heiratsantrag überhaupt, doch Maf sagte tatsächlich ja.

Aus Respekt vor unseren Freunden, die nicht heiraten durften, schlossen wir die Ehe im kleinen Kreis im kleinen Rathaus vor der Standesbeamtin. Als Datum wählten wir bewusst den 17. Mai, den alljährlichen Aktionstag gegen Homophobie. Kirchlich zu heiraten war unter diesen Umständen für uns undenkbar.

Stephan Everling und Maf Räderscheidt gehen in sommerlicher Kleidung und mit Blumensträußen vom Altar zum Eingang der Kirche.

Haben nach 30 Jahren Ehe vor dem Altar „Ja“ gesagt: Maf Räderscheidt und Reporter Stephan Everling.

Und nun, 30 Jahre später? Nach vor allem in den vergangenen fünf Jahren harten Zeiten, mit Flutkatastrophe und schwerer Krankheit? Als ich über die Aktion der evangelischen Kirche nachdachte, dachte ich nur eins: Ja, gerade jetzt! Denn in all den schweren Zeiten, die wir hatten, gab es eines, auf das wir uns verlassen konnte: unsere Liebe. Und so sagte Maf auch diesmal sofort Ja, als ich sie fragte, ob sie mich auch kirchlich heiraten würde. Wieder ohne Fußballstadion, Stehgeiger, Verlobungsring und nicht einmal mit Zahnbürste.

Unsere Hochzeitsgesellschaft war klein, nur wir und unsere Tochter. Doch für uns war es einer der schönsten Tage überhaupt, vielleicht gerade, weil wir ihn so für uns hatten. Nach 30 Jahren sich noch mal das Jawort zu geben, ist das Überflüssigste überhaupt. Dann ist doch alles klar, könnte man ketzerisch einwerfen. Ganz falsch. Liebe ist nie klar, Liebe ist frisch und schön an jedem Tag, an dem es sie gibt. Und dann muss sie gefeiert werden. Stephan Everling


Die Serie „Alles Liebe“

In unserer Serie „Alles Liebe“ befassen wir uns mit Hochzeitsplänen und Herzensfragen im Kreis Euskirchen. Und weil Geschichten über die ganz großen Emotionen immer von den Menschen leben, die sie erzählen, brauchen wir Sie: Schicken Sie uns gerne Ihre außergewöhnlichen Hochzeitsanekdoten mit Kontaktinformationen und Bildern per E-Mail (redaktion.euskirchen@ksta-kr.de oder redaktion.gemuend@ksta-kr.de) zu. (jre)