Bürokratische Prozesse – und das auch noch in anderer Sprache – sind schwer zu verstehen. Oft braucht es eine Beratung nach der Beratung.
„Recht und Gerechtigkeit“Euskirchener Initiative gibt Geflüchteten Infos für die Arbeitswelt

Sie unterstützen Migrantinnen und Migranten mit ihrem Fachwissen, damit die Hilfesuchenden in der Berufswelt besser Fuß fassen können: Olena Pavlovtseva (v.l.), Mykola Pavlovtsev, Oksana Litovka und Anna Kohutko.
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Anträge für Behörden auszufüllen, und das im besten Fall korrekt, bringt einige Menschen an ihrer Grenzen. Zwar fällt das Wort Entbürokratisierung inzwischen immer häufiger – in der Realität sind die behördlichen Vorgänge jedoch oft weiterhin sehr komplex und wirken auf viele undurchsichtig. Wenn dann noch hinzukommt, dass man die Sprache nicht komplett beherrscht, stellt das „Beamtendeutsch“ der Anträge und Formulare eine unüberwindliche Hürde dar.
Um Geflüchtete bei den Behördengängen zu unterstützen mit dem vorrangigen Ziel, sich in die Arbeitswelt zu integrieren, hat sich im März 2022 die Initiative „Recht und Gerechtigkeit“ in Euskirchen gegründet. Vier der Hauptverantwortlichen haben dabei aus der Not eine Tugend gemacht: Sie stammen aus der Ukraine und waren selbst mit der Bürokratie konfrontiert.
Beratungen sind zwar gut, aber die Vorgänge sind schwer zu verstehen
„Wir möchten auch anderen geflüchteten Menschen helfen, die nicht aus der Ukraine kommen“, erläutert Mykola Pavlovtsev, Gründer der Initiative. „Die Kommunikation mit Behörden bereitet vielen Probleme“, sagt der Jurist, der in einer benachbarten Kreisverwaltung tätig ist.
„Es werden zwar Beratungen angeboten“, fügt Oksana Litovka, Ansprechpartnerin bei der Beratungsstelle Arbeit im Kreis Euskirchen, an: „Diese sind aber in der Regel auf Deutsch – und einige verstehen das nicht gut genug.“ Die Beratungen seien keineswegs schlecht, führt Litovka aus. Es sei aber herausfordernd, gänzlich neue Abläufe in einer fremden Sprache zu verstehen.
Die 46-Jährige stellt bei ihrer Arbeit fest, dass muttersprachliche Erläuterungen die Verständnisprobleme in der Regel aus dem Weg räumen. Verständnis sei für den (Wieder-)Einstieg in die Berufswelt ein großes Thema, pflichtet ihr Pavlovtsev bei: „Mir ist es wichtig, dass die Menschen die Verträge verstehen, die sie unterschreiben.“
Initiative möchte Rechtsfragen und Bürokratie verständlich machen
Er ist mit seiner Ehefrau Olena Pavlovtseva bereits 2019 aus der Ukraine nach Deutschland migriert. Pavlovtseva sei seine „rechte Hand“ in der Initiative. Die 31-jährige Verwaltungsfachkraft kümmert sich um organisatorische Aufgaben und den Social-Media-Auftritt von „Recht und Gerechtigkeit“.
Nach Ausbruch des Krieges in ihrer Heimat flüchteten Oksana Litovka und Anna Kohutko 2022 nach Deutschland. Litovka ist Integrationsbeauftragte der Initiative, Kohutko koordiniert Veranstaltungen und sucht nach Kooperationspartnern. „Viele von uns kommen aus dem Verwaltungswesen oder sind Juristen“, sagt Pavlovtsev. Daher habe man auch ein Wappen mit einer Waage als Zeichen für die Initiative gewählt. Zum Namen „Recht und Gerechtigkeit“ erläutert Pavlovtsev: „Wir wollen Menschen bei Rechtsfragen und bürokratischen Prozessen helfen.“
Über 500 Menschen unterschrieben bereits eine Petition
Zahlreiche Menschen in der Region benötigen Hilfe. Die Petition „Unterstützung für ukrainischsprachige Geflüchtete im Kreis Euskirchen“ haben nach Angaben der Initiatoren bereits mehr als 500 Menschen unterschrieben. Oksana Litovka ist es wichtig, den Bedarf zu konkretisieren. Daher brachte sie die Petition auf den Weg.
„Manche Menschen behaupten, dass die Ukrainer keine Unterstützung mehr brauchen würden“, schildert Litovka: „Aber das stimmt nicht! Integration ist ein Prozess, der von Person zu Person unterschiedlich schnell abläuft.“ Senioren, Schwangere und Menschen mit Behinderungen etwa haben laut Litovka mit zusätzlichen Hürden zu kämpfen. Allein die Kapazitäten, um sich zu organisieren, variierten stark.
„Viele Menschen schätzen den Schutz durch Deutschland und wollen etwas zurückgeben“, sagt Pavlovtsev: „Es ist wichtig, dass sich die Menschen mit dem Staat identifizieren können und füreinander da sind.“ Seiner Initiative sei daran gelegen, dass die Unterstützung keine Einbahnstraße ist: „Ihr Wissen können sie dann an andere Leute weitergeben.“
Ohne die Politik geht es nicht
Auch die Politik will die Initiative mit an Bord holen, dazu suche man den Kontakt zu Institutionen im Kreis Euskirchen. Und macht selbst mit: Pavlovtsev ist Mitglied des Ausschusses für Chancengerechtigkeit und Integration der Stadt Euskirchen. Der 31-Jährige wirbt dafür, einen vergleichbaren Ausschuss auf Kreisebene einzusetzen.
Einblicke in die Kommunalpolitik hat er bereits in der Ukraine gesammelt: „2014 habe ich als Student das Printmedium Gesetz der Regionen (Law of the Region) gegründet.“ Mit der Zeitung habe er kommunale Inhalte aus Saporischschja in die Hauptstadt Kiew bringen wollen. 2016 habe er zudem an verschiedenen Ausschüssen, etwa dem für Rechtspolitik und Justiz, des ukrainischen Parlaments als Zuschauer teilgenommen.
Die Initiative hat derzeit keine festen Räumlichkeiten in der Kreisstadt und weicht für Treffen auf Cafés oder Räume städtischer Einrichtungen aus. Eine Webseite sei derzeit in Arbeit. Für den Eintrag als Verein steht laut Pavlovtsev ein Notartermin in diesem Monat bevor.
Veranstaltungen der Initiative „Recht und Gerechtigkeit“
Noch in diesem Monat bietet die Initiative „Recht und Gerechtigkeit“ zwei Informationsveranstaltungen an: Am 26. März um 16 Uhr findet im Haus der Begegnung in Kall ein offener Austausch statt. Nach Angaben von Mykola Pavlovtsev sollen die Themen Aufenthaltstitel und Arbeit in Deutschland schwerpunktmäßig besprochen werden. „Ein wichtiges Ziel ist es auch, die Menschen aus der Region besser kennenzulernen und ihre Anliegen und Fragen zu hören“, so Pavlovtsev. Eine Anmeldung ist erforderlich.
Am 28. März ist zudem ein Austausch angedacht, der unter dem Titel „Stimmen der Iraner“ firmiert. Die Veranstaltung wird in der Stadt Euskirchen stattfinden, der genaue Ort steht noch nicht fest.
Im April möchte die Initiative eine Fahrt nach Bonn organisieren. Weitere Infos dazu folgen.
Eine interkulturelle Weihnachtsfeier sei Ende des Jahres vorgesehen, kündigt Pavlovtsev an. Damit wolle man an das erfolgreich umgesetzte Konzept des Vorjahres anknüpfen.
Der Deutsch-Ukrainische Tag ist laut der Initiative eines der größten Projekte. Pavlovtsev zufolge zielt die Veranstaltung darauf ab, Menschen zu vernetzen und in einen politischen Austausch zu treten. Abgeordnete auf kommunaler Ebene aus Saporischschja haben laut Mykola ihre Unterstützung avisiert. „Es wäre schön, wenn wir auch auf Kreisebene hier in Deutschland Unterstützung für dieses Projekt gewinnen könnten“, sagt Mykola. Davon sei abhängig, ob eine Umsetzung in diesem Jahr möglich ist. Zu den Veranstaltungen kann man sich per E-Mail oder über Instagram anmelden.

