Im November hat der 63-Jährige Henriette Reker abgelöst, viele Themen hat er angepackt, aber es ist viel zu tun.
100 Tage im AmtDas hat OB Burmester in Köln bislang geschafft

Torsten Burmester (SPD), Kölner Oberbürgermeister, vor dem Kölner Dom.
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Ein Montagmorgen auf dem Wiener Platz in Mülheim. Torsten Burmester steht da auf dem grauen weiten Areal und hört den Anwohnern zu. Hört Klagen über wild geparkte E-Scooter und eine fehlende Zufahrt, über Drogenkriminalität und Müll auf der Straße. Er hört viel und schreibt viel mit auf seinem Notizblock. Er sagt, „wer eine Zigarettenkippe achtlos wegschnippt, kann mit einem Knöllchen des Oberbürgermeisters persönlich rechnen“. Die Botschaft ist klar: Der OB nimmt die Menschen ernst, er hört zu, und er nimmt ihre Sorgen wahr. Die meisten Menschen wollen das ja: gehört werden.
Seit 100 Tagen ist Torsten Burmester Oberbürgermeister von Köln. Er ist der erste Sozialdemokrat im Amt seit zehn Jahren. Damals hatte der ruhige Jürgen Roters den Posten inne, es folgte die unabhängige Kandidatin Henriette Reker. Ins Amt gekommen ist Burmester wohl auch, weil er sich mit den Menschen beschäftigt hat. Er hat viele Unternehmen besucht und Gespräche geführt, er kannte sich schnell ganz gut aus, insgesamt haben die Kölnerinnen und Kölner ihn als echt empfunden. Und weil die Probleme sich immer mehr türmen in der Stadt, weil die Oper immer noch nicht fertig ist und die KVB nicht pünktlich fahren – da wollte man vor allem einen, der auch mal ein Problem löst. Nach seinem Amtsantritt im November, als der Elfte Elfte gefeiert werden wollte, hat Comedian Guido Cantz schnell den Witz von „Bob, der Burmester“ gerissen. So richtig hat der Gag nicht verfangen, aber einer, der anpackt, das will Torsten Burmester schon sein.

Burmester nach seiner Vereidigung im Rathaus am 6. November.
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Der 63-Jährige ist Politprofi und ein erfahrener Funktionär. Er weiß also, was funktioniert. Auch deswegen hat er schnell die Aktionswoche „Ordnung und Sauberkeit in den Veedeln“ ins Leben gerufen. Die Stadt sieht danach unwesentlich anders aus, aber zumindest war mal wieder eine Idee von aufgeräumten Straßen im Raum. Burmester spricht beim Festakt zum Hochwasserschutz lange mit den Arbeitern, bevor er zu den geladenen Gästen kommt. Wenn er einen Saal betritt, schaut er sich erst um und schüttelt Hände, schreitet nicht voran. Er kann gesellig, wenn er bei den Karnevalisten zu Gast ist, und belässt es als gebürtiger Niedersachse bei Andeutungen des kölschen Vokabulars. So hat er es auch bei der Prinzenproklamation gehalten. Die Übung gelang weitgehend fehlerfrei. Wer das als Kölner OB schafft, hat die wahre Feuertaufe bestanden.
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Man muss vielleicht an dieser Stelle sagen: Torsten Burmester hat in den ersten 100 Tagen sehr viele gute Eindrücke hinterlassen. Viele sagen: Er benennt die Themen und geht sie an, es wird gelobt, dass da einer ist, der einen Plan hat. Vielleicht, weil so ein Plan in den letzten Jahren nicht zu erkennen war. Der Messe-Chef freut sich, dass „mal wieder einer die Wirtschaft zur Chefsache erklärt“. Man muss aber auch sagen: Torsten Burmester hat noch nicht viel erreichen können, er ist erst gut drei Monate im Amt.
Noch ist das Suchthilfezentrum nicht da
Baustelle Neumarkt: Am Donnerstag hat der Stadtrat das neue Suchthilfezentrum für Drogenkranke beschlossen. Die Verelendung rund um den zentralen Platz hat den OB schon im Wahlkampf aufgebracht, er hat gesagt, „da muss etwas passieren und zwar schnell“. Dann hat er sich darum gekümmert. Der Standort ist fast bis zur letzten Minute geheim geblieben trotz großer Abstimmungsrunden, ungewöhnlich in Köln. Dass es Widerstand geben würde, hat Burmester ebenfalls gewusst. Er hat standgehalten, die Debatte im Rat ist unaufgeregt verlaufen. Aber noch ist das Zentrum nicht da, noch kann also nichts funktionieren, überhaupt soll das Zentrum nur der Einstieg zu einem umfassenden Hilfesystem sein. Vorerst wird das kein Gewinnerthema sein.
Noch ein Problem: Köln ist pleite. Die Schuldenberge türmen sich laut Prognosen bis 2029 von derzeit 7,5 Milliarden auf 12 Milliarden Euro auf. Köln surft an der Grenze zum Haushaltssicherungskonzept. Burmester hat mit Dienstbeginn eine Haushaltssperre verhängt, wohl auch, um ein Signal zu setzen. Er hat angekündigt, am städtischen Personal sparen zu wollen und Baukosten und Einzelprojekte stärker in den Blick nehmen zu wollen. Klar ist auch: Die kurzfristigen Spielräume sind gering, der Kostendruck ist enorm. Und die maroden Brücken und Museen müssen saniert werden.

OB Torsten Burmester im Gespräch mit der Kölnischen Rundschau.
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Erst kürzlich musste die Kämmerin einräumen, dass ihr 29 Millionen Euro für die Unterbringung von Geflüchteten fehlen. Der neue OB hat als eine seiner ersten Amtshandlungen die Grundsteuer erhöht. Er hat das im Wahlkampf nicht ausgeschlossen, und er hat den Schritt danach erklärt. Weil die notwendig gewordene Neuordnung der Steuer zu Einnahmeverlusten geführt hatte. Bei den Bürgern kam aber auch an: Der Neue erhöht erst mal die Steuern. Dabei ist das Wohnen in Köln eh schon viel zu teuer.
Was stimmt. Nächste Baustelle: Die Wohnungsnot ist eines der wichtigsten Themen der Stadt. Auch das hat der OB früh benannt. Aber kann er das Problem lösen? In Zeiten der Krise werden Investitionsentscheidungen sorgfältig abgewogen. Immerhin hat der Stadtrat Ende 2025 beschlossen, eine Art Kölner Modell für günstigeres Bauen etablieren zu wollen. Die Standards sollen runter und damit auch die Mieten, Hamburg ist Vorbild, schon bald sollen Pilotprojekte entstehen. Im März soll der „Bauturbo“ kommen und Köln schneller bauen, die Stadt soll neue Freiheiten des Planungsrechts nutzen. Es kommt also etwas in Bewegung.
Neu ist an diesem OB, dass er auf wechselnde Mehrheiten im Rat setzt, dies ist bei den ersten Beschlüssen gelungen. Burmester hat die stark gewordene Linke-Fraktion schnell spüren lassen, dass er sie nicht für bündnisfähig hält. Und er sucht Mehrheiten in klarer Abgrenzung zur AfD. Manch einer sieht nach langen Jahren des oft quälenden Nichtentscheidens neue demokratische Verheißungen im Rat. Doch auch hier gilt: Gefragt ist die Langstrecke. Die vielen Gespräche in den Hinterzimmern, um Mehrheiten zu organisieren, wird der OB nicht alle allein führen können. Er hat den früheren Fraktionsgeschäftsführer der SPD als Verhandlungsspezialisten engagiert, auch für ihn ein aufwendiges Unterfangen. Bisweilen tritt der OB schneidig im Ton auf, gerade gegenüber den Grünen, die nach wie vor die stärkste Ratsfraktion stellen. Prognose: Der OB wird einen langen Atem brauchen, um in komplizierten Fragen wie rund um die Ausbaupläne des FC im Grüngürtel Mehrheiten zu organisieren.
Das Thema Olympia hat der frühere Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes im Jubelsturm an sich genommen. Köln geht voran bei der Bewerbung für Rhein und Ruhr, und in gut zwei Monaten sollen die Kölnerinnen und Kölner über ein Abhalten der Spiele abstimmen. Das wäre Voraussetzung, um überhaupt in den nationalen Wettbewerb mit München, Berlin und Hamburg zu gehen. Stand jetzt gibt es kein Fieber für die Wettkämpfe, eher Unterkühlung. Ein Nein am 19. April wäre auch für den OB eine Niederlage.
Dass Burmester im Stadtvorstand, der Runde der Dezernenten, mit klaren Vorstellungen führt, darf man sich wohl vorstellen. Dem Verkehrsdezernenten soll er dabei hin und wieder seine Ansichten sehr deutlich nahebringen. Der strittige Ausbau der Mülheimer Brücke war dafür das jüngste Beispiel. Auf die Studie zur Zahl der notwendigen Rad- und Autospuren hätte der OB wohl ganz verzichten können. Er hat das Thema vorerst mit sanftem Druck in andere Bahnen gelenkt.
Klar wurde etwas anderes in der Auseinandersetzung: Die Sehnsucht nach einem, der durchgreift, ist groß. Torsten Burmester wird das nicht allein schaffen, er will das auch nicht, sondern lieber viele mitnehmen. Aber nach 100 Tagen ist klar: Der OB hat eine Richtung vorgegeben. Und er hat schon einige Weichen gestellt.
