Wolfsburg/Köln – Das Spiel und seine offiziellen Nachwehen waren längst vorbei, da ließ Steffen Baumgart seinen ersten Auswärtssieg als Trainer des 1. FC Köln sacken. Der 49-Jährige saß alleine in den Katakomben der VW-Arena und wartete auf die Abfahrt. Baumgart sah nicht wie jemand aus, der mit seinem Team gerade 3:2 bei einem Champions League-Teilnehmer gewonnen hatte – der erste Sieg beim VfL Wolfsburg seit dem 3:2 am 24. Januar 2010.
Der Trainer wirkte in sich gekehrt und genoss still. Dann fühlte er sich aber veranlasst, abseits des Protokolls doch noch einen kurzen Einblick in seine Gefühlswelt zu zeigen: „Heute können wir über den Fußball sprechen, wie ich ihn mir vorstelle. Ich habe nur eine Mannschaft über 90 Minuten Fußballspielen gesehen“, offenbarte er Stolz und Genugtuung.
FC hat 60 Prozent Ballbesitz
Letztere hatte sicher etwas mit dem jüngsten 0:2 gegen den FC Augsburg zu tun. Der Stachel der ersten Heimniederlage saß bei Baumgart deshalb tiefer, weil der Gegner mit einer Taktik zum Erfolg gekommen war, die er für seine Spielidee ablehnt: tief stehen, verteidigen und kontern. Der FC-Trainer bevorzugt das Aktive und so spielten die Kölner in Wolfsburg nahezu jeden Angriff konsequent von hinten heraus. Eine Vorgehensweise, die sich nach einer starken Anfangsviertelstunde der Wolfsburger durchsetzte.
Angesichts des Duells zwischen einem Königsklassen-Teilnehmer und einem Fast-Absteiger kamen so erstaunliche Werte zustande. Der FC hatte 60 Prozent Ballbesitz und spielte 170 Pässe mehr als die Gastgeber. VfL-Trainer Florian Kohfeldt ließ sein Team tiefer stehen und wie Augsburg auf schnelle Umschalter setzen. Beide Wolfsburger Tore durch Lukas Nmecha (8.) und Wout Weghorst (51.) fielen nach Kölner Standards tatsächlich auch nach Kontern. „Was uns gefehlt hat, war eine Führung mit zwei Toren. Dann hätten wir gewonnen“, ärgerte sich Kohfeldt.
Verantwortlich dafür waren die Kölner, die an ihrem Weg festhielten. Das 1:1 durch Anthony Modeste fiel nach einem Ballgewinn von Jonas Hector an der gegnerischen Torauslinie (34.), das 2:2 von Mark Uth (73.), weil sich der FC in der gegnerischen Hälfte festgesetzt hatte. Besonders stolz machte Baumgart Modestes 3:2 (89.) nach Maßflanke von Kingsley Schindler. „Toll, dass die Jungs zweimal so zurück gekommen sind. Die Mentalität stimmt. Das Tor war überlegt mit einer öffnenden Spielverlagerung bis hin zu King herausgespielt. Nach dem 2:2 gegen einen Champions-League-Teilnehmer weiter nach vorne auf Sieg zu spielen, das ist stark. Diesen Weg werden wir weitergehen.“ Der vom Zeitpunkt her glückliche Siegtreffer war so etwas wie eine Belohnung für den steten Glaubendes FC in dieser Saison, ein Spiel bis zum Ende gewinnen zu können.
Extralob für Jonas Hector
Der FC-Coach hatte zudem bei seinen Auswechslungen ein glückliches Händchen. Das 2:2 des 74 Sekunden zuvor eingewechselten Uth bereitete der zeitgleich reingekommene Schindler ebenso vor wie das 3:2. „Die Wechsel haben gut geklappt“, lobte Baumgart und schloss Jan Thielmann, der ab der 71. Minute über links Dampf gemacht hatte, mit ein. Schon zur Halbzeit war Jannes Horn für den an der Wade angeschlagenen Salih Özcan zu einem gelungenen Saisondebüt als Linksverteidiger gekommen. Selbst Baumgarts letzter Wechsel erntete Beifall, obwohl es Uth traf: „Ich war krank und habe nur zwei Tage mittrainiert. Dass ich wieder ausgewechselt wurde, war taktisch. Der Trainer hat immer gute Ideen“, sagte der Torschütze lachend. Baumgart brachte Innenverteidiger Luca Kilian in der Tat, um gegen lange Bälle des VfL einen weiteren starken Kopfballspieler zu haben.
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Das Extralob des FC-Trainers ging übrigens weder an die beiden Top-Joker Schindler und Uth noch an Modeste. Baumgart hob Jonas Hector hervor. Der 31-Jährige musste in Halbzeit zwei ins Zentrum rücken, weil mit Özcan nach Ellyes Skhiri (krank) und Dejan Ljubicic (Muskelprobleme) schon der dritte Sechser ausgefallen war. „Stark, wie Jonas das kalt auf dieser Position nach Wochen als Linksverteidiger gemacht hat. Er ist unsere Konstante, unsere stabile Sicherheit. Jonas ist der Robert Lewandowski des FC“, adelte der FC-Coach den Kapitän und verabschiedete sich in Richtung Köln.



