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Milchschnitte, Zillo und SafiriAuf der Suche nach dem Sommerloch-Tier im Rhein-Sieg-Kreis

6 min
Ein weiß-braun gescheckter Ziegenbock.

Ziegenbock Milchschnitte lebt auf Hof Huppenhardt. Sein rechtes Vorderbein ist schief zusammengewachsen, weswegen er Schmerzmittel erhält.

Die Recherche führt in zwei Tierheime und zu engagierten Tierfreunden.

Im Kalender einer Lokalzeitung stehen Karnevalszüge, Adventsmärkte und viele andere wiederkehrende Ereignisse, eines allerdings steht niemals im Kalender: das Sommerloch. Denn das Sommerloch gibt es nicht. Es ist lediglich eine schöne Erfindung mit der alle etwas verbinden. Und immer mal wieder stehen dabei Tiere im Mittelpunkt.

Das Sommerloch-Tier schlechthin ist Kaiman Sammy. Er war der Star im Juli 1994. Das kleine Reptil war damals seinem Besitzer abgehauen und in einem Badesee verschwunden. Es folgte eine Riesensuchaktion mit entsprechender medialer Begleitung. Und fünf Tage später tauchte Sammy wieder auf.

Auf Mucher Hof Huppenhardt leben die größeren Tiere

Manchmal, aber auch nur manchmal träumen auch wir von einem Fall wie diesem. Was gäben wir für einen Wal, der in der Sieg strandet, wir würden ihn „Siegfried“ taufen und wochenlang über sein Schicksal berichten. Doch nicht mal ein hustender Hamster tut uns den Gefallen, in einer Reihenhaussiedlung ausgebüxt zu sein – wir müssen uns ein eigenes Sommerlochtier suchen.

Die Suche beginnt im „Tierheim für Groß- und Nutztiere“, dem Hof Huppenhardt in Much, wo Sandra Hoof eine Schüssel mit Trockenfutter dabei hat – dem Lieblingsfutter der Ziegen, wobei so ziemlich alles Lieblingsfutter sein kann, was man fressen kann.

Der letzte, der heran gelaufen kommt, ist Milchschnitte. Sein rechtes Vorderbein ist schief, der weiß-braun gescheckte Ziegenbock humpelt. „Er hatte mal ein gebrochenes Bein, das nicht richtig wieder zusammengewachsen ist. Er erhält deswegen dauerhaft Schmerzmittel“, sagt Hoof, die auf Huppenhardt für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Milchschnitte stamme wie sein Kumpel Ronaldo, eine Pinzgauer Ziege mit imposanten Hörnern, von einem Abenteuerspielplatz. „Sie wurden dort täglich von Kindern gestreichelt, hatten aber keine Rückzugsmöglichkeit. Irgendwann hat sich das in ihrem Verhalten widergespiegelt und sie reagierten nicht mehr gut auf Kinder. Also wurden sie abgegeben.“

Die Bezeichnung Gnadenhof hören sie auf Hof Huppenhardt nicht gerne, auch wenn einige Tiere bis an ihr Lebensende dort bleiben dürfen. „Wir sind ein Tierheim für größere Tiere. Würden wir alle Tiere hier behalten, wären wir schnell voll. Deswegen vermitteln wir sie wieder, wenn das möglich ist.“

Ein schwarz-weißes Kaninchen.

Safiri wurde in einem Wald bei Hennef ausgesetzt und wartet jetzt im Troisdorfer Tierheim auf liebevolle Besitzer.

Mehr als 1000 Pferde, Schafe, Hühner seien in den vergangenen 20 Jahren bereits an neue Besitzer gegeben worden. „Nur wenn ein Tier so geschwächt ist, dass eine Vermittlung nicht fair wäre, kann es hier bleiben – so wie Milchschnitte, der mittlerweile der Liebling unserer Community ist“, sagt Hoof.

Seit rund zwei Monaten ist der Ziegenbock auf dem Hof, der von dem Verein Europäischer Tier- und Naturschutz (ETN) betrieben wird und sich durch Spenden und Patenschaften finanziert. Beim großen Sommerfest am 6. September können die Besucherinnen und Besucher Milchschnitte in seinem neuen Zuhause bewundern.

Hahn Zillo aus Lohmar ist ein Gentleman

Wer sich schon einmal gefragt hat, ob Hühner ein Gehör haben, lernt bei Tara Tierhilfe in Lohmar etwas dazu: „Zillo“ ruft Gründerin Ulla Fiebig über dem Hof und Augenblicke später kommt ein stattlicher Hahn um die Ecke geschossen. Er gehorcht wie ein Hund und gewährt seiner Freundin Henriette den Vortritt bei den Körnern, die Fiebig vor ihm ausstreut.

„Ein Gentleman, wie alle Hähne“, sagt sie. „Hähne sind wunderbare Tiere, sie sind sehr klug und gucken nach ihren Hühnern. Sie krähen bei Greifvögeln und greifen Fressfeinde an.“ Das bekommt direkt der Hundemischling, einen ganzen Kopf kleiner als Zillo, zu spüren, als er Henriette zu nahe kommt. Fiebig nimmt den Wuffi lieber auf den Arm.

„Er ist ein Jersey Giant, das ist die größte Hühnerrasse, die es gibt. Vor zwei Jahren kam er als hässliches Entchen hier an, wir wussten nicht, ob vielleicht eine Pute draus wird – es wurde ein Hahn.“ Gefunden worden sei er wohl im Wald. „Viele Leute brüten Eier aus, um ihren Kindern zu zeigen, wie das so funktioniert. Die Hälfte sind dann aber Hähne und mit denen können sie nichts anfangen. Also setzen sie sie aus.“

Ein schwarzer Hahn steht auf einem gepflasterten Weg.

Hahn Zillo lebt bei der Tara Tierhilfe in Lohmar; als Küken wurde er im Wald ausgesetzt.

Auch Zillo würde wohl mehrfacher Hühnerpapa werden. „Wir können aber auch keine Hähne gebrauchen, weil die sich untereinander nicht verstehen. Wir entnehmen deswegen die Eier“, sagt sie. Kastrieren könne Fiebig ihren „Hühnerboy“ nicht. „Das hat man im Mittelalter gemacht, ist heute aber sehr aufwendig und teuer.“ Einen kastrierten Hahn nenne man – noch etwas gelernt – Kapaun. „Das ist mein Lieblingsschimpfwort: Du elender Kapaun“, sagt Fiebig.

So würde sie wohl Menschen bezeichnen, die für das verantwortlich sind, was Safiri erlitten hat: Das Kaninchen wurde in einem Wald in Hennef ausgesetzt. „Es war genau zum Beginn der Schulferien, als wir einen Anruf von einer Spaziergängerin erhielten, die mit ihrem Hund im Wald unterwegs war. Sie hat ein einen kleinen Transportkorb entdeckt, daneben saß ein schwarz-weißes Kaninchen“, schildert Jordan Wieland, 1. Vorsitzender des Vereins Team für Tiere.

Vor allem in den Sommerferien werden viele Tiere ausgesetzt, diesmal vor allem Kaninchen
Jordan Wieland, Vorsitzender von Team für Tiere

Die Ehrenamtlichen fuhren nach Hennef und suchten in dem stark bewachsenen Unterholz nach dem mutmaßlichen Mischling aus Hase und Kaninchen. „Er saß verängstigt hinter einem Baum. Wir konnten ihn jedoch schnell sichern und ins Tierheim bringen.“

Wieland, der sich nach eigenen Angaben seit über zehn Jahren im Tierschutz engagiert, kennt das Phänomen: „Vor allem in den Sommerferien werden viele Tiere ausgesetzt, diesmal vor allem Kaninchen. Wir hatten in diesem Jahr aber auch 13 Farbratten auf einmal, Wellensittiche und unzählige Katzen.“

Sogar eine Vogelspinne war unter den Fundtieren, ein Mann hatte sie Anfang Juli in Neunkirchen-Seelscheid an seiner Mülltonne entdeckt und der Polizei übergeben. Das Team für Tiere gab die Spinne in eine Pflegestelle in Niederkassel.

Kaninchen Safiri wartet im Troisdorfer Tierheim auf liebevolle Besitzer

„Die Tiere werden einfach ihrem Schicksal überlassen, sie werden bei 30 Grad in einer Transportbox an einem Parkplatz ausgesetzt oder im Wald, wo man davon ausgehen muss, dass der Fuchs sie holt. Wellen- und Nymphensittiche werden am Fenster frei gelassen, woraufhin sie Greifvögeln und Katzen zum Opfer fallen. Katzen setzen die Leute mitten auf dem Feld mit Futter und Wassernapf aus.“

Manche Tierhalterinnen und Tierhalter seien mit den Kosten für eine Kastration überfordert, andere zögen es vor, nach dem Urlaub ein neues Tier anzuschaffen, weil das günstiger als ein Pflegeplatz sei. „Ein Hamster kostet im Zoohandel nicht viel. Das Problem ist vor allem, dass man bei vielen Tieren keine besondere Eignung zur Tierhaltung nachweisen muss. Aber Tiere dienen nicht der Bespaßung von Kindern, es sind Lebewesen“, unterstreicht Wieland. Kaninchen Safiri wartet nun im Troisdorfer Tierheim auf neue, liebevolle Besitzerinnen und Besitzer.