Die Kölnerin Derya Seyhun und ihr vierjähriger Sohn Kian wurden am 14. November 2021 in Niehl ermordet. Vier Jahre danach spricht ihr Vater.
„Es ist so schwierig zu akzeptieren“Vater der ermordeten Derya spricht über die unfassbare Tat

Der Kölner Ersin Seyhun am Niehler Rheinufer, wo seine Tochter Derya und sein Enkel Kian 2021 ermordet wurden.
Copyright: Nabil Hanano
Zwei breite Schultern, ein rundes Gesicht und ein Blick voller Herzlichkeit – so sitzt Ersin Seyhun in seiner Wohnung in Kalk. Der 59-Jährige weist noch lachend den Kater zurecht, der durch den Flur in die Küche flitzt, bevor er sich auf die große Sofalandschaft im Wohnzimmer niederlässt. An den Wänden der Wohnung hängen Fotografien seiner drei Töchter. Darunter auch das Gesicht der jungen Frau, das deutschlandweit durch die Medien ging. Gemeinsam mit einem kleinen Jungen lächelt sie in die Kamera. Der Name der Frau ist Derya Seyhun, der kleine Junge ist ihr Sohn Kian. In dieser warmen Atmosphäre erscheint es kaum vorstellbar, dass die tragische Geschichte seiner Tochter vor vier Jahren das Familienidyll und die ganze Republik erschüttert hat.
Rückblick: 2021 leben die 24-jährige Derya und der vierjährige Kian bei ihrem Vater und Großvater in Kalk. Nachdem sie die Familienwohnung an einem Novemberabend verlassen haben, kehren sie nie mehr nach Hause zurück. Denn an diesem Abend werden Derya Seyhun und ihr kleiner Sohn Kian ermordet. Der Mörder: der Vater des Kindes und ein Schulfreund Deryas. Wie das Gericht später herausarbeiten wird, lockt er am 14. November 2021 die junge Mutter in einen Hinterhalt am Niehler Rheinufer. Nach ein paar gezielten Schlägen auf Kopf und Gesicht tötet er sie durch mehrere Messerstiche vor den Augen ihres Sohnes. Danach ersticht er auch Kian. Die Körper der beiden lässt er im Rhein verschwinden. Der Täter wird vom Landgericht Köln zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt.
Spontaner Ausflug endet in Tragödie
„Ich habe das bestimmt 100-mal, 500-mal, 1000-mal, immer wieder wiederholt, weil es für mich sehr schwierig war zu akzeptieren, dass die zwei nicht mehr da sind.“ Erst nach einem halben Jahr habe er verstanden, dass seine Tochter und sein Enkel nicht wiederkommen. Dann konnte er anfangen zu verarbeiten, was seiner Tochter und seinem Enkel angetan wurden.
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Ersin Seyhun war am Abend der Tat mit seinen Freunden unterwegs, als Deryas Schwester ihn kontaktierte und von ihrem Verschwinden berichtete. Ersin Seyhuns Töchter wohnen gemeinsam mit dem Enkelsohn bei ihm. Kian war bereits im Bett, als Derya ihn anzog und einen spontanen Ausflug an den Rhein unternahm, im Glauben, der Vater des Kleinen wolle ihn endlich kennenlernen. Zuvor hatte er die Vaterschaft verweigert, wie aus der Anklageschrift hervorgeht - angeblich weil er die Beziehung zu seiner damaligen Freundin nicht gefährden und seine Eltern nicht enttäuschen wollte. Doch an diesem Abend rief er spontan an und zeigte sich ungewöhnlich offen. In der Gerichtsverhandlung wird klar, der Anruf ist Teil seines Plans, die beiden in die Dunkelheit zu locken, um sie zu töten.
Als Derya und Kian auch am nächsten Tag nicht auftauchen und kurz darauf die Polizei vor Ersin Seyhuns Tür steht, beginnt für ihn eine schwere Zeit: „Die ersten Monate waren schlimm, ich habe immer diese Stimmen gehört: ‚Opa, wir sterben hier, hilf uns.‘ Diese Stimme hat mich nicht in Ruhe gelassen, ich war kurz vorm Durchdrehen.“ Erinnerungen an diese Zeit habe er kaum noch. „Ich kann mich aber sehr gut an den Schmerz erinnern. Der saß so tief“, erzählt Ersin Seyhun und schaut auf die Wand gegenüber, wo die Familienfotografien hängen, die von einer Zeit vor der schrecklichen Tat erzählen.
Überraschender Familienzuwachs
Als die 19-jährige Derya 2017 schwanger wird, verschweigt sie es bis zur Geburt. Sie wollte nicht auf das Schwangersein reduziert werden und es alleine schaffen, erzählt Ersin Seyhun. Als Kian auf der Welt ist, freut sich die Familie über den Zuwachs. Deryas Kontakt zu Kians Vater verläuft sich nach der Schulzeit.
Doch Kinder sind neugierig, und so fängt Kian im Sommer vor der Tat an, Fragen zu seinem abwesenden Vater zu stellen. Derya berät sich mit Ersin Seyhun. Obwohl die beiden zufrieden in der Rolle der alleinigen Erzieher sind, entscheidet sich Derya im September 2021, den Vater von Kian zu kontaktieren. „Weil es Kians Wille war“, betont Ersin Seyhun.
Doch es war auch eine Frage des Geldes: Derya möchte dem Jugendamt den Namen des Vaters nennen, um eine Unterhaltszahlung einfordern zu können. Und die Zeit drängte: „Die Frau vom Jugendamt wollte unbedingt eine Entscheidung am Montag. Deshalb hat sie sich am Sonntag zuvor mit dem Vater getroffen, weil sie eben diesen Druck gespürt hat“, erinnert sich Ersin Seyhun.
„Gerichtsverhandlungen waren am schlimmsten“
Doch es kommt anders, und Wochen später sieht sich Ersin Seyhun in einem Gerichtssaal dem Mörder seiner Tochter gegenüber. „Die Gerichtsverhandlungen waren am schlimmsten“, sagt er. Insgesamt elf Gerichtsverhandlungen muss er durchstehen. Die grauenvollen Bilder seiner ermordeten Tochter, die er während der Verhandlungen zu sehen bekommt, verfolgen ihn noch lange. Er holt sich ärztliche Hilfe.
Nicht nur die Bilder waren für ihn schmerzhaft, die anfängliche Argumentation des Verteidigers sei es ebenfalls gewesen: „Dass sie ein leichtes Mädchen gewesen wäre, dass sie ja leichtgläubig war, dass sie dumm gehandelt hätte“, berichtet er von der Verhandlung. So fragte der Verteidiger auch, warum Derya abends das Haus verlassen hätte. Seyhun zeigt sich fassungslos über diese Frage: „Wir leben in Deutschland. Warum soll eine Frau nicht mit ihrem Kind zu jeder Zeit rausgehen? Das ist doch kein Grund, jemanden umzubringen.“
Täter wollte keine Verantwortung übernehmen
Polizeiliche Untersuchungen zeigten, dass Kians Vater die Tat geplant haben muss. Er recherchierte nach Betäubungsmitteln und K.O.-Tropfen. Am Morgen nach der Tat suchte er im Internet nach den Stichwörtern „Fingerabdrücke Wasserleiche“. Doch erst am achten Verhandlungstag gesteht der Angeklagte, laut Seyhun emotionslos. Die Richterin urteilt im Prozess am Kölner Landesgericht: Er habe Derya und ihren Sohn als Störfaktor angesehen. Er beschloss den Mord laut Gericht aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen, nachdem er von seiner Vaterschaft erfahren hatte und nun verhindern wollte, Unterhaltszahlungen zu leisten. Auch seine damalige Verlobte sollte nicht von der Vaterschaft erfahren, da er befürchtete, sie würde ihn verlassen. Im September 2022 verurteilt ihn das Landgericht Köln wegen Mordes mit besonderer Schwere der Schuld zu lebenslanger Haft.
Trauer und Tatendrang
Vier Jahre nach dem Tod seiner Tochter verwandelt Ersin Seyhun seine Trauer in Tatendrang und möchte auf Missstände aufmerksam machen: „Das mit diesen Femiziden ist wirklich eine schlimme Sache. Wir haben hier viele Gesetze, die immer noch aus den 1950ern stammen.“ Ersin Seyhun nennt den Mord an seiner Tochter einen Femizid. Für ihn und Deryas Freundinnen ist der Mord an ihrer Freundin auch das Resultat eines strukturellen Problems. Sie werden selbst tätig: „In unserer Verzweiflung wollten wir etwas tun und haben ‚Justiz für Derya und Kian‘ und ‚Femizide Stoppen‘ gegründet.“ Bis heute klärt Lilly mit der Initiative ‚Femizide stoppen‘ über Morde an Frauen auf, die ähnlich wie Derya ihrem (Ex-)Partner oder engen Familienangehörigen zum Opfer gefallen sind.
„Ich glaube, für normal denkende Menschen ist es unmöglich, sich vorzustellen, dass man wegen 185 Euro Unterhalt zwei Leute umbringt. Dass man denkt: ‚Ich habe so viel Macht, ich kann machen, was ich will. Es ist mein Kind. Es ist meine Ex Freundin.‘“ Seyhun findet es wichtig, diese Morde als Femizide zu benennen und wünscht sich mehr Präventionsarbeit: „Die Polizei handelt erst, wenn etwas passiert. Die Gesetzgebung müsste bereits reagieren, wenn eine Frau bedroht wird, und sie schützen, bevor es zu spät ist.“ Er weiß, dass er mit seinem Engagement seine Tochter und seinen Enkel nicht zurückbekommt, hofft jedoch, dass es anderen hilft.
Femizid
Das Wort Femizid bezeichnet einen Mord an weiblichen Personen, ausgeübt von einem ihr nahestehenden Mann, weil sie sich nicht an geschlechtsspezifische Stereotype hält. So bezeichnet es das Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht. Dies kann bedeuten, dass sich eine Frau trennen möchte und der Partner dies zu verhindern versucht oder sie eigene Lebensentscheidungen treffen will, mit denen ein (Ex)-Partner nicht einverstanden ist. Femizide können passieren, weil die Männer einen Macht- oder Kontrollverlust erleben. In Deutschland ist Femizid kein eigener Straftatbestand. Der Begriff wird bereits seit Jahren kontrovers diskutiert. (kug)
