Köln – Die Telekom Baskets starten am Sonntag in Göttingen in ihre 23. Bundesligaspielzeit. Über den Charakter der mit sechs Neuzugängen veränderten Mannschaft, die Saisonziele und das Auftaktprogramm sprach Rundschau-Mitarbeiter Bert Mark mit Sportmanager Michael Wichterich.
Herr Wichterich, um zu gewinnen kann ein Basketballteam versuchen, mit starker Offensive mehr Punkte zu erzielen als der Gegner – oder mit starker Defense weniger Punkte zu kassieren. Welcher Typ Mannschaft ist das neue Baskets-Team mehr?
Am liebsten hätten wir ein Team, das konstant einen Punkt mehr erzielt als der Gegner. Aber unsere grundsätzliche Idee ist es, „Typen“ zu gewinnen, die sich als Arbeiter und nicht als Künstler sehen. Dieser Charakter der Mannschaft soll sich natürlich in ein überdurchschnittliches Engagement in der Verteidigung als Fundament für unser Gesamtspiel übersetzen.
Nach der vergangenen Saison hatten Sie beim alten Team vor allem zwei Schwachpunkte ausgemacht: Es war im Rebound Durchschnitt und hatte defensive Probleme gegen Gegner mit großen Guards. Ist es gelungen, diese Schwächen zu beheben?
Im Rebounding ist unser Eindruck, dass wir uns verbessert, zumindest aber mehr Potenzial haben. Auf den Außenpositionen sind wir nicht größer, aber athletischer geworden. Man wird sehen, dass James und Gibson größer spielen, als es ihre 188 cm vermuten lassen. In der Verteidigung wird sich das positiv auswirken. In welchem Maße, können wir aber erst nach Spielen gegen Topteams sagen.
Für den letzten Kaderplatz hatten Sie einen „großen“ Guard mit Qualitäten in der Defense und im Spielaufbau gesucht. Mussten Sie mit Shane Gibson Abstriche bei diesem Anforderungsprofil machen?
An der Körpergröße gemessen ja. Allerdings ist die Zusammenstellung eines Teams immer eine dynamische Sache. Mit jedem Neuzugang entwickelt es ein klareres Profil. Es ergeben sich andere Bereiche, die man versucht zu optimieren. Nach den ersten Wochen war unser Eindruck, dass wir noch einen überdurchschnittlichen Werfer benötigen, um unsere Ziele zu erreichen. Das verspricht Gibson.
Im Vergleich der Center erscheint Charles Jackson beweglicher und schneller als sein Vorgänger Julian Gamble. Wird er sich auch gegen schwere und robuste Innenspieler der Liga durchsetzen können?
Das wird sich zeigen, da er zum ersten Mal in seiner Karriere auf dem Niveau einer BBL und Champions League spielt. Aber unser Eindruck ist ein klares JA. Auch wenn er nicht der dominante Offensiv-Spieler wie Gamble ist, hat er viele Qualitäten, die uns richtig helfen werden und die wir im letzten Jahr so nicht hatten.
Mit Ra’Shad James haben die Baskets wieder einen Mann vom Typ wie Ryan Thompson in der Saison 16/17, der stark im Eins-gegen-Eins ist und einen eigenen Wurf kreieren kann. Wie soll die Arbeitsteilung mit Josh Mayo aussehen?
Ra’Shad kam topfit zur Vorbereitung und arbeitet professionell. Mit seiner Erfahrung und seinen individuellen Fähigkeiten wird er mit Mayo die Hauptverantwortung für die Baskets tragen. Letztlich geht es um die Feinabstimmung, aber wir erwarten, dass beide voneinander profitieren. Josh ist weiter als Aufbauspieler derjenige, der das Spiel organisiert, mit Ra’Shad aber jetzt jemanden an seiner Seite hat, der als Scorer von der gegnerischen Verteidigung sehr viel Aufmerksamkeit bekommen wird und entsprechend Räume für alle Mitspieler schafft.
Welche Saisonziele setzen sich die Baskets in der BBL und in der Champions League?
Das BBL-Mittelfeld sieht in diesem Jahr extrem kompakt aus, die Play-offs ist eine Aufgabe und unser klares Ziel Nummer eins. Erst dann beschäftigen wir uns mit mehr. Was die Champions League angeht: Hier haben wir in der vergangenen Saison etwas liegen lassen. Ein Punkt mehr in Oostende hätte für das Weiterkommen gereicht. Dieses Mal wollen wir in die K.o.-Runde.
Wer sind für Sie die Favoriten in der BBL?
Die Liga ist seit langem nicht mehr so klar in Sachen Favoritenrolle aufgestellt wie diesmal. Auf dem Weg zur Meisterschaft geht kein Weg an Bayern München vorbei.
Mit welchen Ambitionen starten Sie in den reformierten BBL-Pokal, in dem jetzt erstmals 16 Erstligisten vertreten sind?
Ich finde den neuen Modus sehr attraktiv, denn er sorgt zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder für so etwas wie Pokalgefühl – K.o.-Spiele ab der ersten Runde. Wer da nicht die Ambitionen hat jedes Spiel zu gewinnen, ist wirklich fehl am Platz. Aber das Spannende ist ja eben, dass man nur von Runde zu Runde denken kann. Wir fahren am übernächsten Samstag nach Bremerhaven um dort zu gewinnen – und dann schauen wir, wer kommt.
Das Auftaktprogramm bringt mit Göttingen, Braunschweig und Bremerhaven (Pokal) innerhalb von acht Tagen drei von der Papierform schlagbare Gegner. Wie beurteilen Sie diese „norddeutsche Trilogie“?
Ja, auf dem Papier sind wir sicherlich Favorit. Auch wenn gerade zu Beginn der Saison die Leistungsschwankungen bei allen Teams größer sind: Dieser Rolle wollen wir auch gerecht werden.
ERSTER GEGNER
Bei der BG Göttingen beschließen die Baskets am Sonntag, 30. September, um 18 Uhr den ersten BBL-Spieltag. Die gastgebende Truppe von Trainer Johan Roijakkers sicherte zuletzt dank starker Individualisten auf Platz 14 den Klassenerhalt, verlor aber mit Brion Rush, Will Buford und Mitch Creek drei Leistungsträger. Die Lücken schließen sollen die Guards Tre Loggins und Pendarvis Williams, die aus der 2. Liga Spaniens und Italiens kommen, sowie die Forwards Mihajlo Andric (Partizan Belgrad) und Derek Willis (USA). Sie sind mit Spielmacher Michael Stockton und Center Darius Carter die Stützen.
Seit dem Wiederaufstieg 2014 gab es acht Spiele zwischen Göttingen und Bonn, von denen die Niedersachsen zwei gewinnen konnten: Im April 2017 fügten sie den Baskets im Endspurt vor den Play-offs beim 66:78 eine bittere Heimschlappe zu, im Februar 2016 gewannen sie zu Hause 92:84. In der vergangenen Saison gingen beide Spiele klar an Bonn (91:65 und 82:70). (MK)