Für Laura D. ist ihr Pantaleonsviertel „eine kleine Oase“. Die Mutter von zwei Töchtern fürchtet, dass das nicht so bleibt, wenn das geplante Suchthilfezentrum eröffnet wird. Mit ihr sprach Gabi Bossler.
Geplantes Kölner Suchthilfezentrum„Familien werden völlig alleine gelassen“

Unterwegs in ihrem Wohnviertel zwischen Salierring und Perlengraben: Laura D. (33) mit ihren vier- und sechsjährigen Töchtern.
Copyright: Costa Belibasakis
Was macht Ihnen konkret große Sorgen?
Die Auswirkungen auf den Alltag und die Sicherheit von Kindern. Im Viertel gab es bisher keine suchtkranken Menschen, wir leben in einem reinen Wohngebiet mit vielen Familien und vielen Seniorinnen und Senioren, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben. Wie die Oma meines Mannes, die einmal in der Woche mit ihrem Rollator zum Klösterchen zu einem Gymnastikkurs geht. Sie ist 96 Jahre alt und möchte das dann nicht mehr alleine tun. Hier leben viele vulnerable Menschen. Doch die werden überhaupt nicht gesehen.
Nicht gesehen zu werden ist einer ihrer Hauptkritikpunkte…
… ein Beispiel dafür ist die Infoveranstaltung der Stadt im Januar. Da wurden viele Fragen nicht beantwortet, etwa zum Konzept für die Sicherheit des Viertels. Es wurde nur gesagt „ihr müsst uns vertrauen, wir müssen da selbst erstmal reinwachsen, Polizei und Ordnungsamt werden vor Ort sein, wenn es nötig ist“. Wir sollen einfach ruhig sein und abwarten. Aber wir haben konkrete Fragen, etwa, ob Ansprechpartner rund um die Uhr vor Ort sind oder ob es nur eine Hotline geben wird.
Wie soll mein Kind reagieren, wenn suchtkranke Menschen auf es zugehen, die sich in Zuständen befinden, in denen sie nicht mehr realisieren, was sie tun.
Auch unsere schriftlichen Fragen nach den Kriterien für den Standort wurden bis heute nicht beantwortet. Und ebenfalls nicht, warum es unbedingt 1000 Meter sein sollen und nicht zum Beispiel 1300. Aus meiner Sicht ist ein Kilometer schon alles andere als szenenah. Und was passiert, wenn das Zentrum voll ist? Müssen die Menschen warten, werden sie weggeschickt? Auch auf die Frage unserer IG Pantaleonsviertel danach, wer das Zentrum kofinanziert, gab es keine Antwort. Falls es die versprochene politische Transparenz gibt, sollte sie auch umgesetzt werden, damit wir uns auf die kommende Situation vorbereiten können.
Wieso haben Sie kein Vertrauen in angedachte Kooperation von Polizei und Ordnungsamt?
Zum Beispiel, weil wir seit langem sehen, wie die Situation am Neumarkt ist. Die Polizei spricht Platzverweise aus, dann gehen die Menschen zehn Meter oder ein paar Straßen weiter. Wir befürchten, dass es dann auch in unserem Viertel Beschaffungskriminalität geben wird. Denn wo soll das Geld für die Drogen herkommen? Auch die Aussage, dass mit dem Mikrohandel im SHZ der Handel draußen wegfallen wird, überzeugt nicht. Wo wird dann im großen Stil gedealt? Tatsächlich nur in Wohnungen, oder doch auch in ruhigen Ecken und Garageneinfahrten? Außerdem werden sich die suchtkranken Menschen bestimmt auch in die wenigen Grünflächen und auf die zwei, drei kleinen Spielplätze zurückziehen, die es im Viertel gibt. Und dort auch konsumieren. Es wird eine „Null-Toleranz-Politik“ versprochen, aber wie sieht die denn ganz konkret aus?
Welche Befürchtungen haben Sie mit Blick auf ihre Kinder?
Unsere ältere Tochter geht in die erste Klasse der Grundschule Pfälzer Straße. Noch bringe ich sie, aber später soll sie allein und selbstständig dorthin gehen und Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln können. Das wird in den nächsten zwei Jahren passieren. Aber genau dann soll auch das SHZ eröffnet werden. Wie soll mein Kind reagieren, wenn suchtkranke Menschen auf uns zugehen, die sich in Zuständen befinden, in denen sie nicht mehr realisieren, was sie tun. Oder wenn sie „aggressiv“ um Geld betteln. Denn es wird wohl niemand den ganzen Tag auf dem Areal des SHZ bleiben.
Die Erfahrung des Zürcher Modells zeigt aber, dass Menschen, die Crack konsumieren, nicht in so extreme Zustände kommen, wenn sie einen Platz zum Schlafen haben und regelmäßig trinken und essen können…
Das stimmt. Aber es ist ja schon absehbar, dass die Zahl suchtkranker Menschen weiter steigt, gerade nimmt etwa der Konsum von Kokain zu, weil das so billig ist. Und dass neue Drogen wie Fentanyl hinzukommen, die es in anderen Städten schon gibt. Ich finde, dass das Gelände des SHZ eher klein ist für die erwarteten 180 Menschen. Wenn etwas weniger Menschen das Zentrum nutzen, kann man das Hilfekonzept sicher besser realisieren. Und mit einer überschaubaren Zahl von Nutzenden werden vielleicht auch die Vereinbarungen, was das Verhalten außerhalb des Zentrums angeht, besser eingehalten. Wir kritisieren nicht das interne Handlungskonzept für das SHZ, das wird von den erfahrenen Trägern sicher gut umgesetzt. Uns geht es um die Situation im Viertel und um die viel zu große Zahl suchtkranker Menschen.
Was würden Sie anders machen?
Schnell parallel über die ganze Stadt hinweg weitere Zentren schaffen, die deutlich kleiner sind als das jetzt geplante. Laut Stadt wurden 13 Standorte geprüft. Die können ja nicht alle komplett ungeeignet gewesen sein. Wenn man ein oder zwei Kriterien streichen oder zumindest abschwächen würde, gäbe es sicher noch weitere geeignete Plätze und man könnte die Menschen auf verschiedene Bereiche der Innenstadt verteilen. Wenn die Stadt die Kriterien erstellt hat, kann sie sie ja auch ändern. Wenn man sich am Erfolgsmodell Zürich orientiert, dann würde das bedeuten, allein linksrheinisch müssten fast schon sechs bis acht kleinere Zentren entstehen.
Eine Idee wäre, dass es mehrere kleinere Zentren in die Nähe aktueller Hotspots wie dem Ebertplatz, dem Rudolfplatz und direkt am Neumarkt geben sollte. Dann würde man sicher insgesamt mehr suchtkranke Menschen erreichen.
Wie könnte das aussehen?
Eine Idee wäre, dass es mehrere kleinere Zentren in der Nähe aktueller Hotspots wie dem Ebertplatz, dem Rudolfplatz und direkt am Neumarkt geben sollte. Dann würde man sicher insgesamt mehr suchtkranke Menschen erreichen, auch die, die nicht in die Südstadt kommen wollen oder können. Denn sämtliche Studien und sogar die Stadt betonen, dass Suchthilfezentren unmittelbar „am Ort des Geschehens“ sein müssen . Wir leben in einer Großstadt, da gehören wohnungslose und suchtkranke Menschen dazu, und wir erziehen unsere Kinder dazu, dass man diesen Menschen hilft. Aber wenn sie in einem Viertel mit sehr vielen schwerkranken Menschen konfrontiert werden, kann Kinder das schnell überfordern. Eine andere Befürchtung ist, dass sich unsere Kinder an das Elend gewöhnen und abstumpfen. Beide Aspekte wurden in Studien untersucht, das sind realistische Szenarien.
Sie kritisieren auch das Argument, dass es keine Schulen in direkter Nähe des SHZ gibt.
Das Berufskolleg Riemerschmid ist 70 Meter vom geplanten Zentrum entfernt! Dazu heißt es, das sind ja schon ältere Schüler, das ist nicht so schlimm. Aber ich glaube, dass stimmt nicht. Wenn ich in der Pause am Berufskolleg vorbeigehe, kiffen die Jugendlichen wie verrückt, hier gibt es eine große Affinität zu Drogen und wohl auch nicht wenige Jugendliche, die sich in einer nicht einfachen Lebenssituation befinden. Sie könnten schon anfällig für andere Rauschmittel sein unabhängig von ihrem Alter.
Trotz allem sind Sie nicht gegen das Suchthilfezentrum…
…es geht gar nicht darum, dass wir sagen, wir wollen damit nichts zu tun haben, das soll auf keinen Fall hierhin. Sondern darum, dass wir mitgestalten wollen. Wir fordern die feste Einrichtung eines Runden Tisches, wie es ihn für die Konsum- und Aufenthaltsräume am Hauptbahnhof, die der Sozialdienst katholischer Männer (SKM) betreibt, schon gibt. Ein Gremium, in dem unsere Anliegen ernst genommen werden, wo alle Beteiligten zum Austausch zusammenkommen. Und, wenn das SHZ tatsächlich bei uns stehen sollte, zumindest in den ersten Monaten die dauerhafte Präsenz der Polizei. Das würde Vertrauen schaffen. Ein erster Erfolg für uns war, dass es in der Ratssitzung Anfang Februar einen Änderungsantrag gab, auf den sich viele Fraktionen geeinigt hatten. Im Konzept, das erarbeitet wird, sollen unsere Fragen beantwortet werden. Darauf setzen wir jetzt. Denn wir werden mit etwas konfrontiert, was überall in Deutschland die Kommunen überfordert. Und bisher nach dem Motto „ihr Eltern macht das schon“ völlig alleingelassen.
