Leverkusen – Bayer 04 Leverkusen hat schon im ersten Heimspiel der Saison 2021/22 nachhaltig bewiesen, dass es auch unter dem neuen Coach Gerardo Seonae beste Fußball-Unterhaltung unter dem Bayer-Kreuz geben kann. Mit dem unerwartet klaren 4:0 (2:0)-Derbyerfolg gegen den rheinischen Rivalen Borussia Mönchengladbach am Samstagabend zeigte die Werkself einmal mehr ihr überbordendes Talent.
Gepaart mit einer neuen Art der Wucht ergab der Auftritt im Bundesliga-Topspiel einen mitreißenden und überzeugenden Auftritt der Leverkusener. Ein erstes Gütesiegel für die Arbeit des Schweizers Seoane, der bei der Rückkehr der Zuschauer in die BayArena ein perfektes Debüt feierte. „Ein großes Kompliment an die Mannschaft. Wir waren von Beginn an griffig und präsent. Und der Spielverlauf war auf unserer Seite.“
Keine Anlaufzeit benötigt
Die Werkself benötigte überhaupt keine Anlaufzeit, um das Spektakel an diesem lauen Sommerabend anzuzünden. Als Linksverteidiger Mitchell Bakker aus dem Schwung der ersten Sequenzen heraus einfach mal aus 30 Metern mit links abzog, stand es schon nach drei Minuten 1:0. Der Flachschuss des Niederländers klatschte an den rechten Pfosten, von dort an das linke Bein des völlig verdutzten Borussen-Keepers Yann Sommer und trudelte über die Linie.
Ein maximal unglückliches Eigentor des Schweizers. Fünf Minuten später verging Sommer zum zweiten Mal das Lachen. Nachdem der von Kerem Demirbay bediente Moussa Diaby Gladbachs Linksverteidiger Joe Scally auf der Außenbahn eine Kostprobe seiner Sprintfähigkeiten verabreicht hatte und Patrik Schick in zentraler Position fand, fiel das 2:0. Der Tscheche zog aus 16 Metern wuchtig mit links und so platziert ab, dass Sommer zwar noch mit der Hand am Ball war, den Gegentreffer aber nicht verhindern konnte. Seoanes Elf hatte die Gladbacher überrascht und überrollt. „So einen Start wünscht sich jeder Trainer. Verantwortlich dafür war sicher auch die Rückkehr der Fans. Das hat die Spieler sehr motiviert“, erklärte der Schweizer.
Verzicht auf Robert Andrich
Der neue Coach verzichtete zu Beginn auf Neuzugang Robert Andrich und änderte seine Startformation im Vergleich zum 1:1 bei Union Berlin nur auf einer Position. Olympiasieger Paulinho kam für Nadiem Amiri über die linke Seite. Entscheidend war aber der Wille, mit dem die Bayer-Profis ihre Aktionen bestückten. Angetrieben von Exequiel Palacios und Charles Aranguiz setzten die Hausherren die Borussen als Kollektiv permanent mit aggressiven Doppeln unter Stress. Es ehrte das Team von Coach Adi Hütter, dass es trotzdem einen Weg in seine Struktur fand und durch Jonas Hofmanns 18-Meter-Flachschuss durchaus auf 1:2 hätte stellen können (18.).
Das ansehnliche Offensivspiel der Gäste fand aber keine Belohnung. Im Gegenteil: Bis zur Pause mussten die Gladbacher drei weitere Nackenschläge einstecken. Der von Inter Mailand umworbene Stürmer Marcus Thuram musste nach 19 Minuten ebenso verletzt vom Platz wie Stefan Lainer (45.), der sich den Knöchel brach. Bakker hatte den österreichischen Rechtsverteidiger der Borussia an der Strafraumkante abgeräumt und dabei gleich zweimal übel getroffen. Schiedsrichter Deniz Aytekin ahndete die rüde Aktion des Bayer-Neuzugangs mit Gelb und nach einem Hinweis des Videoassistenten auch zurecht mit Strafstoß.
Gladbacher Unglücksserie
Der Neuzugang aus Paris hatte Lainer auf der Linie getroffen. Der sonst so sichere Elfmeterschütze Lars Stindl scheiterte aber mit einem schwachen Versuch an seinem Leverkusener Kapitäns-Kollegen Lukas Hradecky (41.). „Das war eine Schlüsselszene. Bei einem 1:2 wäre es sicher schwieriger geworden“, sagte Seoane. Zu einem weiteren Gladbacher Unglück fehlte nur Schicks Kaltschnäuzigkeit. Nachdem sich Gladbachs Innenverteidiger Matthias Ginter und Nico Elvedi gegenseitig behinderten, lief der Bayer-Torjäger allein auf Sommer zu, konnte den Torhüter aber nicht ein zweites Mal überwinden (39.).
Die Halbzeitpause war dann nur eine Unterbrechung der Mönchengladbacher Unglückserie. Erst setzte Florian Neuhaus einen Kopfball freistehend aus vier Metern über den Kasten, dann fälschte der eingewechselte Rami Bensebaini einen Diaby-Schuss aus zwölf Metern entscheidend zum 3:0 ab (55.). Anstatt mit einem Anschlusstreffer die Partie in seine Schließlich mussten zwei weitere Borussen angeschlagen vom Feld (63.). Ginter plagte Schwindel, Alassane Plea nach einem Foul in der ersten Hälfte nachhaltig das Knie. Adi Hütter war an diesem Abend mit vier verletzungsbedingten Auswechslungen nach einer guten Stunde wahrlich nicht zu beneiden.
Ein ernüchterndes Spiel
„Das war heute ernüchternd für uns. Zum einen, weil die Leistung nicht gereicht hat, zum anderen wegen der schweren Verletzungen unserer Spieler“, sagte der Gladbacher Trainer. Es hatte etwas von Hohn, als die Borussia bei einem Pfostenschuss von Schick (65.) dann tatsächlich auch mal Glück hatte. Der Wille der Gladbacher war da aber schon gebrochen.
Seoane verteilte Einsatzzeiten. Der Trainer brachte Amiri, der bei seinem 4:0 (87.) Yann Sommer ein drittes Mal unglücklich aussehen ließ, und Andrich, später noch Joel Pohjanpalo und den wiedergenesenen Jungstar Florian Wirtz. Vor allem aber hatte der neue Bayer-Coach nach 90 Minuten die Gewissheit, dass er ein Team übernommen hat, das auch in der Bundesliga-Saison 2021/22 zu spektakulärem Offensiv-Fußball in der Lage sein wird. Oder warum sonst feierten die 15.105 Zuschauer in der nach Corona-Regelungen ausverkauften BayArena ihre Mannschaft mit „Oh, wie ist das schön“-Gesängen und ließen trotz der corona-bedingt noch leeren Plätze die La-Ola-Welle über die Ränge schwappen?
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Bayer 04: Hradecky; Frimpong, Kossounou, Tah, Bakker; Aranguiz (84. Baumgartlinger, Palacios (68. Andrich); Paulinho (68. Amiri), Demirbay (81. Wirtz), Diaby; Schick (81. Pohjanpalo). – Mönchengladbach: Sommer; Lainer (45. Bensebaini), Ginter (63. Netz), Elvedi, Scally; Kramer, Neuhaus; Hofmann, Stindl, Thuram (20. Wolf); Plea (63. Hermann) . – SR.: Aytekin. – Zuschauer: 15.105. – Tore: 1:0 Sommer (3. Eigentor), 2:0 Schick (8.), 3:0 Diaby (55.), 4:0 Amiri (87.). – Gelbe Karten: Demirbay, Bakker, Paulinho, Diaby; Kramer, Wolf.



