Der Angriff junger Menschen auf einen Obdachlosen hat Ende November vergangenen Jahres für Aufsehen gesorgt.
Ermittlungen eingestelltÜbergriff auf Obdachlosen bleibt ohne Folgen

An der U-Bahn-Station Hansaring passierte der Übergriff.
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Ein Bericht der Rundschau hatte öffentlich gemacht, dass junge Menschen einen schlafenden Mann in der U-Bahn-Station Hansaring mit Tritten angegriffen hatten. Friederike Bender, Sozialarbeiterin der Hilfseinrichtung „Oase“, war beherzt eingeschritten und hatte die Polizei informiert. Auf mehrere Nachfragen unserer Redaktion dauerte es recht lange, bis der Fall bei der Staatsanwaltschaft gelandet war. Dort wurde zunächst wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Unbekannt ermittelt. Jetzt aber stellt sich heraus: Das Verfahren wurde eingestellt. „Nach Durchführung der Ermittlungen konnten keine konkreten Personen als Tatverdächtige ermittelt werden“, erklärte ein Sprecher der Behörde.
Welche Jugendlichen also für den Übergriff verantwortlich waren, wird sich wohl nicht mehr herausfinden lassen. Ob Videoaufnahmen aus der U-Bahn-Station ausgewertet wurden, wollte der Behördensprecher nicht sagen. Letztlich reiht sich der Fall ein in viele weitere, in denen Gewalt gegen Wohnungslose ohne Folgen bleibt. Fachleute aus karitativen Organisationen kennen dieses Problem seit langem – und übereinstimmend wird berichtet, dass die Aggressivität gegenüber Obdachlosen zunimmt.
Entsetzen über Erfahrungen
Linda Rennings hat selbst einige Zeit auf der Straße gelebt. Nach einer Ausbildung zur Genesungsbegleiterin engagiert sie sich seit vielen Jahren als Streetworkerin mit ihrem gemeinnützigen Verein „Heimatlos in Köln“ (HIK) am Wiener Platz. Da sie das Leben auf der Straße aus eigener Erfahrung kennt, hat sie einen besonderen Draht zu den Menschen, die aktuell ohne Wohnung sind. Das Entsetzen über Erfahrungen mit Gewalt ist in den Gesprächen, die sie führt, stets gegenwärtig. „Die Menschen werden geschlagen und angespuckt, manchmal sogar angepinkelt“, erzählt Rennings: „Obdachlose sind oft Freiwild, niemand kümmert sich um solche Übergriffe.“

Linda Rennings, "Heimatlos in Köln" (HIK)
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Passanten würden meist achtlos an Wohnungslosen in Not vorbeigehen. Wenn die Polizei gerufen werde, dauere es oft zu lange, bis die Beamten eintreffen. „Bis dahin sind die Täter längst weg“, so Linda Rennings: „Im schlimmsten Fall wird den Angegriffenen noch nicht einmal geglaubt.“ Viele Betroffene, die auf der Straße leben, hätten auch deshalb Angst davor, überhaupt mit der Polizei zu sprechen. Gerade für obdachlose Frauen seien Gewalterfahrungen alltäglich. Vor allem wenn sie im Freien schlafen, würden sie häufig sexuell belästigt. Ungewollte Annäherung und ruppiges Anfassen gehören laut Rennings dazu, aber auch andere, verstörende Verhaltensweisen: „Dass ein Mann vor einer solchen Frau sein Glied auspackt und sich befriedigt, kommt immer wieder vor.“
Übergriffe an Partymeilen
Dass Gewalt gegen Obdachlose allgemein immer wieder von Jugendlichen ausgehe, sei eine schlimme Entwicklung, betont Linda Rennings: „Gerade in der Innenstadt ist das ein Problem. Da wollen junge Menschen ihren Frust abbauen. Und rund um die Partymeilen gibt es Übergriffe von betrunkenen Jugendlichen, die sich oft dabei auch noch mit dem Handy filmen.“
Auch der Streetworker Franco Clemens kennt diese Probleme aus eigener Anschauung. Er sieht einen Rechtsruck in der Gesellschaft und Hassrede in Sozialen Netzwerken als Hauptgründe für die Zunahme der Gewalt gegen Obdachlose. Gerade Jugendliche würden im Internet häufig mit problematischen Inhalten konfrontiert, die dann Folgen im realen Leben hätten, so Clemens: „Es ist eine Gemengelage von spontanem jugendlichem Übermut, der Aufhetzung in den sozialen Netzwerken gegen Arbeitslose, Arme und Obdachlose, bis hin zu populistischen politischen Äußerungen und der medialen Berichterstattung über Einzelfälle von Transferleistungsbetrug.“
Mehr Messer im Einsatz
Gewalt gegen Menschen, die auf der Straße leben, finde meist spät abends oder nachts an zurückgezogenen Schlafplätzen statt. Insofern sei der Fall am helllichten Tag in der U-Bahn-Station Hansaring eher außergewöhnlich. Dass sich Passanten wie die Streetworkerin Friedrike Bender direkt in Gewaltkonflikte einmischen, sei aus Selbstschutz eher selten, erklärt Franco Clemens: „Die massive Gewaltbereitschaft auch unter Einsatz von Messern hat zugenommen, gleichzeitig wurden rechtlich die Mittel zu Notwehr oder Nothilfe stark reglementiert. Das schreckt immer mehr Bürger ab, selbst physisch einzugreifen.“
Dass die Stimmung in der Gesellschaft insgesamt rauer wird, beobachtet auch Susanne Hahmann. Die führt die Geschäfte bei der „Diakonie Michaelshoven Soziale Hilfen gGmbH“, die sich auch um Obdachlose kümmert. Zudem ist sie Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W). Bei einer Tagung vor wenigen Wochen war es bei der Organisation insbesondere auch um die Situation in Köln gegangen. „Die Ausgrenzung von Menschen nimmt zu, vor allem wenn sie einen Migrationshintergrund haben“, beschreibt Hahmann: „Wohnungslose werden häufig Opfer von Gewalt.“
Bundesweites Problem
Die BAG W beschäftigt sich intensiv mit dem Thema und dokumentiert Fälle, unter anderem gibt es eine interaktive Karte im Internet. Der Fall in der U-Bahn-Station habe sie erschüttert, so Hahmann: „Wäre die Streetworkerin nicht eingeschritten, wäre womöglich noch mehr passiert.“ Der Übergriff ist bei der BAG W bisher noch nicht verzeichnet. „Es gibt eine große Dunkelziffer, auch weil viele Übergriffe nicht bei der Polizei angezeigt werden“, weiß die Fachfrau.
In der Stadtpolitik spiele das Thema Obdachlosigkeit insgesamt nur selten die Rolle, die angemessen wäre, so Susanne Hahmann. Es werde viel über Verwahrlosung der Stadt gesprochen, dabei müsse für Menschen, die auf der Straße leben, konkret etwas getan werden: „Man muss Einrichtungen mit niederschwelligen Angeboten für die betroffenen Menschen schaffen.“ Ideen und Konzepte gebe es, aber zu wenig Geld. Problematisch sei auch, dass in vielen vorhandenen Einrichtungen ein striktes Alkoholverbot gelte: „Das ist nicht zielführend, wenn man die Menschen wirklich auch für Hilfsangebote erreichen will.“
Projekt des "Draussenseiter"
Der Obdachlose, der in der U-Bahn-Station am Hansaring angegriffen worden war, meidet den Ort inzwischen offenbar. Streetworkerin Friederike Bender von der „Oase“ hat ihn dort nicht mehr gesehen. Und mehrfache Anfragen beim Hansa-Gymnasium, das direkt an der Haltestelle liegt, blieben ohne Antwort. Die Rundschau wollte vom Schulleiter wissen, ob der Übergriff bekannt und womöglich im Unterricht behandelt worden sei. Die Aufmerksamkeit für das Thema scheint also auch an Schulen noch ausbaufähig zu sein. Ausgerechnet Christina Bacher von der Straßenzeitschrift „Draussenseiter“, die von der „Oase“ herausgegeben wird, bietet deshalb seit einigen Monaten Workshops für Schülerinnen und Schüler zum Thema Obdachlosigkeit an (wir berichteten). Auf diese Weise soll die Lebensrealität der Menschen, die auf der Straße leben, an den Schulen vermittelt werden – um Empathie zu stärken, Übergriffe zu vermeiden und im Zweifel zumindest dazu animieren, in problematischen Situationen schnell Hilfe zu holen und niemanden alleine zu lassen.
