Bonn – Ob sie es doch einmal dort hoch schafft, auf den Berg der Begierde? Die Aussicht vom Corcovado zu genießen, der Christusstatue ganz nah zu sein? Auch der Zuckerhut hat natürlich seine Reize. Etwa den herrlichen Blick auf den glitzernden Sand der Copacabana. Rio de Janeiro - diese brummende, wummernde Metropole an der Atlantikküste Brasiliens. Vielleicht wird Annika Zeyen ja all diese Attraktionen nicht besichtigen können. Denn in den nächsten Tagen wird es eher ein Krachen und Scheppern sein, das die Bonnerin da begleitet.
Wenn sie auf dem Spielfeld in ihrem Element ist, kann es schon mal ganz schön zur Sache gehen. Zeyen ist das hohe Spieltempo und die Wettkampfhärte längst gewohnt, wenn die Rollstühle zusammenrasseln, wenn geblockt und geschoben wird auf dem Parkett. Mehr noch: Sie legte eine Weltkarriere hin - als Rollstuhlbasketballerin. Die führt sie in diesen Tagen nach Rio zu den Paralympics. Es ist bereits ihre vierte Teilnahme an den Olympischen Spielen für Menschen mit Behinderung. Daher hat sie eine konkrete Ahnung davon, was auf sie zukommt in Südamerika. Mit Sightseeing hat das jedenfalls nicht viel gemein. Sie fliege nicht dorthin, sagt sie, um "etwas zu besichtigen". Punkt. "Wir fokussieren uns auf die Spiele." Der Sport steht bei ihr an erster Stelle.
Ohnehin dreht Zeyen sportlich am ganz großen Rad, gilt als eine der Besten ihres Fachs: vielfache deutsche Meisterin, Pokalsiegerin, sechsfache Europameisterin, Vize-Weltmeisterin, berufen in viele Allstarteams, ausgezeichnet mit dem silbernen Lorbeerblatt und - nicht zuletzt: Mit dem deutschen Team gewann sie vor vier Jahren in London paralympisches Gold.
Diesen Augenblick jetzt noch einmal zu auszukosten: das wär's. Um wieder ganz dort oben zu stehen, um dieses "große Highlight im Vierjahreszyklus" wieder zum Erfolg führen zu können, hat sie mit der Nationalmannschaft ein straffes Programm absolviert. Drei Jahre dauerte die Vorbereitung auf die Spiele. Die deutschen Spielerinnen nahmen an Turnieren in den USA teil, in England und Holland, waren "mehr unterwegs als zu Hause". Zeyen steckt das weg. Auch mit ihren jetzt 31 Jahren bringt sie reichlich Verve mit, dient den Jungen im Team als Vorbild und Ratgeberin. "Der Sport hat mir sehr geholfen", sagt sie, "nun gebe ich gerne etwas zurück."
Querschnittslähmung mit 14
Geholfen hat auch ihr ausgeprägter Ehrgeiz. Selbst in ihren wohl dunkelsten Stunden. Zeyen, aufgewachsen in Hennef, verfügt über einen starken Willen. Sonst hätte sie das Leben danach wohl nicht so schnell in den Griff bekommen. In ihrem alten Leben war sie ein junges Mädchen, das Spaß an der Bewegung hatte, das beim Reiten seine Erfüllung fand. Doch bei einem Proberitt auf einem Pferd kommt es zum Unglück: Sie stürzt. Wird notoperiert. Die Ärzte versuchen alles, um ihre Gesundheit zu retten. Umsonst. Die bittere Diagnose: Querschnittslähmung. Laufen kann sie fortan nicht mehr. Da ist Annika 14.
Ein Schock. Ein Schicksalsschlag, ja, aber Zeyen ist ein optimistischer Mensch. Statt der prognostizierten sechs Monate absolviert sie die Reha in nur sechs Wochen. Auf die Unterstützung der Familie und der Freunde kann sie dabei zählen. Den Drang zur Bewegung verliert sie nicht. In der Reha kommt sie erstmals mit dem Rollstuhlbasketball in Kontakt - eine neue Leidenschaft ist geboren. Eine Karriere im Zeitraffer folgt. Beim ASV Bonn katapultiert sie sich rasch auf ein beachtliches Niveau, schnuppert erstmals Bundesligaluft. Sie entwickelt sich weiter. Baut 2004 ihr Abitur. Dann der Wechsel zum RSV Lahn-Dill, dem FC Bayern München des Rollstuhlbasketballs. Dort sammelt sie Titel um Titel, zieht weiter in die USA - zum Studium an die University of Alabama (Werbung und Grafikdesign). Und zum Spielen. Auch mit dem Collegeteam bleiben die Erfolge nicht aus. Von den Trainingsbedingungen dort ist sie begeistert. Kurze Wege, alles auf einem Gelände. Voraussetzungen, die sie sich nun auch in Rio wünscht. Sie gehe davon aus, dass alles gut klappen werde. Die Zimmer im olympischen Dorf, meint sie, seien jedenfalls "schon mal größer als die in London".
Die Konkurrenz ist stark
Auf den erneut ganz großen Wurf hofft sie in Rio, zutiefst überzeugt davon ist sie jedoch nicht - kann sie bei der starken Konkurrenz etwa aus den Niederlanden, den USA oder Kanada gar nicht sein. "Gold zu gewinnen", sagt sie, "wäre grandios. Aber es kann auch sein, dass wie leer ausgehen." Doch gleich, wie das Abenteuer am Zuckerhut endet, Stillstand wird auch danach nicht einkehren bei Annika Zeyen. Pendelte sie in den vergangenen Jahren zwischen Hamburg, wo sie für die BG Baskets spielte, und Bonn, kehrt sie nun ganz zurück in ihre alte Heimat. Dort verbrachte sie zuletzt die erste Wochenhälfte, durfte in der Halle des ASV trainieren, bevor sie dann am Wochenende mit den Hamburgern in der Bundesliga antrat.
Ihr Teilzeitjob im Marketing des Internationalen Paralympischen Komitees in Bonn ("der Job passt perfekt zu mir") wird nach den Spielen zu einer vollen Stelle aufgestockt. Dann wird man sie wieder häufiger in ihrer Heimatstadt sehen: auch auf dem Handbike am Rheinufer. Immer auf Achse.
Ob sie wieder für den ASV spielt? Unklar. Zunächst einmal konzentriert sie sich darauf, in Rio ganz oben auf dem Treppchen zu landen. Und vielleicht schafft sie es ja sogar, noch höher hinauszukommen: auf den Corcovado. Mit Gold im Gepäck.
