Kölner gründete WecoWunderkerzen waren erster Hit – dieses Jahr fehlen sie im Regal

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Ein Plakat aus den Anfangsjahren preist Raketen und Knallfrösche an.

Eitorf – Böller und Raketen dürfen in diesem Jahr zu Silvester erneut nicht verkauft werden. Auch Tischfeuerwerk, Konfettikanonen und Wunderkerzen werden Kunden eher vergeblich im Geschäft suchen.

Die fallen zwar nicht unter das Böllerverbot, sind aber dennoch dem Verkaufsverbot zum Opfer gefallen. Jugendfeuerwerk und Partyartikel, die etwa zehn Prozent des von Weco produzierten Sortiments ausmachen, „werden mit der anderen Ware kommissioniert und wurden daher auch auf den Paletten aus dem Handel zurückgeholt“, erläutert Weco-Sprecher Andreas Kritzler. Das heißt: Wunderkerzen und Knallerbsen sind an Silvester 2021 rar.

Dabei gehört die Wunderkerze untrennbar zur fast 75-jährigen Geschichte von Weco. Sie war der erste Verkaufsschlager von Firmengründer Hermann Weber. Der Kölner arbeitete seit 1925 bei einer pyrotechnischen Firma im thüringischen Meiningen und gründete am 20. September 1948 mit Oskar Drößmar, einem der Gesellschafter seiner alten Firma, in Eitorf die Pyro-Chemie.

Hermann Weber begann 1948 in einer alten Ziegelei

Als Fabrikgebäude kaufte er eine alte Ziegelei. Startkapital hatte er durch seinen Lebensmittelgroßhandel in Eitorf-Hombach, und auch Feuerwerk besaß er schon: Das hatte er vor dem Krieg gekauft und in Eitorf versteckt.

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Firmengründer war der Kölner Hermann Weber

Mit Genehmigung der britischen Besatzungsmacht stellte Weber zunächst vor allem Wunderkerzen her – was bei der vorherrschenden Materialknappheit oft gar nicht so einfach war. Aber er schaffte es: Bereits zu Weihnachten 1948 wurden die ersten Wunderkerzen ausgeliefert.

An der Rezeptur für die funkensprühende Masse, die auf die Drähte aufgebracht wurde, wurde immer weiter getüftelt. Das beweist ein Päckchen „Liliput“, das im Regal mit historischem Feuerwerk im Weco-Showroom an der Bogestraße ausgestellt ist. Auf der Rückseite ist handschriftlich vermerkt, dass die kurzen Wunderkerzen nach einem Rezept vom 16. März 1951 gefertigt wurden.

Erster Hersteller von Feuerwerkskörpern in Nachkriegsdeutschland

Die Eitorfer Fabrik war der erste Hersteller pyrotechnischer Produkte auf dem Unterhaltungsfeuerwerkssektor nach dem Krieg in Deutschland. Und so erfolgreich, dass Weber, nachdem er 1955 den Lebensmittelhandel aufgelöst hatte, sich ganz dem Groß-, Klein- und Bühnenfeuerwerk widmen konnte.

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Historisches Feuerwerk in einem Ausstellungsraum von Weco

Im Jahr 1964 hatte Weco (kurz für Weber & Co) 150 Beschäftigte, Weber zahlte seinen Kompagnon aus und nahm 1966/67 seinen Adoptivsohn Frank Weber-Picard in die Geschäftsführung auf. Wenig später übernahmen die Eitorfer das Kieler Werk eines Konkurrenten, dann die älteste Knallbonbonfabrik Deutschlands in Berlin.

1984 zog sich der damals 80 Jahre alte Firmengründer aus der aktiven Geschäftsführung zurück. In den kommenden Jahren kaufte Weco unter anderem die über 300 Jahre alte „Sachsen Feuerwerk GmbH“ in Freiberg, gründete ein Büro in China und Tochterfirmen im europäischen Ausland.

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2011 avancierte Weco nach eigenem Bekunden zum europäischen Marktführer. 2012 folgte die Ausdehnung auf den osteuropäischen Markt. Allein am Stammsitz in Eitorf wurden bis zu eine Million Feuerwerksbatterien pro Saison hergestellt.

2004 gewann Weco die Feuerwerks-Weltmeisterschaft

Mit ausgefeiltem Großfeuerwerk wuchs das Renommee: 2001 übernahm Weco die Ausrichtung aller Feuerwerke der „Kölner Lichter“ und wenig später auch von „Rhein in Flammen“. 2004 gewannen die Eitorfer die Feuerwerksweltmeisterschaften in Montreal/Kanada und gelten seitdem als „Weltmeister der Weltmeister“.

Vor den Nazis aus Köln geflohen

Lehre als Kaufmann

Am 17. Oktober 1903 wurde Hermann Weber in Köln geboren und begann 1925 nach einer kaufmännischen Lehre bei einer pyrotechnischen Firma im thüringischen Meiningen, wo er schnell aufstieg. Er blieb in Köln und war einer der wenigen, die sich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg einen eigenen Pkw mit Fahrer leisten konnten.

Von Nachbarn denunziert musste Weber fliehen

Die Machtergreifung durch die Nazis markierte einen Wendepunkt: Webers Mutter war Jüdin, er wurde von einem Nachbarn denunziert und musste aus Köln fliehen. 1942 wurde er von der Gestapo gefangen und zu Zwangsarbeit in einem Steinbruch ab August 1944 verurteilt.

Dort konnte ihn seine spätere Frau Alwine Götzenich im April 1945 vor einer Deportation in den Osten bewahren und ihm zur Flucht verhelfen. Direkt nach Kriegsende heiraten die beiden und Weber machte sich zunächst mit einem Lebensmittelgroßhandel in Eitorf selbstständig.

Sechs Millionen Mark für eine Stiftung

Als er am 11. Juli 1993 starb, hinterließ der Selfmade-Man ein großes Vermögen, aus dem sechs Millionen Mark in eine Stiftung flossen. Sie hat die gemeinnützige und mildtätige Unterstützung bedürftiger Kinder, Jugendlicher und unschuldig in Not geratener älterer Menschen in Eitorf und Umgebung zum Ziel.

Schon in seinem Berufsleben hatte sich Weber für seine Mitmenschen engagiert und 1950 einen Sozialfonds für bedürftige und in Not geratene Mitarbeiter eingerichtet. 1983 wurde Weber das Bundesverdienstkreuz für seinen Einsatz beim Aufbau der Nachkriegsindustrie der Bundesrepublik und seinen soziales Engagement verliehen.

2003 übergab Frank Weber-Picard das Unternehmen an seine Geschäftsführer Thomas Schreiber und Dieter Kuchheuser. Heute bilden Schreiber, Thomas Kahn und Jürgen Bluhm die Geschäftsführung.

Mit der Errichtung des 800 Quadratmeter großen Showrooms und eines weiteren Hochregallagers expandierte Weco in den vergangenen Jahren am Eitorfer Standort. Mit einem Marktanteil von mehr als 65 Prozent ist Weco seit Jahren Branchenprimus in Deutschland, und das einzige Unternehmen, welches noch Feuerwerkskörper in Deutschland selbst fertigt.

Ende des Jahres jedoch schließt Weco den Standort in Freiberg, als Folge des Böllerverbots von 2020, wie Geschäftsführer Thomas Schreiber sagte. Damit verlieren 100 von insgesamt 450 Mitarbeitern ihren Job.

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