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HochwasserschutzNur noch wenige Standorte sind für die neue Talsperre in der Eifel im Rennen

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Das Bild zeigt den Zusammenfluss von Prether- und Platißbach bei Hellenthal in einer mit Bäumen bestandenen Wiesenlandschaft.

An Prether- und Platißbach, hier der Zusammenfluss bei Hellenthal, wird die neue Talsperre geplant. Der Standort ist noch offen.

Auf die Hochwasserschutzmaßnahmen an Urft und Olef wird mit Spannung gewartet. Die Simulationen sollen bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.

Zum internationalen Tag des Wassers ist es beim WVER (Wasserverband Eifel-Rur) Gepflogenheit, Bilanz zu ziehen und einen Ausblick auf das Jahr zu geben. Während enorm viel Geld investiert, ein neues Infomobil in Dienst gestellt und die Jubiläumsfeier zum 125-Jährigen der Urfttalsperre vorbereitet wird, müssen sich die Menschen im Kreis Euskirchen in wichtigen Punkten in Geduld üben.

Noch, wie WVER-Vorstand Dr. Joachim Reichert betont: bis zum Jahresende. Dann sollen drei Dinge fertig sein, auf die viele seit Jahren gespannt warten: Das Hochwasserschutzkonzept für Urft und Olef samt ihrer Nebengewässer, das lokale Hochwasserprognosesystem HyProS und vor allem die Machbarkeitsstudie zum Talsperrenbau an Preth und Platiß.

Die Talsperre bei Hellenthal könnte in rund 15 Jahren fertig sein

Sie ist und bleibt das Königsprojekt in all den Hochwasserschutzmaßnahmen, die infolge der Flutkatastrophe geplant und umgesetzt werden: Die Platißbach-Talsperre bei Hellenthal. Da ein Talsperrenbau heute vielfach als kaum bis gar nicht durchsetzbar eingeschätzt wird, geht man beim WVER mit möglicht viel Fingerspitzengefühl an dieses Projekt.

Man weiß, dass man schon mit dem ersten Schritt gewaltig ins Straucheln kommen könnte – oder eben nicht. „Die Standortauswahl muss sitzen“, sagt daher Reichert: „Er muss sich lohnen und soll nicht in öffentlichen Debatten kaputtgeredet werden.“ Daher ist man beim Verband auch seit nunmehr vier Jahren verschlossen wie eine Auster. Es werden nur Bruchstücke an Informationen preisgegeben. Denn, so Reichert: „Die Platißbach-Talsperre ist ganz wesentlich für die Zukunft.“

Ein Standort wird am Ende herausragen. Und den werden wir favorisieren.
Dr. Joachim Reichert, Vorstand WVER

Gestartet sind die Arbeiten an der dreistufigen Machbarkeitsstudie im März 2022. Im ersten Schritt stand die Auswahl geografisch möglicher Standorte an: 27 haben die Experten ermittelt. Sie würden Stauvolumen zwischen knapp 2 und mehr als 25 Millionen Kubikmeter Wasser ermöglichen. Diese Standorte wurden in der zweiten Runde der wasserwirtschaftlichen Prüfung unterzogen: Ob und wie gut würden sie die Funktionen in Hochwasserschutz und Trinkwasserversorgung erfüllen? Hier lässt Reichert durchblicken, dass richtig viele durchs Raster gefallen sind: Weniger als eine Handvoll Standorte seien noch übrig.

Diese befinden sich nun in den Prüfungen der Stufe drei, in denen laut Reichert inhaltlich schon einiges aus dem Planfeststellungsverfahren vorweg genommen wird. Beim WVER schaut man, wo es haken könnte, welche Widerstände von wem zu erwarten sind, ob und wie sie ausgeräumt werden können. Reichert ist überzeugt: „Ein Standort wird am Ende herausragen. Und den werden wir favorisieren.“

Wir werden keine Vollkasko-Versicherung gegen Überschwemmungen vorgaukeln. Es ist auch Eigenverantwortung erforderlich.
Dr. Joachim Reichert, Vorstand WVER

Bis Ende des Jahres soll der dritte Schritt und damit die gesamte Studie abgeschlossen sein. Dann steht die Information an, bei der es für Reichert wesentlich ist, dass die Menschen verstehen, warum die Talsperre an genau diesem Standort richtig und wichtig ist. Ein Wunschkonzert sei solch ein Talsperrenbau schließlich nicht: „Auch wenn die Öffentlichkeit das gerne hätte: Es ist keine Demokratie, es muss sinnvoll sein.“

Und wie lange dauert es dann? Reichert lacht: „Ich würde mich freuen, wenn ich zur Eröffnung eingeladen werde.“ Er ist 62 Jahre alt und wird dann Rentner sein – egal, wie schnell es geht. Es macht die Bandbreite deutlich, da der eigentliche Bau mit zwei bis fünf Jahren beinahe eine zu vernachlässigende Größe ist. Freuen, so Reichert, würde er sich, wenn die Talsperre in zehn Jahren steht. 20 Jahre könne es hingegen dauern oder nie zum Bau kommen, wenn die Vorarbeit nicht gut und das Projekt angreifbar sei. Also bleibt er zunächst bei seiner im vergangenen Jahr aufgemachten Rechnung, dass die Talsperre in 15 – nun noch 14 – Jahren stehen kann.

Das Schutzkonzept für Urft, Olef und die Nebengewässer steht weitgehend

In Stadt und Städteregion Aachen wird in Hochwasserschutz investiert, im Kreis Düren, im Kreis Heinsberg. Nur der Kreis Euskirchen taucht in dieser Liste, die ein Gesamtvolumen von mehr als 130 Millionen Euro ausweist, nicht auf. Kann er auch noch nicht, da das Hochwasserschutzkonzept für Urft und Olef noch nicht fertig ist.

Während in den Kommunen bereits einzelne Maßnahmen umgesetzt sind oder werden, die andere nicht tangieren, sieht das Konzept Projekte vor, die über die Grenzen der Kommunen hinweg Auswirkungen haben. 140 Ideen sind hierzu in der Kooperation von WVER, Kreis und Anrainerkommunen ins Rennen geschickt worden. Flüsse und Bäche im Südkreis Euskirchen sind seit 2023 aufwendig vermessen worden, um digitale Zwillinge der Gewässer zu erstellen und die potenziellen Hochwasserschutzmaßnahmen in Computer-Simulationen auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen. Diese Arbeiten sind laut Reichert so gut wie abgeschlossen, für das zweite Quartal kündigt er die Vorstellung der Ergebnisse an.

Danach steht die Priorisierung an, die bis Ende des Jahres dauern wird, so dass erst dann recht sicher gesagt werden kann, was wann wo gebaut wird. „Dann werden die Projekte wie Pilze aus dem Boden schießen“, sagt Reichert. Realisiert werden sie von unterschiedlichen Protagonisten. Der WVER selbst ist dann genauso am Zug wie die Kommunen.

Parallel dazu wird am NRW-Pakt für den Hochwasserschutz gearbeitet. Der wurde im Februar beschlossen und sieht die Arbeit in Regionalpakten vor, die sich an den Flussläufen orientieren. Im Juni 2026 etwa steht ein Workshop mit allen Akteuren im Rur-Einzugsgebiet an. Dies sieht Reichert nicht als schädlich für die Arbeit etwa an den Konzepten für Urft und Olef an: „Wir müssen verschiedene Bälle in der Luft halten, um die eigenen Ziele zu erreichen.“

Das Prognosesystem HyProS erstellt mit KI Kurzzeitprogosen

Im Pilotgebiet an Inde und Vicht wird das lokale Hochwasserprognosesystem HyProS bis Ende des Jahres auf Herz und Nieren getestet. Aus einem Zusammenspiel von Sensoren, Regenradar, Werten zu Bodenfeuchte und Topografie sowie Künstlicher Intelligenz (KI) werden Kurzzeitprognosen von bis zu zwei Stunden zur Verfügung gestellt. Laut Reichert sollen Überschwemmungsausbreitungen straßenzuggenau erstellt werden können. Ziel ist es, im Katastrophenfall, beispielsweise bei Evakuierungen, schneller und zielgerichteter handeln zu können.

Seit 2023 wird das lernende System entwickelt. Rund 80 Messstellen sind an Inde und Vicht installiert. Mit dem Verlauf ist man beim WVER zufrieden. Wenn alles sich entwickelt wie erwartet, steht Ende des Jahres die Entscheidung an, das System im gesamten Verband zu installieren.

Laut Reichert ist es vergleichsweise schnell betriebsbereit: Er spricht von etwa einem Jahr im Vergleich zu den drei bis vier Jahren Entwicklungszeit, die durch das Pilotprojekt geleistet wurden. Egal, was und wie viel in Sachen Hochwasserschutz getan wird – Reichert warnt vor einer trügerischen Sicherheit: „Wir werden keine Vollkasko-Versicherung gegen Überschwemmungen vorgaukeln. Es ist auch Eigenverantwortung erforderlich.“


Wasserschule kann gebucht werden

Motive rund ums Thema Wasser machen außen deutlich, worum es im Fahrzeug geht. In einem elektrisch betriebenen Transporter hat der WVER eine Wasserschule eingerichtet, die nun auf Tour geht und von Kitas, Schulen und Einrichtungen im Verbandsgebiet gebucht werden kann. Zudem wird sie bei Veranstaltungen präsent sein. Der Verband versteht das Angebot als Ergänzung zu Führungen, etwa in Kläranlagen, die weiterhin angeboten werden.

Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Tisch unter einer Markise, die an dem Wasserschul-Fahrzeug des WVER befestigt ist. Beide schauen in Mikroskope.

Die Wasserschule geht auf Tour. Sie kann etwa von Schulen und Kindergärten angefordert werden.

Wie ein rollendes Labor wirkt das Innere des Mobils: Materialien zur Gewässeruntersuchung sind ebenso an Bord wie Mikroskope zur Betrachtung von Lebewesen aus dem Gewässer. Experimente zum Thema Wasser und Abwasserreinigungsprozessen sind möglich, Filme und Präsentationen können gezeigt werden. Mithilfe der Materialien will der WVER komplexe Themen wie die Mikroplastik-Problematik oder den Hochwasserschutz vermitteln.

Ein sympathisches Kerlchen prangt unübersehbar über der Frontscheibe: WiVi ist ein stilisierter Eisvogel und das neue Maskottchen des WVER. Mit ihm soll im naturpädagogischen Betrieb das Motto des Verbands transportiert werden: „Damit Leben im Fluss bleibt.“

Ansprechpartnerin für Informationen und Buchungen des Wassermobils beim Verband ist die Leiterin der Umweltschule , die Biologin und Umweltpädagogin Claudia Goormann, unter Tel. 0174/688 4741 oder per E-Mail unter claudia.goormann@wver.de


Jubiläum an der Urfttalsperre

An der Urfttalsperre gibt es etwas zu feiern: Im Juni jährt sich die Grundsteinlegung zum 125. Mal. Prof. Dr. Otto Intze hat die damals größte Talsperre Europas geplant. Die Vorarbeiten begannen bereits 1899 mit dem Bau einer Arbeitsbahn vom Bahnhof Gemünd zu den eigens angelegten Steinbrüchen und zur Baustelle. Der eigentliche Bau war 1905 fertig.

45,5 Millionen Kubikmeter Wasser fasst die Urfttalsperre. Im Schnitt fließen ihr jährlich 157,4 Millionen Kubikmeter zu. Ein beliebtes Ausflugsziel ist die gut 50 Meter hohe und 226 Meter lange Staumauer. Am 24. Juni ist ein Festakt mit NRW-Umweltminister Oliver Krischer im Kraftwerk in Heimbach geplant. Zudem wird es einen Tag der offenen Tür mit Begehungen der Talsperre und einem Familienprogramm geben.